Ein armes Dorf und seine Perle

Viele kleine Schritte zur Rettung der Kirchenburg in Radeln

Sonntag, 26. Mai 2013

Dipl.-Architekt Sebastian Szaktilla Foto: Ralf Sudrigian

Die Ringmauer kurze Zeit vor dem Einsturz...

… und dieselbe Stelle nach den erfolgreichen Notsicherungsmaßnahmen.
Fotos : Sebastian Szaktilla

Radeln/Roadeş ist ein kleines, abgelegenes und auch armes Dorf im Repser Ländchen, über das die  stolze Kirchenburg der Siebenbürger Sachsen von einer kleinen Anhöhe wacht. Die Sachsen sind nach 1989 fast alle nach Deutschland ausgewandert. Heute stellen Roma die Mehrheit in der Ortschaft, die – wie auch andere ähnliche Dörfer im Repser Ländchen – nicht mit den Änderungen des dritten Jahrtausends Schritt halten konnte. Die Kirchenburg drohte mehr und mehr zu verfallen – Vernachlässigung, Diebstähle und Vergessen waren die Kennzeichen eines Dornröschenschlafs, der die Zukunft der Radler Bevölkerung zu sein schien. Dann griff nicht ein ferner Prinz ein – auch die gibt es, wenn man an Deutsch-Weißkirch und den britischen Thronfolger Charles denkt – sondern Rockstar Peter Maffay. Seine Stiftung beschloss im kleinen Dorf ein Grenzen überschreitendes Heim für traumatisierte Kinder zu errichten. Neues Leben kam ins Dorf: Minister tauchten erstmals auf, die Medien interessierten sich für das Projekt, für Radeln. Und die Kirchenburg wurde nicht außer Acht gelassen, denn die Stiftung begann mit den ersten Restaurierungsmaßnahmen.

Der Mann, der Radeln als Sitz des Kinderheimes vorgeschlagen hatte, ist der deutsche Architekt Sebastian Szaktilla. Er sieht in Kirche und Kirchenburg nicht nur ein Baudenkmal, dessen Verfall weh tut und Probleme bereitet, sondern eine Perle, die eines Tages im alten Glanz wieder erstrahlen soll. Das ist ein langjähriges Unterfangen, teuer und deshalb noch nicht sichergestellt. Im ADZ-Interview mit Ralf Sudrigian kommen die bereits unternommenen, vielen kleinen Schritte zur Sprache, woraus ersichtlich wird, wie viele Denkmalschutz-Details mitspielen. Es geht um Facheingriffe, kulturhistorische Werte und Rücksichten, aber auch um Geld und eine Vision. Das (Über)Leben mancher Kirchenburg ist eben kein selbstlaufender Prozess. Der Zahn der Zeit nagt gnadenlos an altem Gemäuer. Und dann kann es hie und da zum Einsturz kommen. Das war voraussehbar, ist auch in Radeln passiert und war der eigentliche Anlass dieses Gesprächs.

Was ist eingestürzt?

Im Februar 2012 war mit lauten Knall ein Teil der Ringmauer der Kirchenburg in Radeln eingestürzt. In Fällen wie diesen sieht es die rumänische Baugesetzgebung vor, dass man im Rahmen einer Notsicherung zur Vermeidung weiterer Schäden und Gefahren in kurzer Zeit noch vor der Erstellung eines eigentlichen Projektes die Sachen wieder in Ordnung bringt. Das ist erfolgt. Es wurden seitens des Bauherren – das evangelische Bezirkskonsistorium Kronstadt – die entsprechenden Genehmigungen für eine Notsicherungsmaßnahme eingeholt. Dann wurde auf der Grundlage einer beschränkten Ausschreibung eine Firma aus der Region ausgewählt. Diese Firma hat in direktem Kontakt mit mir als Projektleiter und mit Herrn Emil Crişan als Architekt des Landeskonsistoriums diese Ringmauer wieder aufgebaut. Die Einsturzstelle wurde zunächst abgesichert, anschließend wurde aufgeräumt, die Steine wurden sortiert. Nachher wurde die Ringmauer in ihrer alten Form, gemäß des historischen Bestands, Stein für Stein wieder aufgebaut. Es handelt sich also bei der Ende April abgenommenen Baumaßnahme nicht um eine Restaurierung, sondern um eine Notsicherung.

Gab es Geldmittel dafür?

Die Maßnahme wurde in voller Höhe vom deutschen Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, Staatsminister Bernd Neumann, finanziert, der bereits 2011 die Neueindeckung der Dachflächen gefördert hatte. Vor dem Hintergrund dieser erfolgreichen Maßnahme wurde eine weitere Förderung an der Kirchenburg in Radeln für 2012 in Aussicht gestellt. Ich hatte mehrere Vorschläge vorgelegt – einer betraf die Sicherung der damals noch stehenden Mauer, die wenige Wochen darauf einstürzte. Die Besonderheit dieser Fördermaßnahme war, dass sie noch im selben Jahr nicht nur geplant und ausgeführt sondern auch abgerechnet werden musste. Da hatten wir ein bisschen Mühe mit den Laufzeiten aller Genehmigungen innerhalb der beteiligten Behörden und Institutionen. Mit der eigentlichen Arbeit konnten wir im September 2012 beginnen. Dank der guten Witterung konnten wir die Arbeiten im November 2012 abschließen und sie zum Jahresende auch abrechnen.

