Ein Fest der Einigkeit in Verschiedenheit

ProEtnica in Schäßburg: im Dialog mit den Minderheiten – diesmal mit internationaler Komponente

Montag, 28. August 2017

Grandioses Konzert des Zuralia-Orchesters auf dem Burgplatz

Ungarische Tanzgruppe

Ricky Dandel rockt zum wiederholten Male für ProEtnica.

Grande Dame des jüdischen Theaters: Maia Morgenstern

Passionierte Tänzer, stolze Trachtenträger: Griechin (v. li.), Mazedonier, Türkin
Fotos: George Dumitriu

Allerliebst sehen sie aus in ihren seidigen, violetten Pluderhosen, den bunten Boleros, den mit Münzen besetzten Stirnbändern, darunter nachtschwarze Augen. Sie klettern von der Bühne, mischen sich unter das wogende Volk, wie immer, nach der Aufführung auf der Bühne. Reigen, Paare, hüpfende Kinder tanzen über den Platz. Prächtige Trachten oder zerschlissene Jeans, Rucksäcke, Hüte, flatternde Zöpfe. Die Musik endet und der Mann in der mittelalterlichen Kleidung ruft: „Wen kürt ihr zum besten Tänzer?” Die Wahl der türkischen Folkloregruppe fällt auf eine Frau – ausgerechnet eine Sächsin! „Wir danken den Sachsen für diese wunderschöne Festung” ruft Stadttrommler Dorin Stanciu schlagfertig ins Mikrofon, und die Nachkommen jener, die einst die Burgbewohner in Angst und Schrecken versetzt hatten, überreichen der Gewinnerin eine bunte ProEtnica-Tasse.

Zum 15. Mal jährte sich vom 17.-20. August das Festival, das die historische Festung von Schäßburg/Sighişoara in eine Hochburg der kulturellen Diversität und des friedlichen Zusammenlebens verwandelt. Vier Tage interkultureller Dialog - Tanz und Musik, Trachtenparaden, Theater, Ausstellungen, Kunsthandwerk, Diskussionen und Vorträge -, in denen die 20 nationalen Minderheiten im Mittelpunkt stehen. Etwa 15.000 Menschen sollen Schäßburg während ProEtnica besucht haben, gut 700 Vertreter der Minderheiten und etwa 60 Vereine und Institutionen waren aktiv daran beteiligt.
Neu in diesem Jahr war die internationale Komponente des wissenschaftlichen Konferenzteils, sowie die interkulturelle Sommerakademie, die sich an am Thema Minderheiten interessierte junge Leute aus ganz Europa richtet. „Wir haben versucht, das Festival zu internationalisieren, durch Teilnahme des deutschen Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa Stuttgart), der Föderalistischen Union Europäischer Nationalitäten (FUEN) und einem Vertreter der sorbischen Minderheit aus dem Land Brandenburg“, erklärt ProEtnica-Initiator Volker Reiter, Leiter des Interethnischen Bildungszentrums für Jugendliche (IBZ) und des Burghostels in Schäßburg. Rumänien blickt auf eine lange Tradition des friedlichen Zusammenlebens zurück und seine aktuelle Minderheitenpolitik kann sich als Beispiel für andere Länder sehen lassen, findet Reiter außerdem. Die Absicht, die hinter ProEtnica steckt, ist nicht nur interkultureller Austausch, sondern ein Beitrag zur Friedensförderung, erklärt er.

Open Air Konzerte und Theater

Kulturelle Höhepunkte boten wie immer die täglichen Open Air Konzerte am späten Abend, die den Burgplatz in einen tosenden Festplatz verwandelten. Die Roma-Minderheit, vertreten durch das Nationale Roma-Kulturzentrum Romano Kher, brachte an gleich zwei Abenden mit der Nadara Transylvanian Gypsy Band und dem Zuralia- Orchester das Publikum zum Kochen; außerdem wurde das Theaterstück „Wenn du mich nicht siehst, kennst du mich nicht“ von Marcel Costea aufgeführt. Die Förderation der jüdischen Gemeinschaften brillierte zum wiederholten Male mit der schmissigen Bukarester Klezmer-Band. Im Anschluss daran bot das Jüdische Staatstheater das Stück „Von Caragiale zu Shalom Alehem“ mit Maia Morgenstern in der Hauptrolle dar. Den Ausklang lieferten die ungarische Gruppe Vecker, sowie der immer wieder mitreißende Ricky Dandel, der keine Bühne brauchte, sondern mitten durchs Publikum  über die Bierbänke rockte.

