Dr. Konrad Möckel als Pfarrer und Theologe in schweren Zeiten

Rede bei der Enthüllung des Porträts von Stadtpfarrer Dr. Konrad Möckel und der Gedenkplatte zum Schwarze-Kirche-Prozess, am 27. Juni 2018 im Kapitelzimmer des Stadtpfarrhauses von Kronstadt (II)

Samstag, 04. August 2018

Büste des Kronstädter Stadtpfarrers Dr. Konrad Möckel Foto: Ralf Sudrigian

Herausgefordert worden war diese Schrift letztlich durch das 1936 vom Landeskonsistorium in einem Rundschreiben dekretierte Verbot der Zugehörigkeit zu politischen Gruppen und Parteien von Angestellten der Kirche und Schule. Diese Verfügung hatte zur Amtsenthebung des landeskirchlich beauftragen Jugendpfarrers Wilhelm Staedel und anderer Pfarrer und Lehrer der kirchlichen Schulen geführt. Die nationalsozialistisch orientierte DVR („Deutsche Volkspartei in Rumänien“) hatte danach die Kirche offen angegriffen. Konrad Möckel hatte mit seiner Schrift: „Der Kampf um die Macht und unsere evangelische Kirche“, schon 1936 erschienen, darauf reagiert. Hier finden wir eine deutliche Absage an die deutsch-christlichen Irrlehren in Alfred Rosenbergs „Mythos des 20. Jahrhunderts“. Es geht jetzt „um eine Kirche des 3. Glaubensartikels“.

Wesentlich für diese theologische und geistliche Entwicklung Konrad Möckels war sodann seine Teilnahme im Jahre 1937 an der „Weltkonferenz des Ökumenischen Rates für praktisches Christentum“ in Oxford. Hier wurde  das Thema „Volkstum und Glaube“ behandelt, das eine betont politische  Ausrichtung hatte. So bekam Möckel, durch die Vorbereitung der Konferenz und  infolge der Rolle Deutschlands bei den Verhandlungen, die ganze Schwierigkeit der Thematik mit. Dies veranlasste ihn, mutig von einer von Berlin diktierten prodeutschen Stellungnahme abzusehen. Das wurde in der deutschen Hauptstadt mit Unzufriedenheit registriert, da man im Kirchlichen Außenamt von allen „Volksdeutschen“ erwartet hatte, dass sie sich von der in Oxford verabschiedeten,  dem nationalsozialistischen Deutschland gegenüber kritischen Botschaft öffentlich distanzieren.

Doch entscheidend war für Konrad Möckel in dieser Zeit seine anschließende Teilnahme an der  Jahrestagung der Evangelischen Michaelsbruderschaft in Neuendettelsau. Von dem dort Erlebten war er tief beeindruckt. Darüber befand er später: „Es war für mich eine Offenbarung, als ich in der Messe in Neuendettelsau einfach meine Heimat fand.“ Die Bereicherung der Liturgie, die Bedeutung des liturgischen Raumes (Altar, Kreuz, Kerzen) und die erlebte geistliche Zucht des Pfarrers waren Erfahrungen, die er anschließend in seiner Gemeinde durchzusetzen versuchte, was – trotz anfänglicher Widerstände – auch gelang. Damals ist er als „Probebruder“ in die Michaelsbruderschaft aufgenommen worden. So kam es, dass er seine Verbindung zu diesem Bruderkreis in Siebenbürgen vertiefte. 1938 sprach Konrad Möckel auf dem Pfarrertag in Schäßburg über das Thema: „Die Kirche der Heiligung“. In seinen Ausführungen wies er darauf hin, dass zur Heiligung  das persönliche regelmäßige Gebet und das Leben mit dem Wort Gottes gehöre.

Wenige Jahre später folgte die Gründung des „Teilkonvents Siebenbürgen der Evangelischen Michaelsbruderschaft“, die durch die erzwungene Wahl von Wilhelm Staedel zum Bischof (1941) angestoßen wurde. Sie begann mit fünf Brüdern und später zehn weiteren. Der bekannte Michaelsbruder Herbert Krimm riet ihm, jeden Sonntagmorgen vor dem gewohnten Hauptgottesdienst die evangelische Messe zu feiern. Das hat er 14 Jahre lang in Kronstadt getan. So haben sich hierauf am Sonntag, morgens um 7 Uhr, alsbald über 100 Menschen im Chor der Schwarzen Kirche eingefunden und mitgefeiert. 1945 musste sich der Konvent Siebenbürgen selber auflösen. Aber seine liturgische Tradition in der Schwarzen Kirche und anderen Gemeinden blieb bis zur Verhaftung Konrad Möckels, im Februar 1958, bestehen.