Ist viel eingestürzt?

Die Einsturzstelle umfasste eine Stelle, an der in historischer Zeit noch ein Turm gestanden war. Durch den Einsturz dieses Turms vor rund 150 Jahren und darauf folgende Schwächungen der Struktur an dieser Stelle war die Mauer immer labiler geworden und begann sich nach außen zu neigen, so stark, dass man schon einen großen Riss erkennen konnte. Eines Tages hat dann die Mauer nachgegeben. Betroffen war ein acht Meter langer Mauerteil. Die Ringmauer ist etwa fünf Meter hoch an dieser Stelle, hatte auch noch den relativ gut erhaltenen hölzernen Wehrgang, einschließlich Dachdeckung, ein Stützpfeiler, einige Schießscharten. Die ganze Struktur haben wir wieder aufgerichtet.

Wurde dabei Beton verwendet?

Die Kirchenburg Radeln ist ein historisches Denkmal der Kategorie A und unterliegt strengem Denkmalschutz. Wir mussten trotz der Einstufung als Notmaßnahme den Rat eines statischen Experten einholen (Ingenieur D. Csákány aus Neumarkt/Tg. Mure{). Der hat keine Expertise gemacht – es hätte zu lang gedauert – sondern einen „act de constatare“, also eine Schnellbegutachtung. Er hat empfohlen, im Inneren der Wand, die an der Stelle 1,20 – 1,40m dick ist, einen Betonbalken einzubauen, mit dem man den wieder aufgebauten Teil konstruktiv mit den angrenzenden Abbruchstellen verbindet. Das haben wir auch gemacht, sehr zurückhaltend, mit minimalen Querschnitt und auch nur ein Stück.

Die Optik musste natürlich stimmen, das Material muss stimmen. Ich habe auch darauf geachtet, dass das Fugenbild dieser alten Mauer weitestgehend eingehalten wird. Jetzt sieht man zwar, dass der Teil neu ist, weil die Fugen eine hellere Farbe haben. Aber von der Struktur her kann man sagen, dass die Maßnahme doch gelungen ist. Man darf nicht vergessen, dass wir nicht nur die Mauern wiederaufgebaut haben, sondern wir haben auch den Wehrgang vollständig wiederhergestellt, unter Verwendung auch neuer Bauteile aus Eichenholz und teilweise Nadelholz. Die Verbindungen sind, soweit es möglich war, zimmermannsgerecht in historischer Form gemacht worden. Für die Deckung hatten wir einige alte Ziegel zur Verfügung, mussten diese aber auch mit neuen ergänzen. Man kann also schlussfolgern: Die gesamte Einsturzstelle ist gemäß des historischen Bestands vollständig wiederhergestellt worden.

Wird die freigelegte alte Wandmalerei im Kircheninneren restauriert?

Die Begutachtung der Wandflächen durch einen erfahrenen Restaurator aus Neumarkt, Kiss Loránd, ist eigentlich Teil einer Reihe von kleinen Paketen, die dazu dienen, Grundlagen zu schaffen für die anzustrebende Gesamtrestaurierung der Kirchenburg. Der Restaurator war beauftragt, herauszufinden, ob es Wandmalereien aus vorreformatorischer Zeit gibt. Er hat solche, sogar sehr schöne, gefunden. Er hat ein paar Fenster freigelegt, gereinigt, konserviert und so belassen. Aufgrund seines Gutachtens können die Bauherren diskutieren, ob man im Rahmen der Gesamtsanierung auch die Wandmalereien freilegt. Man muss dies allerdings nicht tun. Es stellt sich nämlich die Frage, ob die vorreformatorische Wandmalerei im kunsthistorischen Sinne zur Nutzung durch eine evangelische Kirchengemeinde passt. Aus meiner Sicht als Architekt würde für die Besucher die Kirche dadurch stark gewinnen, wenn man die Wandmalereien freilegen und konservieren würde.

Was geschah mit der Orgel?

Die Orgelpfeifen wurden geborgen – ein weiteres, kleines Paket zur Sicherung der Kirchenburg. Die ganze Orgel war sehr stark in Mitleidenschaft gezogen durch Marderverbiss, wohl auch durch Vandalismus, Verschmutzung, langjährige Vernachlässigung. Ich habe in Abstimmung mit dem Bezirkskonsistorium veranlasst, dass die Orgelpfeifen von der Orgelwerkstatt in Honigberg fachgerecht geborgen, verpackt und nach Kronstadt in Sicherheit gebracht worden sind.

Wie steht es um den Altar?

Der Altar als Gesamtheit sollte erst dann zurückgebracht werden, wenn die Voraussetzungen dafür gegeben sind, also wenn die Kirchenburg nicht nur vollständig saniert, sondern auch gegen Einbruch gesichert ist. Der Altar ist gestohlen worden, wurde, Gott sei Dank, wieder aufgefunden und befindet sich heute in Hermannstadt und zwar, so weit ich weiß, in restauriertem Zustand. Mein großer Wunsch wäre es, wenn man eines Tages diesen Altar, den man bergen musste, wieder zurückbringt an den alten Platz. Vorgespräche sind gelaufen und es besteht ein Konsens, dass dies eines Tages auch geschehen soll.

