„Ehrlichkeit muss für uns im Mittelpunkt stehen“

Interview mit Teodora Borghoff, der Geschäftsführerin des Kulturvereins „Temeswar Kulturhauptstadt“

Mittwoch, 19. September 2012

Teodora Borghoff: „Unsere größte Trumpfkarte sind die Jugendorganisationen." Foto: Zoltán Pázmány

2021 wird Rumänien eines der Gastgeber-Länder für Europas Kulturhauptstadt sein. Vor einigen Wochen wurde das Land von der Europäischen Kommission offiziell ausgewählt. Temeswar arbeitet seit über einem Jahr an der Bewerbung für den Titel. Bisher war das Jahr 2020 anvisiert worden. BZ-Redakteur Robert Tari sprach mit der Geschäftsführerin des Kulturvereins „Temeswar Kulturhauptstadt“, Teodora Borghoff, über den neuen Schlachtplan für die Kandidatur der Stadt, sowie über ein neues Projekt, das in diesem Herbst durchgeführt wird.

Der Kulturverein startet im Oktober ein neues Projekt. Mit dem „Gedächtnis meines Stadtteils“ sollen sechs geschichtliche Stadtviertel durch Kulturveranstaltungen vorgestellt werden. An welche Zielgruppe möchte man sich konkret richten? 

Unsere Zielgruppe sind die Einwohner der sechs Stadtteile. Besonders wichtig sind für uns die Neuansässigen, diejenigen Bürger, die mit der Geschichte der Stadtviertel nicht vertraut sind. Hier könnten bestimmte ethnische Gruppe eher angesprochen werden. Wir gehen von den Schulen der jeweiligen Stadtteile aus. Zuerst möchten wir uns an die Kinder richten, dann an die Eltern und deren Bekanntenkreise. Wir hoffen auch darüber hinaus, durch die öffentlichen Veranstaltungen und unser Vereinsblog, weitere Einwohner für die Aktion zu gewinnen.

Die Europäische Kommission hat Rumänien offiziell zum Gastgeber-Land für 2021 erklärt. Temeswar hatte bisher 2020 als Termin anvisiert. Was bedeutet diese Änderung konkret für die Bewerbung?

Ein besonders großer Unterschied besteht kaum. Wir waren von Anfang an auf einen harten Wettbewerb eingestellt. Für uns ist es inzwischen eine Erleichterung, weil wir die genauen Anforderungen kennen. Die Europäische Kommission hat aus vergangenen Erfahrungen gelernt und ein systematisches und strukturiertes Regelwerk zusammengestellt. Sie definiert sechs konkrete Kriterien. Wir sind mental darauf eingestellt und verfügen bereits über ein Wissensfundus, das wir aus den Kontakten mit anderen Kulturhauptstädten gewonnen haben.  Wir haben bereits eine ausführliche Work-flow-map erstellt, worauf die notwendigen Schritte eingeplant sind. Wichtige Voraussetzung ist natürlich die gründliche Vorbereitung auf die Kernpunkte der von der EU aufgestellten Kriterienliste. Wie gesagt, wir stellen uns auf einen harten Wettbewerb ein. Es haben bereits vier Kandidaturstädte ihre Absicht bekundet und das noch bevor die klaren Bedingungen feststanden. Mit Rumänien als offizielles Teilnehmerland für 2021 werden sich weitaus mehrere Städte an dem Rennen beteiligen. Aber wie gesagt: Wir sind bereit.

Es gab Beispiele, in denen kleinere Städte größeren vorgezogen wurden. So wurde zum Beispiel in Spanien San Sebastián der größeren Stadt Córdoba bevorzugt. Was muss Temeswar tun, um gegen die wachsende Konkurrenz zu bestehen?

Ehrlichkeit muss für uns im Mittelpunkt stehen. Wir dürfen nicht arrogant ins Rennen gehen und dadurch unsere Konkurrenten unterschätzen. Aussagen darüber, wie bedeutend die Stadt ist und was sie in der Vergangenheit erreicht hat und gegenwärtig erreicht, sind fehl am Platz. Stattdessen müssen wir objektiv und ehrlich bleiben. Wir müssen auf unsere Stärken setzen. Was wir aber nicht aus den Augen verlieren dürfen, sind unsere klaren Schwächen. Wir müssen Konzepte erarbeiten, die sich diesen Nachteilen widmen. Natürlich wird es als Stadt nicht einfach sein, seine Probleme offen auf den Tisch zu legen. Jedoch vertrete ich den Standpunkt, dass wir nur so wirklich erfolgreich sein können.

