Ein Blick hinter die Fassaden

Was Innenhöfe in der Hermannstädter Altstadt bieten

Sonntag, 16. Oktober 2011

Zahlreiche Läden beherbergt das ehemalige Brukenthal-Haus. Die Wappen an der Wand weisen darauf hin in der Heltauergasse Nr. 12.

Mediterrane Atmosphäre und Spitze der Kathedrale.

Die Innenhöfe sind die verborgenen Sehenswürdigkeiten von Hermannstadt.

Hinter den Fassaden der Heltauergasse verbirgt sich ein vielseitiges Leben.

Jede Mietpartei hat ihren eigenen Stromzähler.
Fotos: Eva Petersen und Alyssa Schmid

Zahlreiche Reiseführer preisen die vielen Hinterhöfe an, die sich Touristen bei ihrem Besuch in Hermannstadt/Sibiu nicht entgehen lassen sollten. Es lohnt sich beispielsweise einen Blick in den Hinterhof des Hauses Nr. 8 auf der Reispergasse/Str. Avram Iancu zu werfen. Dabei handelt es sich um ein 1785 erbautes Wohnhaus, dessen Grundmauern auf einen mittelalterlichen Bau zurückzuführen sind.

Dieses barocke Palais entstand für Peter und Michael von Brukenthal, die Neffen des ehemaligen Gouverneurs Samuel von Brukenthal. Es umringt einen Hof, der ein wahres Schmuckstück ist.  Einen stimmungsvollen Innenhof, der mit einer vierseitigen Galerie auf toskanischen Säulen südliches Lebensgefühl vermittelt. So beschreibt Arne Franke in seinen kunsthistorischen Stadtrundgängen den Innenhof und charakterisiert damit die Atmosphäre in diesem Hof durchaus treffend. 13 Mietparteien verteilen sich über die erste und zweite Etage des Gebäudes. Zudem hat die Hermannstädter  Zweigstelle des Blindenverbands ihren Sitz im großen Saal im zweiten Stockwerk des Gebäudes.

Ein kleines Brukenthal-Palais

Das Erdgeschoss ist einen Rundgang wert. Der Hof wird durch einen doppelten Torbogen geteilt. Der Blick nach oben in die erste Etage wird vom dichten Wein versperrt. Noch viel eindrucksvoller erscheint der Aufgang über eine große Treppe und das sich anschließende erste Stockwerk. Architektur und Stuckaturen lassen erahnen, welch prächtiger Bau einst an dieser Stelle gestanden haben muss.

Die Deckenmalereien, die innerhalb der heutigen Blindeneinrichtung zu bewundern sind, tragen ihr Übriges dazu bei. Wenn auch die vergangenen Jahrhunderte starke Spuren hinterlassen haben, verströmt der Hof dennoch einen ungeheuren Charme. Grund für die Vernachlässigung des Baus ist u. a. die Klärung der Eigentumsverhältnisse.

Noch entrichten die Anwohner ihre Miete an die Stadt. Seit 2002 läuft aber bereits ein Verfahren, das das Anwesen wieder unter die Trägerschaft der evangelischen Kirche stellen soll. Eine rechtskräftige Entscheidung darüber wird aber erst ab 2014 erwartet. Bis dahin geben sich die Anwohner alle erdenkliche Mühe, kleine Arbeiten im Innen-und Außenbereich zu übernehmen. Denn solange die Besitzansprüche nicht geklärt sind, wird auch in das Historische nicht investiert. 

Bei den Bewohnern des Hauses sind Besucher herzlich willkommen. Gerne führen sie die Leute bei Interesse auch ins Innere ihrer Wohnungen. Neben Touristen haben auch schon Filmteams den Weg in die Reispergasse gefunden. Zahlreiche Filmproduktionen setzten den Hinterhof bereits in Szene.

Dieser InneNhof ist nur eine von vielen verborgenen Sehenswürdigkeiten in dieser Gasse. Auch der Innenhof der Hausnummer 11 verbirgt eine kleine Attraktion. Das Grundstück befindet sich im Besitz der evangelischen Kirchengemeinde, die die Geschäftsräume auf der Reispergasse an die Betreiber des Scottish Pubs und des Biocoop-Verbands vermietet.

