Durch die liebenden Augen einer Dichterin

Das Bild König Karls I. in den Werken von Königin Elisabeth alias Carmen Sylva

Donnerstag, 30. April 2015

„Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau“, sagt man im Volksmund. Auf Karl I., König von Rumänien (1839-1914), trifft dies zweifellos zu. Zum einen, weil seine Gemahlin Elisabeth zu Wied als Schriftstellerin Carmen Sylva unabhängig von ihrer Königinnenrolle weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurde. Aber auch, weil sie zeitlebens als treue Unterstützerin an seiner Seite stand, auf dem gemeinsamen und doch so unterschiedlichen Lebensweg, den dieselben Ideale prägten.

Als Multiplikatorin seiner politischen Ideen, als unerschütterliche Bewunderin. Mit  ihren literarischen Werken trägt sie entscheidend zur Popularität des rumänischen Königshauses im Ausland bei, aber auch zu der König Karls I. als Person. Die Ehefrau soll das Echo ihres Mannes sein, soll Karl ihr schon vor der Hochzeit ans Herz gelegt und ihr jede Einmischung in politische Themen untersagt haben. Über ein Echo reicht der Beitrag der fügsamen Gattin dennoch weit hinaus. Dank ihr wurde Karl I. – schon zu Lebenszeiten gelobt und geliebt – zum Mythos erhoben.

 Historische Lücke gefüllt

Umso erstaunlicher ist es, dass die unzähligen Details aus dem privaten und politischen Leben des Königspaars, die Carmen Sylva in ihren Werken erwähnt, für wissenschaftliche Studien zum historischen Verständnis der Person Karls I. und der sogenannten Carol-Epoche bisher kaum in Betracht gezogen wurden. Diese Lücke füllt nun Dr. Silvia Irina Zimmermann in ihrem 2014 auf Deutsch und Rumänisch erschienenen Buch „Unterschiedliche Wege, dasselbe Ideal – Das Königsbild im Werk Carmen Sylvas und in Fotografien des Fürstlich Wiedischen Archivs“, das am 23. April im Bukarester Kulturhaus „Friedrich Schiller“ vorgestellt wurde. Die aus Hermannstadt/Sibiu stammende Autorin, Philologin, Initiatorin und Gründungsmitglied des Forschungszentrums „Carmen Sylva“ des Fürstlich Wiedischen Archivs Neuwied, hatte sich seit ihrer Doktorarbeit über Carmen Sylva durch zahlreiche Publikationen zu einer der bekanntesten Expertinnen für die dichtende Königin entwickelt.

In seiner Vorrede bemerkt auch Nicolae Şerban Tanaşoca, Direktor des Instituts für Südosteuropäische Studien an der Rumänischen Akademie: Es gibt viele Unwahrheiten, die über König Karl I. zirkulieren, doch Silvia Irina Zimmermann räumt damit gründlich auf. Dann kramt er ein paar Sahnestückchen fürs Publikum hervor: Wer wusste zum Beispiel, dass der junge König seinerzeit die belgische Verfassung als erstes Modell für  Rumänien verwendet hatte? Charmant auch der Grund für den Bau des Schlosses Cotroceni: Nachdem der Regent sich über ein Schwein, das sich vor dem Schloss  Mogoşoaia  im Schlamm suhlte, entsetzt hatte, wünschte er sich als Sommerresidenz einen „seriöseren Ort“. Amüsant hingegen der Kommentar des Regenten über die Beschwerde des Leiters der Zentralbibliothek, die Rumänen würden Bücher stehlen – das sei doch immerhin ein gutes Zeichen!

