Durch das Fegefeuer der Erinnerungen

„Der Scheiterhaufen“ von György Dragomán in deutscher Sprache

Samstag, 14. November 2015

György Dragomán: „Der Scheiterhaufen“. Aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer, Suhrkamp Verlag, 2015

György Dragománs 2014 erschienener Roman liegt nun auch in einer deutschen Übersetzung vor. Wie bereits in seinem vielbeachteten Roman „Der weiße König“ nimmt der Autor die Perspektive eines Kindes ein, um sich diesmal der Epoche kurz nach dem Tod des Diktators Nicolae Ceauşescus in Rumänien anzunähern. Allerdings erscheint als Protagonist kein Junge, sondern die 13-jährige Emma, ein Waisenkind, und verändert den Ton und auch die Atmosphäre dieses Romans. In der pubertären Welt dieses Mädchens verschwimmen die Grenzen zwischen konkreten Erinnerungen, Träumen und Visionen und werden von magischen Elementen durchsetzt.

Obwohl kaum konkrete Namen oder Orte genannt werden, reichen wenige prägnante Schilderungen, um das zeithistorische Geschehen erkennbar zu machen, wie es sich beispielsweise in Temeswar/Timişoara oder auch in Neumarkt/Târgu Mureş, dem Herkunftsort des ungarischen Autors, nach der Revolution in Rumänien zugetragen hat.

Dennoch ist es ihm nicht um eine politische Analyse zu tun. Vielmehr steht für ihn das Verhältnis der Menschen zueinander, trotz oder auch wegen ihrer zum Teil traumatischen Erfahrungen, im Vordergrund. In erster Linie dreht sich das Geschehen um die Beziehung von Emma zu ihrer ihr bisher völlig unbekannten Großmutter. Gleich in der Eingangsszene im Direktorenzimmer des Waisenhauses sieht sich Emma dieser knochigen, schwarzgewandeten, kalt blickenden Frau gegenüber, die sie ohne viel Federlesen mit sich nehmen will in eine ihr ebenso unbekannte Stadt.

Unbekannt ist ihr die Großmutter deshalb, weil das Verhältnis ihrer Mutter zu ihren Eltern so zerrüttet war, dass sie deren Existenz schlicht verschwieg. Auch die Großmutter räumt diesen Konflikt ohne Umschweife ein. Selbstredend sträubt sich Emma zunächst instinktiv gegen eine solche Zumutung, und selbst als die Großmutter in einem Vier-Augen-Gespräch versöhnlichere Töne anschlägt, scheint die Konfrontation zunächst unausweichlich. Aber an diesem Punkt greift die Großmutter zu einem ersten magischen Trick, um ihr zu beweisen, dass sie doch zusammengehören könnten. Sie lässt sie in den Kaffeesatz ihrer Tasse blicken, und in dem sich in Schwingungen versetzten Schlamm auf dem Grund der Tasse sieht Emma zunächst ihr eigenes Gesicht, dann das ihrer Mutter, welches schließlich in das der Großmutter übergeht. Ihr Interesse an dieser ihr fremden Frau ist geweckt, ein erster Bann gebrochen, wenn auch längst nicht alle inneren Widerstände ausgeräumt.

Die nächste Situation, in der die Großmutter sich genötigt sieht zu zaubern, entsteht wiederum in einer äußerst angespannten Lage. Im Speisewagen auf der Fahrt zur Stadt der Großmutter wollen stark alkoholisierte Musiker Emma zwingen, zu Ehren ihres verstorbenen Kameraden zu tanzen. Doch die Großmutter schwingt zur Verblüffung der Musiker selbst das Tanzbein, schneller und schneller…  „ und dann mit einem Griff, zieht sie das Foto unter den Saiten der Zimbel heraus, legt es auf die Theke, knallt das Glas darauf und hält jäh inne. Ich sehe den rosafarbenen Tropfen, wie er immer noch in der Glaswand kreist, die Musiker starren das Glas an, ohne ihr rasendes Spiel zu unterbrechen.“

Die Musiker stehen wie unter einem Bann, was der Großmutter und Emma einen gefahrlosen Rückzug in ihr Zugabteil ermöglicht, wo Emma zum ersten Mal die Großmutter fragt, wie sie dies gemacht hat. Und die verspricht, ihr das eine oder andere beizubringen. Die eingefügten magischen Elemente erscheinen oft nur als winzige Verschiebung der Realität, die dennoch wirkungsvoll ihren Zweck erfüllen. Vor allem bauen die magischen Rituale eine Brücke sowohl zu ihrer Enkelin als auch in die Vergangenheit.

