Ein Dressler-Abend in München

Buchvorstellung und Vortrag über den einstigen Hermannstädter Kantor

Samstag, 21. Dezember 2013

Dr. Christine Stieger während der Vorstellung ihrer Dressler-Biografie

Prof. Adolf Hartmuth Gärtner, Dr. Christine Stieger, Christa Schlesak und Dr. Franz Metz (v.l.n.r.)

Den ehemaligen Hermannstädter Stadtkantor Franz Xaver Dressler in Ton, Bild und Musik zu erleben und das einige Jahrzehnte nach dessen Tod, hat in so manchen Anwesenden Erinnerungen wachgerufen. Dr. Christine Stieger, die Autorin des im Münchner Musikverlag Edition Musik Südost erschienenen Buches „Franz Xaver Dressler. Die Biographie“, war aus Wien angereist, um im großen Pfarrsaal der katholischen St. Piuskirche, München, ihr jüngstes Werk vorzustellen. Die zahlreichen interessierten Zuhörer lauschten mit größtem Interesse den Worten der Autorin, die darüber sprach, wie sie den Weg zum ehemaligen Hermannstädter Stadtorganisten Franz Xaver Dressler gefunden hat. Zugegen war auch die Tochter Dressler, Frau Christa Schlesak, die sich am Schluss der Veranstaltung sichtlich gerührt für diese Würdigung ihres Vaters bedankt hat.

Im Sinne Dresslers begann die Veranstaltung mit dem Presto der A-Dur-Violinsonate von Johann Sebastian Bach – jenem Komponisten, dem er sein ganzes Leben gewidmet hat: Fast jedes seiner Konzertprogramme enthielt Werke des Leipziger Thomaskantors und er war der Gründer des Hermannstädter Bachchores, eine musikalische Institution, die es ohne Unterbrechung bis heute gibt. Dr. Christine Stieger beschrieb den Werdegang Dresslers, der in Aussig (Böhmen) zur Welt gekommen ist, in Leipzig bei keinem anderen als Prof. Karl Straube studiert hat und ab 1922 in Hermannstadt an der großen Sauerorgel gewirkt hat. Seine beiden Chöre – der Brukenthalchor und der Bachchor werden zu seinem Markenzeichen und leiteten in Siebenbürgen die Bach-Renaissance ein. Unzählige Schüler gingen durch seine Hände und so manche mussten diese sogar leibhaftig spüren. Er war Organist, Dirigent, Lehrer, Komponist und Forscher in einer Person. Wie kein zweiter siebenbürgischer Kirchenmusiker hat er seine Spuren durch seine zahlreichen Schüler hinterlassen und so die Kirchenmusikszene Siebenbürgens für die Zukunft geprägt.

Das letzte Konzert mit seinem Bach-chor gab er 1978 mit Mozarts Requiem. Es war ein bedeutendes Ereignis, das jedem damaligen Zuhörer unvergesslich in Erinnerung bleibt. Trotz seines Alters – oder vielleicht gerade deswegen – beherrschte er sowohl seinen Chor wie auch das Philharmonische Orchester und die langen Ovationen am Schluss des Konzertes waren im damaligen überfüllten Hermannstädter Konzertsaal eine Hommage an den ergrauten Meister.
Viele seiner Zeitgenossen und Begleiter würden zustimmen, dass er es nicht immer leicht hatte und dass man es auch mit ihm nicht immer leicht hatte. Sein Temperament hat so manches Mal durchgedreht (er war ein begnadeter Künstler) und seine musikalischen Forderungen gegenüber den Musikern und Chorsängern waren oft nervend. Doch er war ein Meister alten Schlags und da gab es keinerlei Widersprüche.

Und wenn er am Schluss seines Orgelkonzertes im Bukarester Athenäum zum Publikum gerufen hat „Bitte un Thema“ – sein Rumänisch war sehr kantig – dann hatte er bereits den vollbesetzten Konzertsaal gewonnen. Er galt als ein genialer Improvisationskünstler an der Orgel und darin blieb er bis ins hohe Alter ein Meister. Seine Musikalität überdeckte selbst so manche Unebenheiten auf seiner bekannten Einspielung aus dem Jahre 1969 mit Werken von Reger, Franck und Brahms.

Viele Details, die Dr. Stieger über Dressler in ihrem Vortrag geschildert hat, sind in ihrem Buch nicht vorhanden. Es sind eigentlich pikante Nebensächlichkeiten und lustige Geschichte, die sie von Dressler-Schülern oder von seiner Familie erfahren konnte. Erst dadurch wird eigentlich die Musikgeschichte lebendig und glaubhaft. So wichtig auch die Quellen- und Archivforschungen sind, bleiben doch die persönlichen Schilderungen und Berichte wegweisend für die Annäherung an das Forschungsobjekt.

Der Vortrag von Dr. Christine Stieger gewann an Bedeutung auch durch die Anwesenheit von Pfarrer Prof. Dr. Stefan Cosoroab² aus Hermannstadt, Pfarrer Michael Gross von der Christuskirche, München, und Pfarrer Mathias Stieger aus Reutte. Aber noch rührender war die Anwesenheit von Prof. Adolf Hartmuth Gärtner, dem Verfasser der Biografie des Kronstädter Kantors Viktor Bickerich (1895-1964). Wenn sich die beiden Giganten der siebenbürgischen Kirchenmusik – Dressler und Bickerich – zeitlebens auch nicht oft trafen, so konnten wenigsten ihre Biografen zueinander finden. Und dies, trotz des hohen Altersunterschieds. Christa Schlesak hat zum Schluss zurecht bemerkt, dass durch dieses Dressler-Buch nun eine große Lücke in der siebenbürgischen Musikwissenschaft geschlossen wurde und dass die Dressler-Biografie nach dem Erscheinen der Bickerich-Biografie schon längst fällig war.

Der Höhepunkt des Abends aber war ein Film mit jenem Interview, das Franz Xaver Dressler dem Rumänischen Fernsehen um 1972 gegeben hat. Darin sieht man den Meister in seinem Element: als Dirigent, als Organist, als Lehrer und als Musikforscher. Durch dieses mehr als vierzigjährige Bild- und Tondokument wirkt der Geist Dresslers fast wie lebendig. Abgeschlossen wurde der Dressler-Abend mit zwei Liedern des Komponisten in Bearbeitung für Violine und Klavier, „Dass du mit Leib und Seele“ und „Jasminstrauch“, interpretiert von Andreas Kaufmann (Violine) und der Buchautorin Dr. Christine Stieger. Gefördert wurde diese Veranstaltung durch die Gesellschaft für deutsche Musikkultur im südöstlichen Europa e.V., München.

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