Ein Europa in Miniatur

Das Banat bewahrte über Jahrzehnte seinen multikulturellen Flair

Mittwoch, 09. Januar 2013

Man sagt es gern in Westrumänien: „Temeswar ist die Hauptstadt des Banats”.

Das Fest des Heiligen Gerhardus in Tschanad bringt jedes Jahr Ungarn, Deutsche und Rumänen zusammen.

Beim Festival der Herzen im Temeswarer Rosenpark präsentieren die Banater Ethnien ihre eigenen Volkstrachten und –tänze. Fotos: Zoltán Pázmány

Mit Stolz besingt der Lugoscher Hip-Hoper Crowly das Banat, seine Heimatregion in Westrumänien. „Debandada din Banat” heißt das Lied, das auf youtube gefunden werden kann und in dem es ums Banat geht. Dem nach Deutschland ausgewanderten jungen Mann fällt es leichter, seine Gedanken und Gefühle mit Hilfe der Musik zu beschreiben. Würde man ihn fragen, ob er denn Rumäne, Ungar oder Deutscher sei, würde er wahrscheinlich antworten: „Ich bin Banater”. Dieselbe Antwort würden viele Menschen geben, die aus der Region stammen. Ohne Zweifel ist das Banat ein Europa in Miniatur, das von einem friedlichen Zusammenleben unterschiedlicher Ethnien geprägt war und weiterhin ist.

Dass man auf den Straßen von Temeswar/Timişoara, der größten Stadt im rumänischen Banat, viele Sprachen hören kann, ist etwas Selbstverständliches. Heute gibt es – historisch betrachtet - ein rumänisches, ungarisches und serbisches Banat, die einst eine einzige Banater Republik bildeten. Im Jahr 1918 galt diese als Versuch, nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns das multiethnische Banat vor der Teilung zwischen Ungarn, Serbien und Rumänien zu bewahren. Doch die Banater Republik hatte kein langes Leben, denn durch den Vertrag von Trianon aus dem Jahr 1920 wurde die Teilung der Region beschlossen. Fast 19.000 Quadratkilometer gingen an Rumänien, 9.300 an das damalige Königreich Jugoslawien und 271 Quadratkilometer verblieben bei Ungarn. Die Region bewahrte allerdings ihren multikulturellen Flair, und das über Jahrzehnte hinweg.

Sprachenvielfalt und Mehrsprachigkeit

Ungarn, Serben, Deutsche, Ukrainer, Slowaken, Juden, Bulgaren, Roma, Kroaten, Rumänen: Die Aufzählung könnte man um einige Ethnien ergänzen, denn das Banat nahm im Laufe der Jahre mit Toleranz und offenen Armen alle auf, die hier neu beginnen wollten. Ein Vertreter der kroatischen Minderheit ist der Wirtschaftsdirektor beim römisch-katholischen Bistum in Temeswar, Nikola Lauš. Der Geistliche ist in der Ortschaft Lupac geboren und spricht vier Banater Sprachen: Kroatisch, seine Muttersprache, Ungarisch, Rumänisch und Deutsch, das er während eines Praktikums in Deutschland lernte. „Nicht nur diejenigen, die hier das Tageslicht erblickten, lieben das Banat, sondern auch viele, die später hierher kamen und hier eine Heimat fanden“, sagt Nikola Lauš. „Das Banat ist eine Region, wo ich meinen christkatholischen Glauben frei leben und diesem eine freie Ausdrucksform geben kann“, fügt er hinzu.

