„Doktor Nautilus“ aus Hermannstadt

Das Leben und Wirken des Naturforschers Carl Friedrich Jickeli

Freitag, 07. März 2014

Das Leben von „Dr. Nautilus“ präsentierten anlässlich der Konferenzdebatte „Auf den Spuren des Naturforschers Carl Friedrich Jickeli“ im Schillerhaus: (v. li) Dr. Octavian Buda, Anamaria Păpureanu und Dr. Klaus Fabritius. (Projektmanagerin: Aurora Fabritius. Musikalische Untermalung/Gesang: Suzana Lefter.)
Foto: George Dumitriu

Nennen wir ihn schmunzelnd „Doktor Nautilus“, den  Hermannstädter Händlerssohn, dessen Leidenschaft nicht den schönen Waren, nicht den klingenden Münzen und auch nicht dem stattlichen, noch heute existierenden Kommerziantenhaus nahe des großen Platzes galt. Der statt dessen in jungen Jahren, nachdem er seine Lehre in Vaters Hause pflichtgemäß abgeschlossen hatte -  bereit, doch keinesfalls begeistert, in dessen Fußstapfen zu treten - vom Muschel- und Schneckensammeln träumte. Von Mollusken, die er am Roten Meer studieren wollte, um seine Theorie der evolutionären Verwandtschaft mit den Exemplaren des Mittelmeers zu beweisen...

Carl Friedrich Jickeli. Hermannstädter kennen seinen Namen - vor allem aber seit der Eröffnung der aktuellen Ausstellung „Die Perlmuttsammler“ im Brukenthal-Museum. Bukarester bekamen in der Veranstaltung „Auf den Spuren des Naturforschers Carl Friedrich Jickeli“ im Kulturhaus Friedrich Schiller am 27. Februar zumindest einen kleinen Vorgeschmack auf die kostbaren Kollektionen, deren Fotos dort die Wände zieren. Siebenbürgische Forscher haben sie in rund 160 Jahren zusammengetragen und erstmals wissenschaftlich beschrieben. Unter ihnen der Händlerssohn Carl Friedrich Jickeli.

Glühender Traum von Wissenschaftskarriere

Wer kann den jungen Sachsen besser verstehen als der selbst in der Welt der Naturwissenschaft beheimatete Vortragende Dr. Klaus Fabritius, der uns die Lebensgeschichte Jickelis aufrollt? Schließlich hatte der gestrenge Vater dem Drängen nachgegeben und dem 15-jährigen Lehrjungen, der schon damals ein begeisterter Molluskensammler war, die Finanzierung einer Expedition in Aussicht gestellt. Doch erst 1870, als Carl Friedrich schon 20 war, hielt der Kommerziant sein Wort. Obwohl immer noch Laie, hatte sich der junge Carl Friedrich inzwischen einen Namen als Sammler sowie als Entdecker eines nach ihm benannten Schneckchens in Haţeg gemacht und stand mit dem deutschen Professor Wilhelm Dunker in Verbindung. Aber leider reichte das Geld, das der geizige Händler für seinen Sohn locker machte, hinten und vorne nicht für die geplante Expedition. So trat der junge Hobbyforscher erstmal eine lange Bettelreise an: Budapest, Wien, Triest...

Außer freundlichen Empfehlungsschreiben kein Erfolg. Mit dem Schiff fuhr er schließlich trotzdem nach Alexandria und von dort aus weiter nach Kairo, wo er überraschend einen alten Freund aus Hermannstadt wiedertraf, der ihn zumindest gratis ans Rote Meer reisen ließ. Dort gelang es Jickeli, sich dem Schweizer Forscher Werner Munzinger anzuschließen, der ihn für eine einmonatige Expedition nach Äthiopien anheuerte. Auf trockenem Boden wollte man dort Gasteropoden, Muscheln und Schnecken sammeln, die sich hier vor Urzeiten abgelagert hatten.
Danach kehrte Jickeli zurück ans Rote Meer und verbrachte eine Zeit bei Perlenfischern. Diese waren ihm bei seinem Vorhaben, Meeresschnecken zu studieren, äußerst nützlich, weil sie in der Nebensaison Korallen als Baumaterial ernteten – und mit diesen allerlei interessantes Getier an die Oberfläche brachten. Begeistert machte sich Jickeli schließlich mit den gesammelten Proben auf den Weg nach Berlin, wo sie von Wissenschaftlern studiert wurden.