Die Gesamtrestaurierung wäre also eine nächste Etappe...

Wir haben ja im Augenblick eine kleine Folge von vorbereitenden Maßnahmen – Bauaufmaß durch Geodäten, Notsicherung an der Dachdeckung, Einbau einer Dachentwässerung, Wiederaufbau der Ringmauer, Gutachten durch den Wandrestaurator und weiteres – durchgeführt. Es sind Maßnahmen in planerischer und in baulicher Hinsicht – jede für sich eine geschlossene Teilmaßnahme mit unterschiedlichen Geldgebern. Was aber fehlt, ist die wünschenswerte und sinnvolle denkmalpflegerische Restaurierung der gesamten Anlage. Also nicht nur das Regenwasser abzuleiten, sondern auch die Risse im Turm zu schließen, die Wände wieder herzustellen, etwas zu unternehmen gegen die Wandfeuchte. Man müsste im Kirchhof etwas Erdreich abtragen, weil das Erdreich außerhalb der Kirche höher liegt als innen, was zum Feuchteeintrag führt. Das Mobiliar sollte gesichert, stabilisiert und eventuell auch restauriert werden. Man müsste sich die Gewölbe anschauen.

Ganz dringend: Der riesige historische Dachstuhl muss konstruktiv instand gesetzt werden. Dann gibt es noch den ehemaligen Kindergarten (Baujahr 1936), den man sichern und herrichten sollte. Wir haben ferner die sogenannte Lehrerwohnung, die derzeit als Gottesdienstraum genutzt wird. Alles befindet sich im Umgriff der Kirchenburg. Außerhalb ist der Kultursaal, der nicht unmittelbar zum Denkmal gehört, der aber ein Teil der Gesamtheit des siebenbürgisch-sächsischen evangelischen identitätsstiftenden Kirchenburgensembles ist. Eines Tages, da bin ich mir ganz sicher, wird dieses Ensemble in neuem Glanz erstrahlen. Die Frage ist nur: Wer beteiligt sich daran?

Das setzt wohl hohe Kosten voraus!

Der Wert aller bisher geleisteten Arbeiten – freiwillig, bezahlt, baulich, planerisch – dürfte irgendwo bei 150.000 Euro liegen. Für weitere 300.000 Euro würde man sehr viel erreichen können. Man könnte von einem Objekt sprechen, das genau so strahlt, wie zum Beispiel Tartlau oder andere Kirchenburgen in dieser Größenordnung. Radeln ist ja wie eine Perle. Eine Perle, die sehr verschmutzt ist und vernachlässigt worden war. Deshalb ist sie ja in Vergessenheit geraten.

Könnte Radeln nicht in einer erweiterten Kirchenburg-Liste aufgenommen werden, für Förderung aus Mitteln der EU?

Mir ist nicht genau bekannt, welches der Stand in dieser Hinsicht ist. Nachdem das Landeskonsistorium nun aber Erfahrung hat mit dieser Form der EU-Förderung, könnte ich mir gut vorstellen, dass es zu einer weiteren Finanzierung kommt. 2014 fängt auch eine neue Förderperiode der EU an. In diesem Rahmen würde ich aus meiner Sicht empfehlen, dass man die Zahl der Objekte ein wenig reduziert, bei gleichbleibendem Betrag. Es hieße, dass etwas weniger Objekte jeweils etwas mehr Geld erhielten, womit man mehr machen kann. Radeln gehört durchaus zu den, glaube ich, ganz heißen Kandidaten für eine solche Maßnahme.

Radeln als Ortschaft profitiert wohl auch von einer größeren öffentlichen Wahrnehmung dank der Kirchenburg-Restaurierung und der Präsenz der Peter-Maffay-Stiftung...

Die Bevölkerung hat bisher noch nicht genug davon, dass im Dorf eine Stiftung existiert. Da geht noch zu viel nebeneinander her. Man kann nicht jedem eine Arbeitsstelle sichern. Dies überstiege jede Möglichkeit. Aber man kann dafür sorgen, dass die Bevölkerung durch indirekte Effekte doch ein bisschen Verbesserung in ihrem Leben erhalten kann. Zum Beispiel dadurch, dass mehr Gäste ins Dorf kommen. Wer ins Dorf kommt, will in die Kirchenburg, muss vielleicht Eintritt zahlen, trinkt vielleicht irgendwo Kaffee oder kauft sich eine Flasche Wasser. Dann ist ja noch das Frischwasserprojekt in Planung. Es soll noch dieses Jahr durchgeführt werden. Es ist aber natürlich eine Aufgabe des Staates. Die Anwesenheit der Maffay-Stiftung trägt sicher dazu bei, dass die Dinge ein wenig beschleunigt werden. Aber noch fehlt das Wasser, genauso wie der Asphalt auf der Straße fehlt.

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