Die Erinnerung an Schmerzliches und an Schuld wird in Ritualen wie dem gemeinsamen Zeichnen in das Mehl auf dem Backbrett heraufbeschworen oder später im reinigenden Feuer des aufgeschichteten Scheiterhaufens überwunden. Die Erinnerungen, die die Großmutter preisgibt, kreisen um ihre Erlebnisse während der Nazizeit, als sie ihre jüdischen Freunde nicht zu retten vermochte, an deren Verrat sie schuldlos schuldig wird. Dank ihrer Magie erscheint die Großmutter weniger hilflos, überwindet Barrieren zu verschütteten Erinnerungen und genau das vermittelt sie auch Emma, die dank dieser Fertigkeiten selbst langsam stärker wird.

Aber Emma muss sich nicht nur in dem Verhältnis zu ihrer Großmutter behaupten. Die Eingliederung in ihre neue Schule fällt ihr nicht leicht. Zumal das Verhältnis zu ihren Mitschülerinnen vorbelastet ist. Die Großmutter ebenso wie der vor Kurzem unter ungeklärten Umständen verstorbene Großvater gelten als Spitzel des Systems. Weder Lehrer noch Schüler stehen ihr unvoreingenommen gegenüber. Der ihr zugewiesene Platz in der Klasse gehörte einer der bei den Unruhen erschossenen Schülerin, der Zwillingsschwester ihrer Banknachbarin, und die lässt sie ihren Groll erbarmungslos spüren. Doch Emma setzt sich zur Wehr, kämpft auch um Vertrauen und kann doch nichts erzwingen.

Auch nicht die Liebe des allseits begehrten Klassenkameraden Iván, dem Sohn eines Exrevolutionärs und Lokaloligarchen, der durch die veränderten Verhältnisse zu Reichtum gelangt ist. Dafür erfährt sie Sympathie von unerwarteter Seite. Olga, die dickliche Außenseiterin, führt sie als Gunstbeweis in den noch nicht eröffneten ersten Supermarkt. Geschildert wird diese Szene wie ein Besuch in einem geheimen Garten der Lüste, wo Fülle und Opulenz des Angebots mehr verstört als beglückt.

Und dann ist da noch Péter, eine Zufallsbekanntschaft, der Junge mit dem Falken, der ihr in ihren dunkelsten Stunden zur Seite stehen wird. Doch auch dieses Verhältnis entwickelt sich nicht ohne Rückschläge. Misstrauen und Verletzlichkeit, dunkle Geheimnisse der Vergangenheit, die bis in die Jetztzeit wirken und die Beziehungen zu vergiften drohen, kennzeichnen diesen Entwicklungsroman, der auf ein dramatisches Ende zusteuert. Vielleicht besteht jedoch gerade darin seine Stärke, dass er nicht nach der eindeutigen Wahrheit fragt, nicht auf der endgültigen Definition von Opfern und Tätern besteht, sondern der Frage nach dem wahrhaft Menschlichen nachgeht, jenseits aller Rachegelüste.

Was Emma darunter versteht, verdeutlicht eine Szene, in der die verfeindeten Parteien von Péter und den Hüttenwerkern aufeinanderprallen. Es kommt zum Kampf und Emma mischt sich ein: „Hört auf ihr Idioten, schreie ich, wollt ihr Blut sehen? Könnt ihr haben! Und ich fange an, sie mit Kirschen zu beschießen. Ich erwische sie voll, die roten Flecken an ihren Klamotten sehen aus wie blutende Wunden, als stünden sie mitten im Gewehrfeuer, Wunden an Brust, Kopf, Rücken. Einen Moment lang scheint sie tatsächlich die Todesangst zu packen, dann begreifen sie, was passiert ist, und brechen in Gelächter aus, lassen die Waffen sinken, doch ich höre nicht auf, beschieße sie weiter. Sie krümmen sich, stöhnen, aber lachen trotzdem wie verrückt, fuck rufen sie, und dass ich aufhören solle, ich höre nicht auf, mache weiter, solange die Kirschen reichen.“ In dieser Szene zaubert Emma bereits – ganz ohne die Hilfe der Magie.

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