Einblicke in tragische und innige Momente

Die Autorin illustriert durch Literaturzitate aus den Werken Carmen Sylvas – vor allem „Rheintochters Donaufahrt“ – die unterstützende Rolle der Königsgemahlin: Stets reflektierte sie seine Ideen; bewundernd und nie kritisierend vermittelte sie Verständnis, teilte seine Freuden und Sorgen. Diese Einstellung hat sich zeitlebens nicht geändert, obwohl Krisen und tragische Ereignisse die königliche Ehe überschatteten: Der frühe Tod des einzigen Töchterchens, das Fehlen eines Thronfolgers. Der unbewältigte Schmerz, mit dem man, sprachlos und doch spürbar, an der Seite des anderen einsam war, wie Carmen Sylva einfühlsam vermittelt. Dann das Zerwürfnis zwischen den beiden, nachdem sich Karls Neffe und Thronfolger Ferdinand in Elisabeths Hofdame Elena Văcărescu verliebt hatte und diese heiraten wollte. Zwei Jahre verbrachte die Königin daraufhin im Ausland im Exil. Doch der Briefwechsel der beiden in dieser Zeit ist tief bewegend, bekennt Silvia Zimmermann.

Carmen Sylva zeichnet das Bild eines König als Modell, vergleicht ihn mit Stefan dem Großen – wirkungsvoll streicht sie seine Leistungen als Bauherr heraus: das Pelesch-Schloss, die Kirche von Curtea de Argeş, die Carol-Brücke über die Donau bei Cernavodă. Ihre Pelesch-Märchen wurden, geschickt eingesetzt, zum Symbol für die Dynastie: In der Schule als Prämie verteilt, sollten sie in den rumänischen Kindern ein Gefühl für die neue Monarchie wecken. „Aus heutiger Sicht ist die schriftstellerische Tätigkeit Carmen Sylvas ein erfolgreiches Beispiel von Public Relations durch Storytelling in einer Zeit, als diese Begriffe noch gar nicht erfunden waren“, schreibt Silvia Irina Zimmermann im Vorwort ihres Buches.

Zitate und umfangreiches Bildmaterial zu privaten und öffentlichen Anlässen aus dem Wiedischen Archiv vertiefen den Blick hinter die Kulissen: Bärenjagd in Sinaia – mit Randnotiz von Elisabeth, die sich freute, dass der Bär mit heiler Haut davongekommen war. Familienbesuch in Wied mit Töchterchen Maria, genannt „Itty“. Ausflug in die Berge mit „Itty“, im schneeweißen Prinzessinnenkleid in einer Sänfte sitzend. Dann die Verbalisierung des Schmerzes der sich endlos wiederholenden Weihnachten: Sie schreibt und er arbeitet. Wieder kein Kinderlachen und die Hoffnung schwindet... Doch das Leben geht weiter: Ein blutjunger Ferdinand als Thronfolger, neben seinem Vater und König Karl. Seine schottische Gemahlin Maria – und endlich vielfaches Kinderglück, an dem auch das Königspaar als „Großeltern“ noch teilhaben darf.

„Er kennt keinen Hass, nimmt nichts persönlich“, schreibt Elisabeth über Karl I. Sie nennt ihn ihren „hellseherisch begabten Mann“ und bekennt: „Er hat mich gelehrt, alles zu sehen.“ „Die Königin und ich folgen unterschiedlichen Wegen, aber unser Ideal ist dasselbe“, bekräftigt auch der König. Ein wenig bekanntes Foto zeigt beide in gehobenem Alter, in trauter Atmosphäre, der bärtige Regent mit der weißhaarigen Gattin, Hand in Hand...

Den feierlichen Rahmen der von Autora Fabritius organisierten Kulturveranstaltung im Schillerhaus rundete der Musiker Marius Boldea mit Beethoven, Bach und Chopin ab, virtuos zum Besten gegeben auf dem Klavier. Als Gäste gaben sich Prinzessin Maria von Rumänien – die jüngste Tochter König Mihais und damit Ur-Urenkelin der ersten Hohenzollern-Dynastie – und der deutsche Botschafter Werner Hans Lauk die Ehre.


Silvia Irina Zimmermann: „Unterschiedliche Wege, dasselbe Ideal. Das Königsbild im Werk Carmen Sylvas und in Fotografien des Fürstlich Wiedischen Archivs“, Band 1 der Schriftenreihe der Forschungsstelle Carmen Sylva Fürstlich Wiedisches Archiv, ibidem Verlag, ISSN 2199-2940.

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