Neben zahlreichen anderen Gebäuden der Altstadt zählt auch dieses zu denen, die aus Geldern der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) saniert wurden. Die Arbeiten begannen 2000. In den folgenden fünf Jahren kam es in Abstimmung an die Bedürfnisse der Hausbewohner zu einer Modernisierung der Wohnungen. So verfügt heute jede der 16 Mietparteien über ein Bad. Zudem sind in eben diesem Hof Sozialwohnungen entstanden.

Der Hof selbst ist sehr weitläufig. Durch die gedeckten Farben an der Fassade fühlt man sich in mediterrane Regionen versetzt. Die Hofgestaltung ist jedoch noch nicht abgeschlossen. Weitere Projekte warten auf ihre Realisierung. Wie z. B. ein Garten, der sich im hinteren Teil des Grundstücks befindet und der für die Inbetriebnahme einer Gaststätte angelegt werden soll. Wenn auch der Charme des Alten ein wenig durch die Sanierung verlorengegangen ist, ist der Hof einen Besuch doch allemal wert.

Neben den beiden hier genannten Innenhöfen lohnt es sich auch einen Blick in weitere Innenhöfe zu werfen. Dafür bietet sich zum Beispiel die Heltauergasse an.

Eindrücke aus der Heltauergasse

Das Ticken der Uhr in dem Lädchen für Selbstgemachtes in der Heltauergasse/Str. Nicolae Bălcescu 30 lässt aufschrecken: Es wundert, dass die Zeit vergeht. Alles ist still hier. Der Hof, in dem der Laden liegt, strahlt, wie der Laden selbst, eine für den Besucher ungläubig empfundene Ruhe aus. Man fühlt diesen Flecken hier selbstvergessen im Treiben der Gasse, vielleicht auch selbstvergessen in der Zeit überhaupt.

Die Eingangstore des Hofs sind von abblätterndem Rosa, Stuck und Figuren zieren die Treppenaufgänge. Die Treppe ist mit einem neu aussehenden Holzverschlag gesperrt. In den grünen Innenhof getreten, erscheinen links unzählige Steine, ein eingestaubtes Quad dabei, rechts ist ein kleiner grüner Verschlag mit Blümchenvorhängen: sieht unbewohnt aus.

Die Stille im Hof steht schier. Bis eine ältere Dame plötzlich auf dem Hof steht, spricht und gestikuliert. Für Kundige wie für Unkundige der rumänischen Sprache wird schnell klar, wohin der Weg nun führen soll: in den Laden für Selbstgemachtes nebenan.

Es gibt viel zu entdecken und viele Geschichten zu erleben hinter den Fassaden des aufgeregten Lebens der Heltauergasse. Ihren Namen verdankt sie der Richtung: gen   Heltau/Cisnădie. Beliebt sind ihr ausladendes kulinarisches Angebot und die ausgedehnten  Möglichkeiten des Shopping. Doch auch um den Reiz ihrer Innenhöfe weiß man.

Die „Galeriile comerciale Pacea“ dürften jedem Hermannstädter bekannt sein. Der Hinterhof beziehungsweise Durchgang zur Harteneckgasse/Str. Cetăţii fällt zuerst durch lautstarke Musik auf, innendrin gibt es auch Kleidung und Schuhe.

Das Haus Nr. 12 in der Heltauergasse beherbergt in seinem Innenhof ebenso einen Shopping- und Dienstleistungsgenuss. Das Haus hat ebenfalls mal Michael von Brukenthal gehört und ist ein Baudenkmal. Tritt man in den Hof ein, kann man geradeaus das schöne blauweiß-stuckierte Wappen von Brukenthal und seiner Frau Christina sehen. Außerdem stehen wahlweise Friseur, Kleidung, Reiseplanung oder Geldtausch zum Angebot.

Das zweigeschossige Haus steht exemplarisch für andere Gebäude dieser Art in der Heltauergasse. Die Fassaden der Häuser sind vorwiegend vom späten Barock und dem Klassizismus geprägt, zumeist geht ihr Kern auf die Gotik und Renaissance zurück. Aus diesen Epochen haben sich Hauseingänge, Gebäudeinneres und Dachstuhlkonstruktionen erhalten.

