Doppeldiplom – doppelte Herausforderung

Temeswarer Studenten im zweiten Austauschsemester in Karlsruhe

Samstag, 14. Oktober 2017

Die zehn Stipendiaten für ein Doppeldiplom Karlsruhe-Temeswar auf einem "Selfie" bei ihrem Aufenthalt in Deutschland

Die erste Generation der deutschsprachigen Abteilung „Rechnungswesen und Wirtschaftsinformatik“ an der Fakultät für Betriebswissenschaft der West-Universität Temeswar/Timişoara startete vor Kurzem ihr letztes Studienjahr. Insgesamt 24 Studenten besuchen im dritten Jahrgang die deutschsprachige Abteilung, die 2015 ins Leben gerufen wurde. Die Besonderheit des Studiengangs besteht, neben dem Unterricht in deutscher Sprache in Temeswar, auch in der Möglichkeit, in Deutschland, an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Karlsruhe, für zwei Semester zu studieren, gleich zwei Koordinatoren für die Lizenzarbeit zu haben und dabei am Ende des Studiums ein Doppeldiplom der beiden Universitäten zu erhalten. Je zehn Studenten aus dem zweiten Jahrgang dürfen somit ihr viertes und fünftes Studiensemester in Karlsruhe, finanziert durch ein Erasmus-Stipendium, verbringen. Die ersten zehn Studenten, die von dieser Möglichkeit profitieren, sind vor wenigen Wochen für ein weiteres Semester an die deutsche Uni in Karlsruhe zurückgekehrt.

Der Weg zum Doppeldiplom ist aber schwer und herausfordernd – das wissen die Studierenden zu schätzen. Patricia Sîrbu und Paul Mon]ia sind zwei dieser zehn Studenten, die in Karlsruhe bereits das Sommersemester hinter sich haben. „Es war schwer und völlig verschieden von dem, was wir uns vorgestellt haben“, erzählen die Stipendiaten über ihre Erfahrung an der Universität in Karlsruhe. „Das Unterrichtssystem ist vollkommen anders als bei uns und die individuelle Arbeit ist etwas, an das wir uns gewöhnen mussten“, sagt Patricia. Die 20-jährige Studentin kommt aus Lugosch/Lugoj. Nach dem Abschluss des Bredicianu-Lyzeums entschied sich die junge Frau für ein Studium im Bereich des Rechnungswesens in Temeswar. Die neue Abteilung in deutscher Sprache an der West-Universität war nun die beste Option. „Die Jobchancen vor Ort, als Folge eines solchen Studiums, waren für mich entscheidend“, sagt Patricia Sîrbu. Das Jahr 2017 war für die Studentin sehr herausfordernd und lehrreich. Nach dem Sommersemester in Karlsruhe folgte für sie ein Praktikum am Temeswarer Standort der Continental AG. Für zwei Monate durfte sie dort arbeiten und vieles lernen. Dass die Abteilung den Studenten eine helfende Hand für eine Praktikumsstelle reicht, ist einer der Vorteile, die sie zu schätzen weiß.

Paul Mon]ia ist ebenfalls 20 Jahre alt. Der ehemalige Nikolaus-Lenau-Absolvent hat in diesem Sommer ein Praktikum in einer kleineren Firma in Temeswar abgelegt. Auch er kehrte nun mit Begeisterung, aber auch mit einiger Bedenklichkeit zurück nach Karlsruhe. „Die zwei Monate in Deutschland haben uns tatsächlich viel beigebracht. Allein die Herausforderung, sich an neue Regeln anzupassen und in einem anderen Land zu leben, bedeuten viel für unsere Weiterentwicklung“, sagt er.

Für kommende Generationen von Stipendiaten wird es bestimmt leichter sein, sind die jungen Studierenden überzeugt. „Wir sind eine kleine Gemeinschaft geworden. Alle notwendigen Informationen stellen wir gern auch den anderen zur Verfügung“, sagt Paul. Dafür haben die Studenten eine Gruppe auf Facebook gegründet, wo sie periodisch nützliche Informationen hochladen und sogar Dokumente und Texte für die kommenden Austauschgenerationen zur Verfügung stellen. „Wir waren die Versuchskaninchen, für die anderen wird es bestimmt leichter sein“, sagen die beiden Stipendiaten lächelnd.

