Ein Fenster zur Vergangenheit – ohne ideologische Belastung

Das Nationale Geschichtsmuseum feierte 45-jähriges Jubiläum

Freitag, 19. Mai 2017

Eröffnung der Jubiläumswoche vom 8.-12. Mai im Nationalen Geschichtsmuseum: (v. li.) Dr. Călin Stegerean (Leiter des Nationalen Kunstmuseums), Dr. Ernest Oberländer-Târnoveanu (Direktor MNIR), Liviu Sebastian Jicman (Generaldirektor Nationales Museum Cotroceni), Oberst Dr. Petru Valentin Glod (Direktor Nationales Militärmuseum „König Ferdinand I.“), Dr. Adrian Majuru (Leiter Stadtmuseum Bukarest).
Foto: George Dumitriu

„Ein Fenster zur Vergangenheit“ solle es sein, sagt Museumsdirektor Ernest Oberländer-Târnoveanu. „Unsere Visitenkarte, unser Blick in den Spiegel“, formuliert es Akademiemitglied Dan Berindei. Lucian Romaşcanu, Vorsitzender der Kulturkommission des Senats, verspricht: Das Parlament werde alles tun, um aus dem „Ort der nationalen Erinnerung“ einen „Ort des Stolzes“ zu machen und „unserer Vergangenheit eine Zukunft zu sichern“. Präsidialberater Sergiu Nistor übermittelt „Anerkennung, Glückwünsche und Ermutigung“ von Staatspräsident Klaus Johannis. Es ist die Rede vom Nationalen Geschichtsmuseum (MNIR) in Bukarest, zum Anlass seines 45-jährigen Jubiläums.

Schmerzvoller Rückblick – hoffnungsfroher Ausblick

Ein Museum hat Geburtstag. Geburtstage sind Grund zum Feiern, zur Freude, aber auch zur kritischen Reflexion. Zum Wieder-Aufleben-Lassen bedeutender Ereignisse, zur Selbstdarstellung, aber auch zum Hinterfragen, was hätte anders – vielleicht besser – laufen können? Wo gibt es Korrekturbedarf? An Geburtstagen zeigt man sich von der besten Seite, lässt Erfolge Revue passieren, blickt hoffnungsfroh in die Zukunft. Das MNIR ließ sich in diesem Sinne gleich eine ganze Woche – vom 8. bis zum 12. Mai – mit Veranstaltungen, Ausstellungen und Filmvorführungen feiern.

Die Gründung des Museums – beschlossen am 3. März 1968, eröffnet am 8. Mai 1972 im Gebäude des im 19. Jahrhundert errichteten Postpalastes – wurde als „epochales Ereignis der rumänischen Geschichte“ betrachtet, erinnert Oberländer-Târnoveanu. Im Untergeschoss hatte man die historische Schatzkammer eingerichtet, im Innenhof wurde eine Struktur konzipiert, die bis heute das Lapidarium und die Nachbildung der Trajanssäule über die Eroberung Dakiens in Originalgröße – 1939 in Rom begonnen und 1967 erstmals im Geschichtsmuseum der Kommunistischen Partei ausgestellt – beherbergt.

Verdunkelt wurde das „epochale Ereignis“ durch den Eisernen Vorhang, der damals Rumänien noch verhängte, fügt der Museumsdirektor an. Es sei nicht immer möglich gewesen, die Ideologie von der Geschichte fernzuhalten: 1977 etwa wurde im Rahmen einer Reorganisation nach dem Erdbeben die Ausstellung „Beweise der Liebe, der hohen Achtung und tiefgehenden Wertschätzung, der sich Genosse Nicolae Ceau{escu und Genossin Elena Ceau{escu erfreuen, der reichen freundschaftlichen Beziehungen und der Zusammenarbeit zwischen dem rumänischen Volk und den Völkern anderer Länder“ in den Vordergrund gerückt. Erst 1989 konnte sich das MNIR vom ideologischen Albtraum befreien, dem es mehr als alle anderen Museen Rumäniens ausgesetzt war. Doch „Geschichte muss Wissenschaft sein“, fordert Oberländer-Târnoveanu. Ein realistisches Fenster zur Vergangenheit.

