Dürer und seine Zeit

Deutsche Holzschnitte, Metallstiche und Radierungen in der Rumänischen Akademie

Freitag, 24. Januar 2014

Albrecht Dürer: „Nemesis oder Das Große Glück“ (Kupferstich)

Im Theodor Pallady-Saal der Rumänischen Akademiebibliothek (Eingang vom Bukarester Bulevardul Dacia her im ersten Gebäude rechts) sind noch bis zum 30. Januar dieses Jahres über hundert ausgewählte deutsche Holzschnitte, Metallstiche, Radierungen und Kaltnadelarbeiten aus dem 15. und 16. Jahrhundert zu bewundern, außerdem Druckgrafiken in vier Büchern (darunter eine Inkunabel), von denen leider immer nur eine aufgeschlagene Doppelseite betrachtet werden kann. Die an den Wänden hängenden bzw. in den vier Vitrinen ausgestellten Werke stammen sämtlich aus eigenen Beständen der Rumänischen Akademie, die sie ihrerseits von Sammlern wie Oscar Walter Cisek, Ion Cantacuzino, Gheorghe Balş, Mihai Ciucă und Gheorghe Oprescu übernommen und in ihren Besitz eingegliedert hat.

Die in der Ausstellung vertretenen Künstler sind – neben Albrecht Dürer, von dem ein Großteil der Exponate stammt – dessen Zeitgenossen und Nachahmer, aber auch dessen Vorgänger und Lehrmeister. So findet sich unter den ausgestellten Büchern beispielsweise die sog. Nürnberger Chronik von Hartmann Schedel, eine Inkunabel geografischen Inhalts mit über 650 großformatigen Holzschnitten, die von der Hand Michael Wolgemuts und seines Stiefsohns Wilhelm Pleydenwurff stammen. Der junge Albrecht Dürer, der bei Wolgemut in die Lehre ging, soll an den Entwurfsarbeiten zu diesem „Liber Chronicarum“ mitgearbeitet haben. Gedruckt wurde das monumentale Werk im Jahre 1493 von Anton Koberger, Dürers Paten. Die in der Ausstellung aufgeschlagene Doppelseite zeigt neben Textpassagen auch zwei kolorierte Holzschnitte mit den Titeln „Walachia“ und „Tracia“. Hier kann man bereits den auf Dürer vorausweisenden ‚malerischen’ Stil mit Tiefenillusion, kühnen Verkürzungen, Andeutung von Luftperspektive und dramatischer Verwendung von Repoussoirs studieren.

Weitere Bücher, die in der Bukarester Ausstellung gezeigt werden, sind: eine Frankfurter Bibel mit 128 Holzschnitten des aus der Schweiz stammenden Künstlers Jost Amman, von der das Frontispiz mit einer Darstellung des hl. Hieronymus besichtigt werden kann; ein Dresdner Buch mit dem Holzschnitt „Vier Reiter“ aus Dürers „Apokalpyse“, der in der Ausstellung auch nochmals gesondert als an der Wand hängender Druck bewundert werden kann; und schließlich eine Leipziger Lutherbibel aus dem Jahre 1541 mit Illustrationen von Lucas Cranach d.Ä., von der das kunstvoll bebilderte Deckblatt der Prophetenbücher betrachtet werden kann.

Die Dürerschen Drucke, die im Theodor Pallady-Saal der Rumänischen Akademiebibliothek zu sehen sind, umfassen eine Vielzahl von religiösen und weltlichen Themen und Motiven: verschiedene Darstellungen des Schmerzensmannes (stehend mit gebundenen Händen, sitzend mit Folterwerkzeugen, neben einer Säule, in einer Geißelungsszene), filigrane Wiedergaben Christi (auf dem Ölberg, vor Kaiphas), Metallstiche mit der Jungfrau Maria und dem Jesuskind (in Windeln gewickelt, gekrönt, mit Szepter, neben einer Mauer, neben einem Baum, mit einem Äffchen), mehrere Darstellungen von Heiligen (Hieronymus, Chrisostomus, Thomas mit herrlichem Strahlenkranz, Simon, Gregor), Szenen aus dem Neuen Testament (Beweinung Christi, Dornenkrönung, die Heilige Familie mit drei Hasen), Szenen aus dem Alten Testament (Samson und der Löwe), Szenen aus der antiken Mythologie (Herkules besiegt den Riesen Cacus, Herkules in einer allegorischen Darstellung zwischen den Personifikationen von Tugend und Laster), verschiedene Drucke aus berühmten Dürerschen Zyklen (Die Große Passion, Die Kleine Passion, Die Apokalypse, Das Marienleben), Wiedergaben von Bauersleuten, aber auch von Herrschergestalten wie Friedrichs des Weisen, des Kurfürsten von Sachsen.

Von den zahlreichen Dürerschen Drucken, die in der Bukarester Ausstellung gezeigt werden und von denen hier noch längst nicht alle aufgezählt sind, ist besonders das Werk „Nemesis oder Das Große Glück“ aus dem Jahre 1501/02 hervorzuheben, in dem Dürer, inspiriert von einem lateinischen Gedicht Politians, die griechische Göttin der Rache mit der römischen Schicksalsgöttin in Einklang bringt. Die mächtige geflügelte, mit einem weißen Laken nur spärlich bekleidete Gestalt scheint, obschon auf der sprichwörtlichen Kugel rollend, gleichsam im Leeren zu schweben, weit von Stadt und Landschaft in ferne Himmelsregionen entrückt. Fast verächtlich blickt sie auf den Pokal und die Zügel, Sinnbilder von Gunst und Züchtigung. Im rechten unteren Bildrand sieht man das berühmte Dürersche Monogramm mit dem großen A und dem untergestellten D.

Albrecht Dürer war der erste Künstler, der seine Drucke systematisch mit einem Monogramm kennzeichnete und dieses auch oft (als Plakette, Schild, Tafel o. ä.) in die jeweilige Darstellung integrierte. Schnell fand er hierin Nachahmer, zum Beispiel in dem deutschen Kupferstecher Heinrich Aldegrever, der dem großen A Dürers sein eigenes G unterstellte, aus der Ferne und auf den ersten Blick als Ganzes kaum vom Dürerschen Monogramm zu unterscheiden. Von Aldegrever sind in der Bukarester Ausstellung 17 Stiche aus verschiedenen Zyklen zu besichtigen, darunter auch das beeindruckende Werk „Mucius Scaevola vor Porsenna“.

Von Hans Baldung Grien sieht man in der Bukarester Ausstellung das Bild einer Hexe mit einem schlafenden Stallwächter, der bildnerisch in gewagter Verkürzung wiedergegeben ist, geradezu als plastisches Epitaph eines liegenden Ritters wie in Kirchen aus der Zeit der Renaissance und des Barock. Ein Buch am rechten unteren Bildrand, das in einem Stall eigentlich nichts zu suchen hat, ist mit Baldungs Monogramm HB beschriftet. Vom deutschen Kupferstecher Hieronymus Bang sind vier Drucke aus dem Zyklus „Die Sinne“ in der Ausstellung vertreten, ganz nach der Art der Grotesken, die Raffael in den Loggien des Vatikans zur Kunstform stilisierte. Hans Sebald Beham, Lucas Cranach, der Ältere wie der Jüngere, Hans Burgkmair d. Ä., Hans Leonhard Schäuffelein, Georg Pencz, Hans Sebald Lautensack, Daniel Hopfer und Urs Graf sind weitere deutsche und Schweizer Künstler, die den Besuch der Bukarester Ausstellung zu einem lohnenden Unternehmen machen.

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