Vielseitige Konferenzbeiträge

Das diesmal besonders vielfältige wissenschaftliche Programm leitete eine Podiumsdiskussion zum Thema „Friedensförderung durch den Schutz Nationaler Minderheiten in Europa?“ ein, mit Irina Cajal Marin (Staatssekretärin im rumänischen Kulturministerium), Monica Kovats (ifa), Meto Novak (Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Brandenburg, und Mitglied der Minderheit der Sorben), Mizsei Kálmán (UN Unter-Generalsekretär und früherer Vizepräsident des Roma-Programms), Carol König (Kulturministerium), Volker Reiter und Maria Koreck (NGO Divers), Leiterin der Sommerakademie. Ein interkonfessioneller Dialog, moderiert von Aurel Vainer, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinschaften in Rumänien, mit Vertretern des jüdischen, katholischen und orthodoxen christlichen Glaubens zum Thema historische Propheten und Säkularisierung der Moral, soll auf eine lebhafte freundschaftliche Kultur des Dialogs zwischen den Religionen hinweisen, die sich auch in wechselseitigen Ausstellungen in Synagogen, Kirchen und dem Patriarchiepalast zeigt. „Gegenseitiges Kennen ist wichtig für eine gegenseitige Anerkennung“, so Vainer, der zum diskutierten Thema eine schriftliche Veröffentlichung ankündigt, ergänzt um die Stellungnahme des islamischen Muftiats.
Über Richtungsweisung der europäischen Standards für Minderheiten und die „Minority Safepack“-Initiative  zum besseren Schutz sprachlicher und nationaler Minderheiten referierte Vincze Lorant, Präsident der FUEN (gesonderter Bericht folgt).

Monica Kovats stellte ausführlich die Zuständigkeiten und Maßnahmen des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) zur Unterstützung der deutschen Minderheit mittels Entsendung von Kulturmanagern (derzeit 4 in Rumänien), Impulsprojekten und Förderung für nachhaltige Projekte vor. Ziel der nach dem Ersten Weltkrieg gegründeten Regierungsorganisation ist die Unterstützung interkultureller Kontakte zur Verhinderung weiterer Kriege.
Über die vier Minderheiten in Deutschland – Sorben, Dänen, Friesen, Sinti und Roma, ihre sozialen, sprachlichen Hintergründe und Rechte referierte der Brandenburger Sorbe Meto Novak. Interessant ist, dass die Gründung des Deutschen Reichs 1871 als Deadline für die Zugehörigkeit zu einer Minderheit gilt. Dies betrifft vor allem Sinti und Roma,  von denen ein Teil zwar seit Generationen in Deutschland lebt, jedoch erst nach 1871 eingewandert ist. Auch die übrigen Kriterien zur Definition einer Minderheit – deutsche Staatsbürgerschaft; eigene Sprache, Geschichte und Kultur; der Wunsch zur Pflege ihrer Identität; Vorhandensein traditioneller Siedlungsgebiete - unterscheiden sich teilweise von anderen Ländern. Letzterer Punkt ist ebenfalls für die Roma und Sinti problematisch. Religion ist übrigens kein Kriterium, insofern gilt die jüdische Gemeinschaft dort nicht als ethnische Minderheit. Auch die Anzahl der Zugehörigen spielt keine Rolle, Statistiken zu Minderheiten werden aus historischen Gründen abgelehnt.

Im Dialog mit den Roma

Ein großer Teil der Veranstaltungen drehte sich um die Problematik der Akzeptanz und Integration der Roma. Miszei Kálmán trug gleich zweimal zu den Themen „Was wissen wir über die Roma?“ und „Unterschiedliche Umgangsweisen mit den Roma in Europa“ vor. Petrică Badea von Romano Kher zeigte den kulturellen Beitrag der Roma in der rumänischen Gesellschaft auf: Es fielen bekannte Namen wie der des Geigers Ion Voicu, des Soziologen Nicolae Gheorghe, aber auch von Anton Pann, Komponist der rumänischen Nationalhymne, den viele nicht als der Roma-Minderheit zugehörig kennen.  Über die mitunter kontroversen, jedoch fruchtbaren Diskussionen mit den Experten und den Vertretern der Roma-Minderheit wird noch gesondert berichtet. Im Wesentlichen ging es um die Frage, weshalb sich ein sehr großer Teil der Roma nicht zu ihrer Minderheit bekennt – laut Volkszählung gibt es etwa 600.000, so Badea, der die tatsächliche Zahl auf zwei Millionen schätzt. Hinterfragt wird die Effizienz von Roma-Programmen, weil staatliche Maßnahmen wegen der Komplexität der Probleme – Zugang zu Arbeitsmarkt und Bildung, Lebensbedingungen in Ghettos - und getrennter behördlicher Zuständigkeiten oft beim Bedarfsträger gar nicht ankommen. Ein Faktor ist auch Korruption in Behörden, wie Kálmán anhand der Ukraine aufzeigt, weil dort „die Regierung nur handelt, wo die Mitglieder in ihre eigene Tasche wirtschaften können“. Aber auch  die Überforderung der rumänischen Regierung – Mangel an Mitteln, Expertise, Personal - „nur die EU kann diese Probleme lösen“, meint Reiter  - wird aufgezeigt. Der einzige Weg, auf lange Sicht Frieden in Europa zu erhalten, sei die Integration der Roma, warnt Kálmán eindringlich.

„Sighişoaraaa! Auch Städte haben Seelen...” schmettert Ricky Dandel vor seinem Konzert über den brodelnden Burgplatz. Wildfremde Menschen fassen sich an den Händen, tanzen, wiegen sich im Rhythmus. Vier Tage herrscht Ausnahmezustand in der „Festburg der Verschiedenheit“. Vier Tage lang erleben wir, was wir uns für die Zukunft wünschen - was uns die Zukunft bringen wird, wenn wir die Seele von ProEtnica absorbieren, mit nach Hause nehmen, in unseren Alltag integrieren: Einigkeit in Diversität. Frieden. Europa.

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