Dreitausend Jahre altes Eis im Apuseni-Gebirge

Scărişoara: zweitgrößte Eishöhle in Südosteuropa

Sonntag, 13. November 2016

Über 450 Treppen führen durch eine Stahlleiter hinunter zur Scărişoara-Eishöhle.

Der Eingangsschacht mit steil abfallenden Felswänden ist 50 Meter breit und 48 Meter tief.

Die unterirdischen Eisvorkommen erstrecken sich über 75.000 Quadratmeter und haben eine Dicke bis zu 26 Metern. Durch Pollenanalyse wurden diese auf 3500 Jahre datiert.
Fotos: die Verfasserin

Im rumänischen Apuseni-Gebirge, etwa 40 Kilometer von der Stadt Câmpeni entfernt, findet man die zweitgrößte Eishöhle Südosteuropas. Die Scărişoara-Höhle ist Teil des Naturparks Apuseni und bietet auf 1082 Metern Meereshöhe den kompaktesten unterirdischen Eisblock Europas mit einem Volumen von 75.000 Quadratmetern und einer Dicke bis zu 26 Metern. Besucher können in die Eishöhle hinunterklettern, das dreitausend Jahre alte Eis betrachten und sogar antasten.

Die Scărişoara-Eishöhle kann man u.a. von Großwardein/Oradea aus über Beiuş, Ştei und Lunca in Richtung Arieşeni auf der Landesstraße DN75 bis Gârda erreichen. In der Ortschaft angekommen sind zahlreiche Schilder zu finden, so dass der Weg bis zur Höhle gut ausgewiesen ist. Achtung: Man sollte jedoch die Scărişoara-Höhle nicht mit der naheliegenden Ortschaft Scărişoara verwechseln, von der aus kein Weg zur Höhle führt. Mit dem Auto, Motorrad oder gar mit dem Fahrrad kann man auf der schmalen Asphaltstraße von insgesamt 23 Kilometern bis  in die unmittelbare Nähe der Höhle fahren. In der Gegend, im Weiler Ghe]ar, hat sich ein gutes Geschäft entwickelt: Auf mehreren Grundstücken wurden Parkplatzanlagen eingerichtet. Mit 5 Lei pro Auto kann man hier den ganzen Tag parken. Vom Weiler Gheţar aus geht es zu Fuß bis zur Höhle. Nach einem Kilometer Fußmarsch erreicht man den Vorplatz der Eishöhle. Karten sind an der kleinen eingerichteten Kasse in einem Holzhäuschen erhältlich. Eine Eintrittskarte kostet 11 Lei für Erwachsene. Schüler und Studenten bekommen Ermäßigung. Das Besichtigungsprogramm reicht von Montag bis Samstag zwischen 10 und 18 Uhr; sonntags ist das Betreten der Eishöhle zwischen 10 und 17 Uhr möglich. Außerhalb der Saison sollte man sich am besten unter einer der Telefonnummern 0742010347 oder 0740894996 voranmelden.

Für den Besuch der Eishöhle sollte man sich Zeit nehmen und auch eine längere Wartezeit einplanen. Eine Führung dauert 30 bis 40 Minuten, doch bis dahin muss man warten. Nur Gruppen von maximal 30 Leuten werden auf einmal in die Höhle gelassen. Nun darf man sich auf den Weg zur Eishöhle begeben. Der Eingangsschacht mit steil abfallenden Felswänden ist 50 Meter breit und 48 Meter tief. Über eine schmale, rutschige Leiter aus Stahl, die im Fels verankert ist, erreicht man nach über 450 Stufen abwärts den Höhleneingang. Feste Schuhe und warme Kleider sind unbedingt empfehlenswert. Die Scărişoara-Höhle ist nur ein kleines Teilstück eines viel größeren unterirdischen Systems, das sich über mehrere Ebenen erstreckt. Das Labyrinth der Höhle ist in mehrere Sektoren eingeteilt: Der Große Saal direkt beim Eingang  ist 109 Meter lang und 78 Meter breit. Er macht den eigentlichen Höhlenbereich aus. Die Kirche (rumänisch: Biserica) ist der Raum mit den schönsten Eisformationen. Die anderen Räume sind den Wissenschaftlern vorbehalten: Rezervaţia Mică, Rezervaţia Mare und Galeria Coman.

Das genaue Datum der Entdeckung der Höhle ist unbekannt. Die älteste Aufzeichnung über die Eishöhle stammt aus dem Jahr 1847, wobei die ersten Forschungsberichte im Jahr 1861 veröffentlicht wurden. Studien in der Eishöhle wurden auch zur Zeit des rumänischen Klausenburger Forschers Emil Racovi]˛ (1927) durchgeführt. Inzwischen ist das Eis um etwa zwei Meter geschmolzen. Die Temperatur in der Höhle ist stark von den Jahreszeiten beeinflusst. Die niedrigste Temperatur wurde während des Winters mit -20 Grad Celsius registriert. Im Sommer liegt die durchschnittliche Temperatur der Höhle bei etwa fünf Grad Celsius. Daher empfehlen Fachleute den Besuch der Eishöhle in Mai und Juni, da zu Beginn des Sommers die Eisformationen größer sind als im Hochsommer oder im Herbst.

Die Höhle wurde zum Naturdenkmal und Speläologie-Reservat erklärt. Unterirdische Gletscher, so wie der von Scărişoara, bildeten sich im Laufe der Eiszeit. Während aber das Eis in den anderen Höhlen wieder verschwand, konnte der Gletscher hier unter der Erde fortbestehen. Grund dafür trotz extrem warmer Sommermonate ist eine Besonderheit der Höhle: Nur eine einzige Öffnung verbindet die unterirdische Welt mit dem Klima an der Oberfläche. Während im Winter die kalte Luft wie in einem Trichter durch die Schlucht nach unten sinkt und so in die Höhle gelangt, bleibt im Sommer die warme, leichtere Luft oben. Zudem wirkt der Eisblock wie ein Kühlaggregat. Dabei wandelt sich die Eislandschaft ständig. Im Frühjahr gelangt Schmelzwasser von der Oberfläche in die kalte Gruft, innerhalb kürzester Zeit erstarrt es dort zu Eis. Nur ein geringer Teil davon schmilzt wegen der niedrigen Sommertemperatur in der Höhle - der Gletscher nimmt von Jahr zu Jahr um eine neue Eisschicht zu. In einer Tiefe von über 90 Metern schmilzt das Eis dann wieder, denn dort nimmt die Temperatur des Gesteins zu. Die jeweils unterste Schicht - die durch den Eisdruck von oben jeweils älteste - verschwindet. So bleibt der Eisblock ewig jung, wie die Berliner Zeitung in einem Artikel 1995 erklärte.
Um die Scărişoara-Höhle ranken sich auch mehrere Legenden. So  soll einst ein Drache namens Solomat in der Höhle gelebt haben. Jedes Jahr entführte er ein Mädchen, entweder am Neujahrstag oder in der Nacht vor dem Mädchenmarkt auf dem Găina-Berg. Er versteckte es in seinem Eispalast und es wurde nie wieder gesehen. Einer anderen Sage nach befanden sich hinter einer Felsformation namens La Brazi zwei Wasserbecken. Kniete man sich vor diesen  nieder und trank von dem Wasser, während man  einen Wunsch aussprach, dann ging dieser in Erfüllung.

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