Jemanden zu finden, der vier Sprachen des Banats spricht, ist heutzutage nicht mehr so einfach wie früher. Wenn es am Dorf üblich war, die Sprache seiner Nachbarn zu erlernen, so sollte es in den Städten mindestens theoretisch anders sein. Es war aber genau so, allerdings erlernten die Rumänen, die in den Städten lebten, aus völlig anderen Gründen die Sprachen ihrer Nachbarn. Im Kommunismus gab es im Fernsehen so gut wie nichts außer kommunistischer Propaganda. Die Banater wurden schnell erfinderisch und montierten improvisierte Antennen auf den Plattenbauten, um serbische und ungarische Programme zu empfangen. Die örtliche Nähe zu Ungarn und Serbien machte es möglich, dass die Rumänen aus dem Banat auch mal einen guten Film sehen konnten. „Es ist ziemlich schwer, genau zu sagen, was es heißt, Banater zu sein. Weil es viele gibt, die behaupten, dass sie Banater seien, obwohl sie nicht von hier stammen. Die Herkunft der Leute ist unterschiedlich, und es kommt oft vor, dass sich die Menschen nach nur einigen Jahren zum Banat bekennen und sich als Banater ausgeben. Dafür gibt es viele Gründe. Einerseits ist es auch irgendwie modern, Banater zu sein”, sagt TV-Journalist Àrpád Lászlo. Bódo Barna, ein geschätzter Soziologe in Temeswar, befasste sich mit diesem Thema. Er studierte die Banater Identität und setzte sich mit der Frage auseinander, warum sich so viele Leute sofort zum Banatertum bekennen. „Ich persönlich stamme aus Temeswar und meine besten Freunde aus der Kindheit sind ein Rumäne und ein Deutscher. Das bedeutet, meiner Meinung nach, Banater zu sein. Es gibt hier einen hohen Grad an Toleranz, den die Szekler oder die Rumänen aus dem Süden des Landes nicht verstehen können, weil sie nicht mit Nachbarn anderer Ethnien zusammengelebt haben. Sie wissen nicht, warum man andere nicht hassen darf, nur weil sie anders sind als du”, erklärt Àrpád Lászlo.

Toleranz und Nächstenliebe

Das tolerante Banat ist es, das heute Menschen von überall her aufgenommen hat und weiterhin aufnimmt. „Was will der Südrumäne werden, wenn er erwachsen wird”, fragt man sich so zum Scherz in der Hauptstadt des Banats. „Temeswarer”, heißt die richtige Antwort, und man lacht darüber und stoßt mit seinem Arbeitkollegen, der vielleicht gerade aus Südrumänien stammt, auf eine gute Zusammenarbeit an.

Viele Banater prägt der Stolz der Region, die heute schon lange nicht mehr das ist, was sie einmal war. „Es ist schwer zu sagen, was das Banat für mich bedeutet, weil meine Gefühle gemischt sind. Einige widerspiegeln das himmlische Banat, andere – die meisten – das wirkliche Banat. Wenn ich „himmlisches Banat“ sage, dann beziehe ich mich natürlich auf das Banat meiner Kindheit und Jugend. Damals sprach man auf den Gassen meiner Heimatortschaft Tschanad in den Banater Sprachen. Die älteren Leute begrüßte man mit ´dobar dan´, ´Guten Tag´, ´jó estét´ und natürlich ´bun² ziua´, je nachdem, welcher Ethnie jeder angehörte. Wenn du in der Straßenbahn Serbisch, Ungarisch oder Deutsch sprachst, drehte sich niemand verwundert um“, sagt der Schriftsteller Dusan Baiski, der die Online-Enzyklopädie des Banats banaterra.eu betreibt. Baiski, der seine Kindheit in Tschanad/Cenad verbracht hat, nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, den Banater Geist zu definieren: „Das himmlische Banat, das Banat meiner Erinnerungen und Träume, verblasst jedoch vor dem wirklichen Banat. Ein Banat, das von Ignoranz, Misere, Politik, Lüge, Unkultur und Mangel an Zivilisation geprägt ist. Praktisch ist es eine Region wie alle anderen in Rumänien und egal, wohin ich gehen würde, ich würde mich wie im Banat fühlen. Das Banat ist eine Region, die ihre Identität, ihren Glanz und ihre Banater verloren hat. Weil es die Menschen sind, die den Geist einer Region bestimmen“.

Zwar ist Dusan Baiski eher verbittert, wenn er über sein Banat spricht, dennoch möchte er, dass die Jugend das Banat von damals kennenlernt. Vielleicht steckt dahinter auch der Wunsch, dass die jungen Leute aus der Vergangenheit lernen und den Banater Geist der Toleranz adoptieren. Genau so, wie es das Banat vielleicht mit ihren Großeltern und Eltern getan hat. 

Kommentare zu diesem Artikel

banater klausi, 09.01 2013, 18:58
leider muss ich herrn baiski recht geben - die multikulturalität die unser stolz war verblasst immer mehr. deutsch hört man kaum, serbisch ab und zu, ungarisch auch ziemlich selten. die letzten 20 jahre haben diese region sehr stark geändert. es ist leider eine andere welt geworden. das BANAT aus meiner kindheit bleibt aber weiterhin auch in meine erinnerungen ... zdravo + szia + tschüß + ciao an alle banater

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