Doppelte Ausbeutung einer Minderjährigen?

Adrian Sitarus jüngster Spielfilm „Fixeur“ in den rumänischen Kinos

Sonntag, 26. Februar 2017

Tudor Aaron Istodor als Fixeur

Das jüngste Werk des rumänischen Filmregisseurs und Schauspielers Adrian Sitaru trägt ein französisches Wort als Titel: „Fixeur“. Damit ist im journalistischen Jargon eine einheimische Person gemeint, die einem internationalen Korrespondenten bei dessen Recherchen im Ausland assistiert, ihn vor Ort unterstützt, entsprechende Treffen für ihn arrangiert und es ihm durch seine genaue Kenntnis der Verhältnisse in seinem Heimatland ermöglicht, einen realitätsgetreuen Exklusivbericht für dessen ausländische Zeitung oder dessen ausländischen Fernsehsender zu verfertigen. In Adrian Sitarus Film ist dies die internationale Nachrichten-agentur France-Presse, die eine Dokumentation über Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung Minderjähriger vorbereitet und in diesem Zusammenhang ein Interview mit der vierzehnjährigen Rumänin Anca durchführen möchte, die von einem rumänischen Zuhälter namens Viorel einen Monat lang in Paris zur Prostitution gezwungen worden war, bevor die französische Polizei die Minderjährige dort in flagranti ertappte und die sofortige Rückführung in ihr Heimatland veranlasste.

Dort, auf dem Bukarester Flughafen „Henri Coandă“, setzt auch die eigentliche Handlung von Adrian Sitarus Film ein, wo der als ‚Fixeur’ fungierende Radu (Tudor Aaron Istodor) versucht, für France-Presse ein Interview mit der soeben in Otopeni gelandeten minderjährigen Anca (Diana Spătărescu) zu bekommen, das ihm jedoch vom zuständigen Beamten der rumänischen Grenzpolizei verweigert wird. Die ein wenig zu langatmig geratenen Anfangspassagen des Films geben dann Einblick in Radus nervenzehrende Tätigkeit als ‚Fixeur’: wie er einen Journalisten nebst Kameramann aus Frankreich erst noch überzeugen muss, nach Rumänien zu reisen, weil dort ein journalistischer Knüller auf sie wartet; wie er alle Hebel in Bewegung setzt, damit ein Treffen mit Ancas Familie und schließlich mit Anca selbst möglich werden kann; wie er alles minutiös vorbereitet, bevor das französische Journalistenteam endlich in Rumänien eintrifft.

Nach diesem anfänglichen Organisationsteil beginnt dann das eigentliche Roadmovie, denn Radu muss den Journalisten Axel (Mehdi Nebbou) und seinen Kameramann Serge (Nicolas Wanczycki) vom Flughafen in Klausenburg/Cluj abholen und dann mit dem Auto nach Bistritz/Bistriţa chauffieren, wo Anca, gänzlich abgeschirmt von der Außenwelt, in einer kirchlichen Einrichtung untergebracht ist. Zuerst machen sie Halt in dem fünfzehn Kilometer von Bistritz entfernten Heimatdorf Ancas, wo ein Vertreter des Bürgermeisteramtes (Sorin Cociş) auf sie wartet, um sie zu Ancas zahlreichen Geschwistern und zu ihrer allein erziehenden Mutter zu bringen. Das Interview mit Ancas Mutter (Anca Hanu), das deren mangelnde Fürsorge für ihre Kinder und die prekären Lebensumstände der Familie überhaupt plastisch vor Augen führt, wird dann durch das Eintreffen der älteren Schwester Ancas, ihrerseits bereits Mutter einer Tochter, jäh unterbrochen. Sie beschimpft Radu und die beiden französischen Journalisten unflätig und jagt sie, handgreiflich werdend, anschließend aus dem Haus.

Die französischen Journalisten nutzen die begonnene Dokumentation über die in Frankreich sexuell ausgebeutete minderjährige Anca en passant auch dazu, landestypische Bilder bzw. folkloristische Bildklischees mit der Kamera einzufangen, die Ancas Geschichte illustrieren, kommentieren und ins besondere rumänische Licht rücken sollen: die Polenta zubereitende Mutter am Herd, die Kuhmist auf einen Wagen ladenden Bauern, die auf einer Dorfstraße voller Pfützen wild einem Fußball hinterher jagenden Buben und so weiter und so fort. Zur Folklore in Adrian Sitarus Film zählt auch die gelungene Restaurantszene, wo rumänische Volksmusik und französische Chansontradition in provinziellem Ambiente voller Lebenslust und Ausgelassenheit einander begegnen.

