Dragneas Spinnennetz

Donnerstag, 01. Februar 2018

Wie tief die „Teleormanisierung“ der Führung Rumäniens unter Dragnea geht, kann niemand genau sagen. Neben den beiden sich durch nichts zur Regierungsführung Auszeichnenden, Vasilica Viorica Dăncilă und Innenministerin Carmen Dan, früher Nachbarinnen in der Stadt Videle, gibt es im Regierungsapparat massenweise Dragnea-Treue, die ebenfalls mehrheitlich aus dessen heimatlichem Teleorman kommen: in der Tudose-Regierung zwischen 35 und 55 (25 bis 37 Prozent aller 135) Staatssekretäre, deren Zahl sich von Regierung zu Regierung (Grindeanu-Tudose-„Vasilica“) im Sechsmonatsrhythmus verdoppelte. Auch wenn nicht alle aus Teleorman von Dragnea als Kontrollhebel über die Regierung eingesetzten Gefolgsleute Staatssekretäre wurden, so wurden sie deren Stellvertreter, Regierungsberater, Generalsekretäre in Regierungs- und Agenturämtern oder ... Stellvertreter.

Das Spinnennetz Dragnea hat jede Vorstellung von mafiösen Strukturen des rumänischen Staatsapparats übertroffen und glänzt durch Kompetenzlosigkeit, fehlende Qualifizierung, aber auch bedingungslose Treue zum Förderer. Loyalität im falschesten Wortsinn.

Sie kommen aus dem ärmsten und schlechtest verwalteten Landkreis Südrumäniens, dessen Wirtschaft im freien Fall ist, wo die Abwanderungsrate und die Arbeitslosigkeit auf Höchststand sind, wo es eine Höchstzahl an Empfängern von Sozialgeldern und wenig Qualifizierte gibt, wo Rückständigkeit dominanter Faktor ist. Aus dieser Mixtur besteht die Gefolgschaft, die Dragnea zur Hand geht, um Rumänien, wie Teleorman, zugrunde zu richten.

Die Überzahl an Dragnea-Treuen an der Regierungsspitze ist auch im politischen Exekutivrat der PSD zur Sprache gekommen. Beschwichtigend meinte einer der hochgehievten Gefolgsleute, Ex-Kreisratsschef und Staatssekretär im Entwicklungsministerium Adrian I. Gâdea: „Wir sind nicht gerade so viele aus Teleorman“.
Die Beschwichtigung galt nicht der öffentlichen Meinung, sondern den PSD-Baronen, die ihre Macht durch teleormansche Übermacht schwinden sehen und hart um jeden Posten schacherten, als es vergangene Woche parteiintern um die Verteilung ging. Dragneas Spinnennetz kontrolliert über Innenministerin Carmen Dan die Polizei und die Präfekturen. Dass die von einem Bankschalter in Videle direkt zur Senatorin und Innenministerin Beförderte zu ihrem Gönner bedingungslos hält, ist verständlich. Nie wäre die Absolventin einer dubiosen privaten Hochschule ohne „Daddy“ und sein System, also in einem normalen Land, so hoch gekommen.

Der Skandal um die Leiterin der Agentur für Mineralische Ressourcen hat den Rücktritt Tudoses beschleunigt. In der Affäre spielte ein Fleischdealer aus dem Raum Teleorman, Gigi Dragomir, gut Freund mit dem wegen Korruption von der DNA gefilzten und nun in Untersuchungshaft sitzenden Kreisratschef von Neam], Ionel Arsene (ein feuriger Unterstützer Dragneas), eine Schlüsselrolle...

Dragnea hat allem Anschein nach im Bereich Bodenschätze besondere Interessen, erinnert man sich doch, dass er vor zwei Jahren Regierungschef Cioloş drohte, ihn zu stürzen, wagt er es, Teile der staatlichen Salzagentur Salrom zu privatisieren.

Die Zahl der Beispiele für Durchwurzelung aller Staatsstrukturen mit Leuten, die neben ihren eigenen die Interessen Dragneas hegen, grenzt an die Legion. Liest man die rumänischen Medien, sofern diese noch unabhängig sind, packt einen die Verzweiflung ob der Verzahnung von Interessen und Intrigen, die mit „Daddy“ oder seinen Leuten zusammenhängen.

Dazu wird die Vertretung der Vereinigung der Einheimischen Unternehmer (PIAROM) zitiert, die bestätigt, dass Teleorman einer der wirtschaftlich unterentwickeltesten Verwaltungskreise ist, mit 17 Rentnern je zehn Arbeitenden. Pro 1000 Arbeitnehmer gibt es dort die wenigsten Arbeitsverträge landesweit. Und die meisten Arbeitskräfte ohne Ausbildung.

Aber das ist ja eine Empfehlung, sie in politische Ämter zu hieven.

Wenn wir uns auch noch unter Dragneas Heer der Kompetenzfreien arrangieren, sind wir selber schuld.

Kommentare zu diesem Artikel

Hermannstädter, 02.02 2018, 19:27
Es gibt einfach zwei Rumänien. Das der aufstrebenden Regionen und der urbanen neuen Mittelschicht, die schon einen ziemlich westlichen Lebensstil führt, vom Wirtschaftsaufschwung profitiert und fortschrittlich denkt. Und das Rumänien der abgesandelten Dörfer, wo die Jungen ausgewandert sind, wo noch mit dem Pferd der kleine Acker gepflügt wird, wo sich keine neuen Firmen angesiedelt haben, wo kranke Omas alleinegelassene Engelkinder aufziehen, wo die Alkoholiker schon am Vormittag auf der Gasse torkeln. Am besten erkennt man es wenn von Geld die Rede ist: die, die immer noch von den alten Millionen reden, gehören zum zweiteren. Und die haben diese Regierung gewählt. Die anderen waren zu faul zum Wählen.
Toni, 02.02 2018, 00:48
Die jetzige Situation ist leider nur ein Resultat der Emigration der besten Rumänen. Es ist nur logisch, dass Rumänien jetzt so eine Premierministerin bekommen hat. Es müsste sich sehr viel ändern, damit sich ein neue Elite bilden kann, die es dann auch verdienen würde, so ein wundervolles Land regieren zu dürfen.
Anne, 02.02 2018, 00:01
Ein gekonnt tief blickender Artikel. Regimekritisch und sprachlich brisant. George Orwell haette Ihnen gratuliert.
Manfred, 01.02 2018, 19:49
Johannes!Sollten die Rumänen aus dem letzten (Fast)-Wahlboykott nichts gelernt haben,dann haben sie es nicht anders verdient...
Johannes, 01.02 2018, 10:22
Mit der nötigen Zurückhaltung kommentiere ich Ihren Artikel. Bin ich doch erst vor knapp 5 Jahren aus Bayern nach Blaj mit meiner Familie zugezogen. Dennoch erzürnt, bestürtzt und beschämt mich die schmerzresistente politische und unanständige Einstellung eines Großteils der Rumänen. Das große Genie der Karpaten-dessen Einhundertster Geburtstag besser ungefeiert bliebe- hatte doch in weiser Voraussicht gesagt:"Ich habe keine Sorge wegen einer Revolte.Ein Volk welches sich von MAMALIGA ernährt ist unfähig für eine echte Revolution". Hundertausende Protestierender nützen kaum etwas. Die nächsten Wahlen nur können den roten Spuk beenden. Aber es werden Wahlen sein - und kaum jemand geht hin. Außer den benebelten PDS-lern. Da capo si al fine.

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*