Waren es in den 70er Jahren ca. 50.000 Objekte, kann sich das Museum heute mit über 500.000 Exponaten rühmen. Meilensteine seit der Wende waren große nationale und internationale Ausstellungen in den letzten Jahren (z. B. in China), aber auch die umfassende virtuelle Präsenz (siehe Kasten), die den unzureichenden Platz kompensieren soll. Die größte Herausforderung steht jedoch noch bevor: eine komplette Renovierung der Museumsräume und Umgestaltung der Ausstellungen.

Highlights: Erlesene Exponate und zweimal Sarmizegetusa

Ein Museum transformiert Zeit in Raum. Der Raum, in den die rumänische Geschichte im Zeitraffer passen muss – um das MNIR am besten zu charakterisieren – liegt im rechten vorderen Seitenflügel des Gebäudes. Auf Info-Paneelen wird dort in der Ausstellung „MNIR 45“ die Geschichte des Museums aufgerollt, davor beeindrucken ausgewählte Exponate von außerordentlichem Wert: der „Denker“ (Gânditorul) und die „sitzende Frau“ aus der Hamangia Kultur bei Cernavodă, die erste rumänische Bibel von Şerban Cantacuzino (1688), der phantastische Votiv-Wagen von Bujoru (Teleorman) aus der ersten Periode der Eisenzeit (800-700 v. Chr.), zwei kostbar verzierte, dakische Parade-Schilde, eine aparte anthropomorphe Figur der Gârla Mare-Kultur aus der Bronzezeit (1700-1300 v. Chr.), der geografische und statistische Atlas von Dimitrie Papazoglu und andere, seit langer Zeit nicht mehr ausgestellte, erlesene Kostbarkeiten.

Neben Dokumentarfilmen über die Geschichte und Aktivitäten des Museums wurde am 10. Mai der Film „The Hunt for Transylvanian Gold“ (Kogainon Films Boston) gezeigt, der sich mit dem Diebstahl von 13 fast 2000 Jahre alten dakischen Goldarmreifen befasst, sowie mit der 10-jährigen Ermittlungsarbeit bis zu deren Rückführung.
Generalstaatsanwalt Dr. Augustin Lazăr erinnerte zu diesem Anlass an ein dringend zu lösendes Problem: die Tatsache, dass nicht Historiker und Archäologen, sondern Hunderte Amateure und Schatzjäger mit Metalldetektoren nach wertvollen Antiquitäten suchen, die später weltweit in Sammlerkreisen zirkulieren und auf Auktionen zum Verkauf angeboten werden. Lazăr appelliert an die dringende Notwendigkeit der „Schaffung eines Bewusstseins und einer Sensibilisierung zum Schutz von nationalem Kulturerbe.“ Juristische Instrumente seien vorhanden, doch kritisiert er das Fehlen einer effizienten Prävention durch konsequente Inventarisierung archäologischer Stätten, Management-Ressourcen für deren Bewachung sowie Versicherungen.

Ein weiteres Highlight im Programm der Festwoche war die Eröffnung der Ausstellung „Sarmizegetusa – ein dakisch-römischer Anfang“. Im Vordergrund steht diesmal nicht die alte Hauptstadt, Sarmizegetusa Regia, heute UNESCO Weltkulturerbe, sondern die neue, symbolisch nach dieser benannte, in der jüngsten römischen Provinz: Ulpia Traiana Sarmizegetusa. Gemeinsam mit dem Nationalen Museum für Siebenbürgische Geschichte (Klausenburg/Cluj-Napoca) und dem Museum für dakische Zivilisation (Deva) werden wissenschaftliche Ergebnisse aus archäologischen Grabungen vor Ort vorgestellt. Im Vordergrund stehen die Projektierung der ersten römischen Stadt Dakiens, die Rolle öffentlicher Denkmäler und ihre Platzierung, die Beleuchtung und das Wasserversorgungsnetz. 140 Exponate erwarten den Besucher, die Ausstellung ist noch bis zum 30. September zu sehen.


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Virtuelles Museum

imagoromaniae.ro: Sammlung historischer Fotos und Dokumente aus dem Fundus des MNIR
marelerazboi.ro: zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs
capodopere2019.ro: Präsentation von Exponaten aus dem MNIR im Hinblick auf eine geplante virtuelle Ausstellung zur Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft durch Rumänien 2019
muzeulvirtual.ro: Virtuelle Touren und Ausstellungen
comunismulinromania.ro: Projekt mit Bildern, Artikeln und Studien über die kommunistische Zeit
galeriaportretelor.ro: Porträts historischer Persönlichkeiten plus Biografien
mnir.ro: offizielle Webseite mit Veranstaltungshinweisen

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