Ein Blick über die eigenen Grenzen

Gastprofessor Ciprian Mureşan stellte in Braunschweig aus

Montag, 01. September 2014

Ciprian Mureşan bei der Arbeit am Papp-Modell des Bukarester Zentrums
Foto: Enric Fort Ballester

„Hier ist das ’Intercontinental’. Und hier – die ’Casa Poporului’.“ Ciprian Mureşan zeigte auf sein hellgraues Kunstwerk, das den Zugang zur Galerie der Hochschule für Bildende Künste (HBK) in Braunschweig blockierte. Es geht um ein großflächiges Modell der rumänischen Hauptstadt im Maßstab 1:330, auf dem sich Bukarest-Kenner sofort orientieren können. Doch nicht das ist die primäre Rolle der Bodeninstallation – vielmehr beschäftigte sich der Künstler in der Ausstellung „Obstacle Racing“ („Hindernisrennen“) mit der Frage des Zugangs zur (zeitgenössischen) Kunst: Der Besucher wurde gezwungen, das Modell zu überqueren und einen eigenen Weg zur Kunst zu finden, in diesem Fall durch die Straßen des Unirii-Stadtviertels.

War das Hindernis in der HBK-Galerie überwunden, gelangte man zu kleinen Bildern, die ganz unauffällig und diskret an der Wand im Hintergrund hingen. Man musste sehr nahe an sie herantreten und länger bei ihnen bleiben, um sie zu verstehen. Es geht um „Suicidal Series“, eine Reihe von Zeichnungen, in denen sich Mureşan mit dem Werk berühmter Künstler auseinandersetzt, die Selbstmord begangen haben. Er kopierte detailgetreu Reproduktionen nach Ernst Ludwig Kirchner, Mark Rothko, Gherasim Luca und weiteren sechs Künstlern und machte damit eine Anspielung auf die klassische Kunstausbildung, die unter anderem aus der Aufgabe besteht, möglichst „fehlerfrei“ die großen Meister zu imitieren.

Hinter diesem Projekt verbirgt sich eine mehrjährige künstlerische Beschäftigung mit dem Kopieren von Kunst. „Ich habe schon vor längerer Zeit ironisch begonnen, westliche Kunstwerke zu kopieren und umzuinterpretieren“, so Mureşan. „Es hat etwas mit der Neuerfindung Rumäniens und der rumänischen Kunst nach der Wende zu tun, als der Kunstmarkt von westlichen Künstlern bestimmt wurde. In den neunziger Jahren waren im Land fast nur jene rumänischen Maler und Bildhauer interessant, die Kontakt zum Westen hatten. Man hielt es für überlebenswichtig, ’das Versäumte nachzuholen’ – wobei ich heute nicht mehr sagen kann, welche Kunst ’besser’ war. Ich glaube, beide sind gut.“

Dass es in der Kunst längst keine Kluft mehr gibt zwischen Ost und West beweist der 37 Jahre junge Ciprian Mure{an mit seiner eigenen Karriere. Er lebt und arbeitet in Klausenburg/Cluj, und zeigt weltweit seine Zeichnungen, Skulpturen und Videos – vom Centre Pompidou in Paris und dem Neuen Berliner Kunstverein über die Kunst-Biennale in Venedig bis hin zu Galerien in Los Angeles und New York. Überall nimmt er große künstlerische Ehrlichkeit mit, viel Ironie, etwas Enttäuschung über die wirre „Modernisierung“ des postkommunistischen Osteuropa – oder einfach humorvoll-traurige Kritik an der heutigen globalen Gesellschaft. Seine erste Arbeit nach Yves Klein entstand vor rund zehn Jahren, der Durchbruch ließ nicht auf sich warten. Seither arbeitet Mureşan auch mit Fotografen, Architekten und Schauspielern zusammen, gibt das Magazin „IDEA art+society“ heraus und widmet sich jüngeren Künstlergenerationen. Nach Braunschweig kam er Anfang des vergangenen akademischen Jahres als Gastprofessor, auf Vorschlag von Aurelia Mihai, die bereits seit mehreren Jahren an der Hochschule für Bildende Künste lehrt.

Die Frage nach seinem Verhältnis zur Heimat beantwortet der wortkarge Mureşan mit einem Lächeln: „Rumänischer oder ausländischer Künstler, nationale Identität und nationale Kunst – das sind Begriffe aus der Vergangenheit. Zum Glück verlangt diese Arbeit den Blick über die eigenen Grenzen.“

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