Echte Kunst statt Vampirsdunst

Dritte Auflage der „Rüstzeit für Kirchenführer“ fand in Schäßburg statt

Dienstag, 11. November 2014

Der Schäßburger Stadttrommler führt die Teilnehmer der „Rüstzeit für Kirchenführer“ durch die Burg.
Foto: Janin Weisser

Was sucht ein Pelikan in der Kirche? Was der Distelfink in der Hand des Jesusknaben? Warum haben unsere Bronzetaufbecken die Form von Abendmahlskelchen? Wie erkennt man das Bildprogramm eines Altarretabels? Warum kann man sich mit Hilfe der „fünf Solas“ die Quintessenz der Reformation merken? Warum tragen die Fremdenführer der Schwarzen Kirche keine historische Kostümierung, wie es der „Stadttrommler“ von Schäßburg tut? Die „Rüstzeit für Kirchenführer“, deren dritte Auflage am vergangenen Wochenende nun, nach Mediasch (2012) und Hermannstadt (2013), in Schäßburg stattfand, bot Gelegenheit, sich diesen und vielen anderen Fragen zu stellen. Gemeinden, die touristisch stark frequentierte Kirchen besitzen, sehen sich vor die Aufgabe gestellt, diesem Strom nicht nur administrativ zu begegnen, sondern den Besuchern gegenüber auch eine immense Aufklärungsarbeit zu leisten, Geschichte und Glaube von Legenden zu scheiden. Durch frühere Erfolge und Nachfrage ermutigt, hatten die Kirchengemeinden Kronstadt, Hermannstadt und Mediasch diesmal ein Seminar für Schäßburg anberaumt. Hier konnten sechzehn Jugendliche, die bereits erste Erfahrungen als Kirchenführer gesammelt hatten, ihre Fertigkeiten und Kenntnisse ausbauen.

Da es keinem Kirchenführer abträglich ist, sich Wissen über die Reformation anzueignen, wurde der waltende Reformationstag zum Anlass genommen, unter Anleitung von Pfarrer Peter Demuth über die Inhalte der Reformation anhand der „fünf Solas“ zu sprechen. Mit Stadtpfarrer Bruno Fröhlich nahmen die Teilnehmer erste Beziehungen zur evangelischen Kirchengemeinde Schäßburgs auf: Er gewährte Einblicke in Vergangenheit und Gegenwart seiner Gemeinde und erläuterte darüber hinaus ein Schäßburger Spezifikum, die Verwendung eines „Hygiene-Kelchs“ im Rahmen der hiesigen Abendmahlsfeiern. Am Totensonntag bot sich dann auch die Gelegenheit, den Kelch bei der Abendmahlsfeier der Gemeinde in der Klosterkirche auch tatsächlich in Aktion zu erleben. Da bereits in den früheren Kursen Grundkenntnisse zu Architektur und Ausstattung der evangelischen Kirchen vermittelt worden war, wurde dieses Kernwissen nun durch zwei kunsthistorische Crashkurse in zwei Richtungen hin ergänzt: hin zur Kenntnis von Details, zur Dechiffrierung christlicher Symbole; und dann hin zur Beherrschung des großen Rahmens, der europäischen Kunstepochen. Speziell für die Ausbildung der Fremdenführer der neu eröffneten Hermannstädter Stadtpfarrkirche wurde ein umfassendes und reich bebildertes Kirchenführer-Handbuch in deutscher Sprache vorgelegt, dessen Druckkosten mit Hilfe einer Förderung des Konsulats der Bundesrepublik Deutschland in Hermannstadt bestritten werden konnten.

Die Burg erkundeten die Teilnehmer der Rüstzeit unter der Leitung des „Stadttrommlers“ von Schäßburg, eines professionellen Fremdenführers in historischer Kostümierung; in Kloster- und Bergkirche wurden sie von den dortigen Fremdenführern in Empfang genommen, und in der Bergschule begrüßte Schuldirektorin Lieselotte Baier die Gruppe persönlich; zwei Oberstufenschüler unterrichteten die Besucher über die beeindruckende Geschichte der Lehranstalt. So erlebte jeder der jungen Teilnehmer, wie Stadt- und Kirchenführungen andernorts choreographiert werden. In der anschließenden Diskussionsrunde ließ sich abwägen, ob sich die erlebten Methoden der Darstellung vielleicht auch für die eigene Praxis empfehlen würden. Bei der abschließenden Auswertung des Wochenendes hoben die Teilnehmer insbesondere den erhellenden Effekt der drei Fremdenführungen und die beiden Crashkurse zur Kunstgeschichte hervor; man hätte, ließ eine Teilnehmerin mit strengem Blick wissen, noch viel, viel mehr Sitzfleisch für die Kunst in den Kirchen gehabt, wenn doch nur die Zeit dazu zur Verfügung gestanden hätte. Wie sollen wir uns da nicht freuen? Und wen will es da noch wundern, dass die nächste Rüstzeit bereits für das Frühjahr 2015 vorgesehen ist?

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