Neun Jahre später erhielt Carl Friedrich Jickeli endlich die Chance, das ihm vom Vater verwehrt gebliebene Abitur in Frankfurt nachzuholen. In Heidelberg beginnt er anschließend das heißersehnte Studium der Naturwissenschaft und Philosophie. Nach der Promotion in Würzburg scheint endlich der Weg für eine wissensschaftliche Karriere frei! Der berühmte Zoologe, Philosoph und Freidenker Ernst Häckel, der die Arbeiten von Charles Darwin in Deutschland bekannt gemacht und zu einer speziellen Abstammungslehre ausgebaut hatte, holte den jungen Carl Friedrich nach Jena...
Das Glück war leider nur von kurzer Dauer. Bald erreichte ihn die Kunde, sein Vater sei krank und er müsse den Laden in Hermannstadt übernehmen. Die Universitätskarriere, auf die er so lange gehofft und hingearbeitet hatte, blieb ihm für immer verwehrt. Doch seiner Leidenschaft fürs Sammeln und der Wissenschaft blieb Jickeli ein Leben lang treu. 1924, ein Jahr vor seinem Tod, veröffentlichte er sein wichtigstes Werk, ein Buch mit dem Titel „Pathogenesis“, in dem er seine Theorie auf Basis der Darwinschen Evolutionstheorie beschrieb.

Trotz geplatzer Karriere ein Eliteforscher

Dr. Octavian Buda, Dozent an der Universität „Carol Davila“, erklärte den Hintergrund der wissenschaftlichen Entwicklungen zur Zeit Jickelis: 1859 - Carl Friedrich war damals neun Jahre alt – schockte der britischeWissenschaftler  Charles Darwin die Welt mit einem Buch: „On the Origins of Species“ (über die Herkunft der Arten). Sein späterer Schüler war der Mediziner Ernst Häckel, Mentor von Jickeli, dessen wesentlichster wissenschaftlicher Beitrag darin bestand, die Evolution der Arten in der Embryonalentwicklung nachzuvollziehen. Berühmte Schüler Häckels wiederum waren Karl Gegenbaur, dessen vergleichende Anatomie die Evolutionstheorie unterstützte, sowie Rudolf Virchov, als Vater der modernen Pathologie bekannt. Jickeli war in diesen Kreisen gut vernetzt: Sowohl Darwin als auch Häckel waren Mitglieder der Siebenbürgischen Gesellschaft für Naturwissenschaften, der Jickeli 27 Jahre lang, bis zu seinem Tode, vorgestanden hatte.

Anamaria Păpureanu, Museologin in der Abteilung für Naturkunde im Brukenthal-Museum, berichtet von den bleibenden Errungenschaften des siebenbürgischen Forschers: 1300 Kilogramm Material hatte Jickeli auf seiner Expedition gesammelt, studiert und in wissenschaftlichen Kreisen getauscht oder verteilt. Allein der Transport der kostbaren Stücke, die für Forschungszwecke weder abgeschliffen noch angebrochen sein dürfen, muss eine schier unbewältigbare Herausforderung gewesen sein! Objekte aus seiner Sammlung befinden sich heute in Museen in aller Welt. Zwei neue Spezies tragen seinen Namen als Entdecker: die Meeresschnecke Conus Jickeli und die Muschel Aspatharia marnoi Jickeli. Seine eigene Kollektion, die er 1896 dem Brukenthal-Museum vermachte, umfasste über 20.000 Exemplare, davon mehr als 1800 unterschiedliche Spezies. In der Ausstellung „Die Perlmuttsammler“ können die filigranen Hüllen der einstigen Meeresbewohner noch bis zum 4. April bewundert werden. Schnecken und Muscheln, die zum Nachdenken anregen: Hat ihnen doch „Dr. Nautilus“ 56 Jahre seines Lebens mit unvorstellbarer Leidenschaft gewidmet.

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*