Der Höhepunkt des Films ist schließlich das Interview mit Anca, dem dramatische Momente vorausgehen und das dann selbst als Ganzes höchst dramatisch verläuft. Zunächst scheitert nämlich der Versuch, mit Anca ein Gespräch zu führen, weil die Äbtissin jener klösterlichen Einrichtung, in der Anca bis auf Weiteres untergebracht ist, den französischen Journalisten jeglichen Kontakt mit der traumatisierten Vierzehnjährigen verweigert. Im Anschluss daran werden die Journalisten von jugendlichen Halbstarken sogar tätlich angegriffen, wonach bei der Flucht mit dem Auto durch Steinwurf eine Fahrzeugscheibe zu Bruch geht. Durch Radus Geschick als ‚Fixeur’ gelingt es dann mit Hilfe von Molnar (Andrei Titieni) schließlich doch noch, ein Treffen mit Anca zu arrangieren.

Aber auch dieser Versuch eines Interviews scheitert zunächst, weil in dem Moment, als Anca in einem Bistritzer Café von ihren Pariser Erfahrungen zu reden beginnt, zwei Gestalten der kleinstädtischen Halbwelt, die mit Ancas Zuhälter Viorel in Verbindung stehen, drohend das Café betreten und Anca, selbst nachdem Molnar die zwei Gauner verjagt hat, nun partout nichts mehr sagen will. Doch Radu gibt sich nicht geschlagen und ringt Molnar schließlich die Erlaubnis ab, in dessen Wagen wenigstens ein paar Minuten alleine mit Anca sprechen zu dürfen, um sie vielleicht doch noch für ein Kamerainterview zu gewinnen. Im Auto dreht Anca aber mit einem Mal und für Radu völlig unerwartet den Spieß um: Anstatt auf seine in sie dringenden Fragen zu antworten, will sie ihn plötzlich oral befriedigen und beginnt ihn sogar zu diesem Zwecke aggressiv zu begrapschen, sodass sich Radu nur noch mit einer unbedachten Ohrfeige zu verteidigen weiß, für die er sich sogleich wieder entschuldigt. Er stürzt aus dem Auto und, anstatt die draußen wartenden Journalisten zum erhofften Kamerainterview zu bitten, will er das Ganze unwiderruflich abbrechen. Das am Ende dann doch noch in Molnars Auto stattfindende Interview erscheint in der filmischen Inszenierung durch Adrian Sitaru schließlich als doppelter Missbrauch: Die durch Franzosen in Paris sexuell ausgebeutete Anca wird nun in Rumänien ein zweites Mal durch Franzosen ausgebeutet, diesmal journalistisch. In Adrian Sitarus Sichtweise ist der Journalismus nichts anderes als ein verkappter Voyeurismus, der unter dem Deckmantel der präventiven Aufklärung seiner eigenen exhibitionistischen Lust frönt, ohne Rücksicht auf das Objekt seiner duplizitären Ausbeutung.

Adrian Sitaru und die beiden Drehbuchautoren Claudia und Adrian Silişteanu gehen aber noch weiter, denn sie haben den Filmplot mit einer Rahmenhandlung versehen, die den ‚Fixeur’ Radu als Stiefvater des kleinen Sohnes seiner Freundin Carmen (Andreea Vasile) zeigt und in Szene setzt. Erziehung als solche erscheint in dieser Rahmenhandlung, in der Radu seinen Stiefsohn zu immer besseren sportlichen Leistungen beim Schwimmen antreibt, als Missbrauch des Kindes, als Unterwerfung eines minderjährigen Abhängigen unter die Gewalt von dominanten Erwachsenen, letztlich als eine Form der Misshandlung und Vergewaltigung des zu Erziehenden. Sexuelle Ausbeutung, journalistische Ausbeutung, erzieherische Ausbeutung von Minderjährigen werden so in diesem Spielfilm auf eine Stufe gestellt und miteinander identifiziert. Gut, dass diese anarchische Gesamtaussage des Films durch das differenzierte Spiel seiner Akteure, unter denen Diana Spătărescu, Anca Hanu, Adrian Titieni, Sorin Cociş und Tudor Aaron Istodor besonders hervorzuheben sind, moderiert, korrigiert und ins rechte ästhetische Licht gerückt wird!

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