Sie sprachen von konkreten Richtlinien, die von der Europäischen Kommission nun bestimmt wurden. Ingesamt sechs Kriterien muss Temeswar erfüllen. Könnten Sie diese erläutern?

Das erste Kriterium befasst sich mit der langfristigen Strategie der Stadt. Es ist ein besonders heikles Thema für uns. Langfristige Pläne gehören nicht unbedingt zu Rumäniens Stärken. Wir müssen in 2012 unsere Kandidatur für 2021 vorbereiten und diese wiederum muss Probleme anstoßen, die Temeswar in 2030 oder 2050 noch belasten könnten. Es ist eine spannende Herausforderung für uns, besonders in diesen schweren Zeiten, in denen die Wirtschaft bröckelt und das sozialpolitische Klima instabil ist. Die Kultur könnte aber einen Ausweg schaffen. Ein weiteres Bewerbungskriterium ist besonders ergebnisorientiert. Wir müssen zeigen, dass wir durchaus in der Lage sind, nachhaltig etwas zu verändern und durch unsere Projekte klare Ergebnisse zu erzielen. Ein klar durchstrukturiertes und einheitliches Kulturprogramm gehört zu den weiteren Kriterien, die wir erfüllen müssen. Inwieweit sich lokale Künstler und Kulturvereine engagieren, ist genauso wichtig, wie ein vielfältiges und reiches Angebot, welches das Kulturerbe der Stadt erfolgreich mit einbindet, während gleichzeitig neue, innovative und experimentelle Kunst gefördert wird. Ich glaube, dass unsere größte Trumpfkarte die Jugendorganisationen sind. Durch sie kann junge Kunst in Temeswar gedeihen. Sicherlich spielt Erfahrung keine unwichtige Rolle, aber wenn wir es schaffen, diese beiden Aspekte miteinander zu verbinden, dann werden wir große Chancen auf den Titel haben. Weiterhin müssen wir auf europäischer Ebene präsent sein. Diese Voraussetzung wurde aus älteren Bestimmungen übernommen. Es gibt sehr viele junge Bürger, die im Ausland studieren. Viele von ihnen haben sich kulturbezogene Studienrichtungen ausgewählt. Es wird sehr wichtig sein, diese Menschen wieder in ihre Heimatstadt zurückzubringen. Dabei werden sie bloß aufgrund leerer Versprechen nicht wieder nach Temeswar ziehen. Deswegen müssen wir uns die Frage stellen, was die Stadt für diese jungen Menschen attraktiv machen könnte. Auch innerhalb der Stadt müssen wir für die Sache Werbung machen. Das ist die fünfte Voraussetzung. Der Bürger muss an dem Vorhaben beteiligt sein. Wir haben damit bereits begonnen. Projekte wie „Das Gedächtnis meines Stadtteils“ sollen eben die Menschen sensibilisieren. Und schließlich verlangt die Kommission von uns, dass wir auch organisatorisch fit sind, dass wir über die Mittel, das Personal usw. verfügen.

Könnten Sie mir drei Probleme aufzählen, die Temeswar für die Kandidatur zu bewältigen hat?

Wenn ich mich strikt auf unser Kandidaturvorhaben beschränke, hätte ich nur eine Anmerkung zu machen. Die Stadt hat in mehreren Bereichen Nachholbedarf. Aber wenn es um unsere Bewerbung geht, dann gibt es zur Zeit ein gravierendes Problem: Die mangelnde Bereitschaft aller Beteiligten am gleichen Strang zu ziehen. Sicherlich kennen sich die meisten Kulturvertreter untereinander und haben auch bereits in diversen kleinen Projekten zusammengearbeitet. Aber momentan fehlt noch eine gemeinsame Vision. Jeder stellt sich etwas anderes vor. Manche möchten große, spektakuläre Veranstaltungen, die auf ein bestimmtes Publikum gerichtet sind, andere wollen eher auf soziale Projekte setzen, während ganz andere die Wirtschaft voranbringen möchten. Wir müssen einen Mittelweg finden und zusammenarbeiten. 

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