Die Nachwirkung dieser Tradition der Michaelsbruderschaft   hatte ich somit als Vikar tief beeindruckt kennengelernt. Und schließlich sei hier auch erwähnt: Ich hatte die Freude, gelegentlich eines Besuches in den 90er Jahren beim Diakonischen Werk der EKD in Stuttgart, von einem Amtsbruder nach Kloster Kirchberg bei Horb im Schwarzfeld eingeladen zu werden. Es war ein bewegender Besuch, denn hierher durfte Konrad Möckel mit seiner Frau, nach seiner Gefängniszeit und dem Zwangsaufenthalt in der Bărăgan-Steppe 1962, ausreisen. In diesem Kloster starb er 1965. An ihn,  den Klosterbruder Konrad fel. Sie wurde mir mit großer Bewegung gezeigt. Auch das unvergesslich!

Im Sinne dessen, was wir eingangs über das „Gesicht des Theologen“  vernommen haben, fragen wir am Schluss, wes Geistes Kind Konrad Möckel als Pfarrer und Theologe war. So zitieren wir dazu ebenfalls aus dem Vorwort des genannten Bildbandes: „Nach dem Theologischen im Gesicht des Theologen fragend“ – und jetzt   „müssen wir Folgendes beachten: Indem uns Gott verborgen bleibt, wartet jedes Gesicht auf eschatologische Entzifferung, ist es erst Vorwort, Vorspiel kommender Gestalt. So ist jedes Gesicht im Werden ein Fragment auf Zukunft: ´Jetzt sehen wir im Spiegel nur rätselhafte Umrisse. 1.Korinther 13,12´“ (A. a. O. S. 12), wie es im Hohelied der Liebe des Apostels Paulus -  gemäß  der Einheitsübersetzung -  heißt.
Karl Barth, der die Theologie des 20. Jahrhunderts wie kein anderer geprägt hat und den Konrad Möckel vor allem als Protagonisten der „Bekennenden Kirche“ wahrnahm, hat das „Gesicht des Theologen“ in seiner letzten Basler Vorlesung 1961/62 wie folgt beschrieben: Es ist das, „was in der Theologie zu tun, zu wirken, zu leisten ist.“  (K. Barth, Einführung in die evangelische Theologie, Berlin 1966, S.163). An den Anfang stellt er das Gebet und behandelt den Theologen von seinen Studien und seiner theologischen Ausrichtung her erst an zweiter Stelle. Das Gebet „ist vor allem und entscheidend Oberlicht“, mit dem alle theologische Arbeit ausgezeichnet ist.“ Und er betont: „Rechte Theologie wird /…/ implizit und indirekt /.../ Gebet sein. Alle liturgischen Bewegungen in der Kirche kommen zu spät, wenn nicht gerade ihre Theologie von ihrem Ansatz her liturgische Bewegung ist“. (A. a. O. S 169). „Gebet ohne Studium wäre leer. Studium ohne Gebet wäre blind.“(A. a. O. S. 175).

Die dritte Dimension der theologischen Arbeit – neben Gebet und Studium - , die sich im „Gesicht des Theologen“ widerspiegelt, ist nach Karl Barth Dienst. „Dienen ist, allgemein definiert: ein Wollen, Wirken und Tun, in welchem einer nicht in eigener Sache und nicht nach eigenem Planen, sondern im Blick auf die Sache eines anderen, auf dessen Bedürfnis und Verfügen und nach dessen Anweisung handelt.“ (A. a. O. S. 188). Und für alle drei Dimensionen in der theologischen Arbeit, die wir im Gesicht des Theologen „entziffern“ wollen, gilt für Barth: all das muss in der Liebe geschehen. Und ist „Anlass genug, um in den Lobpreis Gottes“ einzustimmen: EHRE SEI DEM VATER UND DEM SOHN UND DEM HEILIGEN GEIST. WIE ES WAR IM ANFANG JETZT UND IMMERDAR UND VON EWIGKEIT ZU EWIGKEIT (A. a. O. S. 210). Mit diesem liturgischen Hymnus schließt Karl Barth sein hier zitiertes Werk.

 Wir halten fest: Das Gesicht des Pfarrers und Theologen Konrad Möckel mit Hilfe dieser Deutungsmuster von Karl Barth zu sehen, kann auch in der heutigen Feierstunde hilfreich sein. In Konrad Möckels Leben stand das Gebet als Liturgie und, in liturgischen Formen ausgedrückt, im Mittelpunkt. Dies war die Quelle seiner Inspiration im Predigen, Reden und Schreiben – und besonders auch im Dienen in der Liebe. Entscheidend war schon von früh auf sein Dienst an jungen Leuten. In Kronstadt geschah das in den geschätzten Jugendstunden, die ihm und den Betroffenen zum Verhängnis wurden und den so genannten „Schwarze Kirche-Prozess“ zur Folge hatten.