Jugendstil und Historismus

Besieht man sich die Gebäude der Innenhöfe Nummer 1, 5 und 9, so trifft man auf dreigeschossige Häuser. Diese sind von Jugendstil oder Historismus geprägt. Die Innenhöfe 1 und 5 muten wohnlich an. Sie sind aber historisch interessant. In der Heltauergasse 1 hatte die Zeitung Tribuna unter anderem mit dem Redakteur und Dichter George Coşbuc ihren Sitz. Heute findet man hier im Innenhof neben Wohnungen den Transilvanian Tattoo-Laden. Genutzt wurde dagegen der Innenhof 5 unter anderem von dem im Mai 1848 gewählten rumänischen Nationalkomitee, von dem Komponisten Timotei Popovici, dem Politiker Iacob Bologa und dem Mediziner Lucian Bologa. Die Gebäude auf Nummer 1, 5 und 9 sowie das  Brukenthalsche Haus wurden im Rahmen des Kulturhauptstadt 2007-Programmes renoviert.

Dass die Zeit auch in den belebteren Höfen stillstehen kann, beweist der Innenhof auf Nummer 9. Hier ist es immerzu neun des Tags und 21 Uhr des Nachts. Neongelb leuchtet die Uhrenanzeige für die Uhren-Werkstatt im Hof. Weiter hinten trifft man auf einen Natur-Laden, hier lachende und frische Gesichter auf dem Werbeschild. Tropfende Kleidung an den Wäscheleinen erinnert den Besucher einerseits an die Wohnpartien dieses Hauses und lässt andererseits eindrucksvoll die übereinander getürmten Balkone bestaunen. Rote Geranien, gemütliche Bastsessel, warmes Dekor lassen anheimelnde Atmosphäre aufkommen.

Spannender sind die in der Heltauergasse stadtauswärts gelegenen Hinterhöfe. Hier ist weniger ausgeschildert, im Sinne der Kulturhauptstadtförderung weniger finanziert und es ist auch weniger los. Es lohnt, sich von offenen Toren zum Eintreten rechts und links verleiten zu lassen und sich von mal zu mal einer Überraschung hinzugeben.

Über Gott und die Welt

Findet man den Weg in das geöffnete Tor neben dem Dracula-Maskottchen der Spiel-o-thek Baum Games, Draculas Games, eröffnet sich eine neue Sicht auf das Hermannstädter Stadtbild. In schier mediterraner Umgebung lässt sich die Kuppel der orthodoxen Kirche zwischen den siebenbürgischen Dächern erblicken. Terrakotablumentöpfe, Wappen oder Aufgemaltes sind zur Linken, rechts ist ein Pfandleihhaus. Da scheint es aber eher ruhig zuzugehen und die Chance auf wohlige Ruhe ist hoch.  

Schön anzusehen und praktisch ist der Innenhof beziehungsweise der Durchgang im Haus 16 neben der Humanitas-Buchhandlung. Hier kommt man schnell in die Brukenthalgasse/Str. Xenopol und kann dabei dennoch die schöne Architektur des Hofes besehen. Gespräche über Gott und die Welt kann man dagegen im Hof auf Nummer 14 führen. Mit dem Rick’s Nr.1 Verkäufer lässt sich auf Deutsch über die offenen Fragen der Welt, die teils politisch, teils philosophisch anmuten, sinnieren. Neben schönem Anblick kann man aus diesem Innenhof ein Stück Hermannstädter Denken mitnehmen.

Es wird noch viel Wasser den Zibin herunterfließen, lernt man hier. Will man in den Hof finden, muss man an den Bewachern des Tores vorbei: Hier zirkulieren die auf Fahrräder-geschwungenen Mini-Männchen und Mini-Weibchen im Kreis. Auch dieses Gebäude in der Heltauergasse ist ein Baudenkmal.

Einen verschlafenen Trabbi in verwunschener Atmosphäre oder gekonnte Graffiti-Kunst lassen sich beispielsweise in den Innenhöfen 31 und 33 erblicken. Mehr Geschichten gibt es in den weiteren, bisher unentdeckten Innenhöfen der Gasse.

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