Acht Studenten von den insgesamt 14 im zweiten Jahrgang an der deutschsprachigen Abteilung in Temeswar haben zu Beginn des Studienjahres ihr Interesse für einen Karlsruhe-Aufenthalt ab kommendem Sommersemester bereits angekündigt. „Das ist ein Zeichen, dass die Studenten nicht komplett vom Studium in Deutschland abgeschreckt wurden“, sagt Lektorin Cristina Circa, die als Betreuerin für die Studenten an der deutschsprachigen Abteilung zuständig ist. „Die Vorteile sind wesentlich größer als alle anderen Hürden“, setzt die Lektorin fort.

Große Fortbildungs-chancen stehen für alle Studenten an der deutschsprachigen Abteilung bereit. Diejenigen, die kein Interesse an einem Doppeldiplom mit Karlsruhe haben, studieren in Temeswar Fächer aus den Bereichen Rechnungswesen und Wirtschaftsinformatik, alle auf Deutsch, und haben die Möglichkeit, an zahlreichen deutschen Unternehmen vor Ort ein Praktikum abzulegen. Das umfangreiche Praktikumsangebot wird durch die enge Zusammenarbeit mit dem Deutschsprachigen Wirtschaftsclub Banat (DWC) in den deutschen Unternehmen in der Region angeboten. Die Studierenden konnten bereits ein Praktikum in Unternehmen wie u. a. Continental Automotive Romania, ecoplus International, Netex Consulting, KPMG Romania, SanSwiss, Mattig Expert Swiss Partner, Werzalit Lugosch ablegen.

Cătălin Lazăr (20) ist ebenfalls Lenau-Absolvent und Student an der deutschsprachigen Abteilung. Er hat sich aber nicht für einen Deutschland-Aufenthalt beworben. „In Deutschland sind die Fächer im vierten und fünften Studiensemester mehr auf Software und Informatik orientiert. Mich interessiert Rechnungswesen eben mehr“, sagt C²t²lin Laz²r. In Temeswar hat der Student 90 Stunden Praktikum in einem Unternehmen absolviert. Auch die Praktikumszeit ist für Doppeldiplom-Anwärter größer. Die Stipendiaten müssen insge-samt 570 Praktikumsstunden nachweisen.

Die Nachfrage der deutschen Unternehmen in der Region betreffs gut ausgebildeter deutschsprechender Fachkräfte im Bereich der Betriebswirtschaft war auch der Gedanke hinter der Gründung dieser Abteilung in deutscher Sprache an der West-Universität. „Die Idee einer solchen deutschsprachigen Abteilung in Temeswar ist sehr gut und willkommen für die ganze Region, vor allem da sie an die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt angepasst ist“, sagt Dan Cărămidariu, Lektor für Volkswirtschaftslehre an der deutschsprachigen Abteilung der West-Universität. „Die Absolventen dieser Abteilung werden bestimmt sehr leicht einen Arbeitsplatz in Temeswar, im Banat und überall in der EU bekommen“, setzt Cărămidariu fort.

Durch die Partnerschaft zu Karlsruhe sollen im Sommersemester des aktuellen Studienjahrs auch Studenten aus Deutschland nach Temeswar kommen. „Diese Zusammenarbeit der beiden Unis soll sich in den kommenden Jahren noch weiter verstärken. Doch damit die Abteilung in deutscher Sprache weiterhin besteht, soll man größere Werbung für diesen Studiengang an den Schulen mit Deutsch als Muttersprache in der Region und auch in ganz Rumänien machen“, meint der Temeswarer Lektor. Die Anzahl der Studierenden ist in den ersten drei Jahrgängen an dieser Abteilung immer kleiner geworden: 2015 waren es 24, 2017 14 und im neuen Studienjahr nur 13 Studenten.

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