Heute dürfen wir daran erinnern, dass er diesen Dienst auch im Gefängnis, in seiner Zellenhaft mit einigen der einstigen Besucher seiner Jugendstunden – nun unter ganz anderen, nie für möglich gehaltenen Bedingungen – fortgesetzt hat. Es gibt beeindruckende Zeugnisse seines Trostdienstes durch Predigten, Vorträge oder Gespräche, mitten unter den unmenschlichen Haftbedingungen in den überfüllten und unerträglichen Gefängniszellen. Trotz unvorstellbarer Entbehrungen, Leiden und Schikanen in dieser Situation war Konrad Möckel ein väterlicher Freund, und seine Ruhe und Vertrauen ausstrahlende Persönlichkeit bestimmte sein Verhalten allen Leidensgenossen gegenüber. Wir verfügen über ausführliche Berichte über seine seelsorgerliche Zuwendung, die aus den Vorträgen zu unterschiedlichsten Themen auf seine Mithäftlinge überströmte. Und dies freilich auch dank der breit gefächerten allgemeinen Bildung und seiner Kenntnisse auf so vielen Wissensgebieten, wobei jedes Mal sein tiefer Glaube und die bewundernswerte geistliche Zucht ausschlaggebend waren.

Von den vielen Zeugen jener schwersten Zeit im Leben dieser jungen Menschen sollen hier nur zwei Namen erwähnt werden. Ich nenne zunächst Gerhard Gross, der mit Konrad Möckel eineinhalb Jahre in den Gefängnissen in Zeiden, Jilava und Pitesti verbracht hat und in dem Band: „Aus dem Schweigen der Vergangenheit“ (hg. von H. Schuller, Hermannstadt-Bonn 2013, S. 95f.) über  den Weihnachtsgottesdienst 1958, den Ostergottesdienst 1959 in Zeiden und den Weihnachtsgottesdienst in Pitest 1959 berichtet, die ungewöhnliche geistliche Erlebnisse für die Häftlinge in diesen dunkeln Stunden ihres Lebens bedeuteten.  In einem Brief nach seiner Entlassung 1985 hat Gerhard Gross über Konrad Möckel folgende Dankesworte aufgezeichnet: „Der Stadtpfarrer ist sich selbst und seinem christlichen Glauben treu geblieben, in der Freiheit und auch in Ketten. Die Begegnung und die Auseinandersetzung mit ihm hat mich sehr bereichert und wesentlich meinen persönlichen und beruflichen Werdegang geprägt.“ (A. Möckel, Umkämpfte Volkskirche. Köln-Weimar-Wien 2011, S. 318).

Ein anderes wichtiges Zeugnis hat Horst-Peter Depner, einer der eifrigsten Besucher und Suchender der Jugendstunden von Konrad Möckel, in seinem Buch: „Auch ohne Zukunft ging es weiter“ hinterlassen. Er schreibt hier über die gemeinsame Zellenhaft: „Pfarrer Möckel war der Mittelpunkt des notgedrungenen Zusammenlebens. Dabei kam zu seinem Prestige, das er in der Gemeinde genossen hatte, seine Erfahrung im Umgang mit Menschen, vor allem mit Jugendlichen. Schließlich standen wir alle staunend vor seinem Reichtum an Wissen, an Lernbereitschaft, Gutwilligkeit und – verwunderlich für uns Unfertige – Bescheidenheit. Wahrscheinlich war es vor allem seine Ausstrahlung, die uns davon abhielt, übereinander herzufallen und vermeintliche oder tatsächliche Hauptschuldige an dem kollektiven Fiasko zur Verantwortung zu ziehen (...) Pfarrer Möckel bot uns neben kurzen Andachten eine gedrängte Übersicht der Religionsgeschichte an, die mir zum ersten Mal die Geschichtlichkeit von Religion und Gottesvorstellungen offenbarte. Beeindruckt war ich dabei von der Leichtigkeit, mit der Konrad Möckel jedem noch so kritisch hinterfragenden Vortrag ohne besondere Anstrengung ein Gebet folgen ließ. In ihm koexistierten wissenschaftlich unbestechlicher Verstand und Christenglauben auf friedlichste Art und Weise.“ (Horst-Peter Depner, Auch ohne Zukunft ging es weiter, München 1998, S. 74f).

Unsere begrenzte Zeit erlaubt uns nicht, weiter auf diese so wichtigen Zeugnisse einzugehen. Ich meine jedoch, dass es im Sinne von Stadtpfarrer Konrad Möckel wäre, wenn wir diesen Vortrag mit einem Mittagsgebet aus dem von ihm so geschätzten „Evangelischen Stundengebet“ schließen. So beten wir:
Wir loben Dich, Herr, und beten dich an. Du bist die Liebe und trägst uns alle mit Deinem Erbarmen. Du hast uns berufen, Boten Deiner Liebe zu sein. Wir danken dir für die Menschen, die Du uns zu Nächsten gemacht hast...; Hilf uns, dass wir die Leiden unserer Schwestern und Brüder erkennen; behüte uns vor der Kälte und Trägheit des Herzens...mache uns zu Zeugen Deiner Barmherzigkeit. Wir beten Dich an: Heilig, Heilig, Heilig ist Gott der Herr, der Allmächtige, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

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