Ein Fest für die Augen an der Ostseeküste

Eine kleine Flucht nach Travemünde im Norden Deutschlands

Samstag, 29. August 2015

Ein Augenschmaus an der Ostseeküste: Hunderte von Strandkörben. Foto: die Verfasserin

Manche Sommer musste ich als Kind im Haus der Großmutter väterlicherseits verbringen. So eine Qual! Ich telefonierte lange mit meinem Cousin und, weil die Zeit noch nicht totgeschlagen wurde, pflegte ich die Gewohnheit, das ganze Haus gründlich zu erkunden: Alte Sachen faszinierten mich. Ich inspizierte jede Schublade. Gefunden wurden kaputte Spielzeuge von alten Verwandten, Fotos mit Familienmitgliedern, die seit Langem tot waren - allerlei Erinnerungsstücke aus Zeiten, die ich nicht erlebt hatte. Das machte immer Spaß, weil ich die Fähigkeit besaß, mir Geschichten über sie auszudenken. Eine große Gelegenheit mit offenen Augen zu träumen bot sich, als ich einmal einen Quelle-Katalog aus den 80er Jahren gefunden habe. Dort sah ich meinen ersten Strandkorb...

Etwa 20 Jahre später ergab sich zum ersten Mal die Möglichkeit, die Ostseeküste zu sehen. Wir waren eine kleine Touristengruppe in der charmanten Stadt Lübeck. Wer aber hat die Geduld, diese zu besichtigen, wenn das Meer nur 20 Minuten entfernt ist? Ich überrede schnell einen Bekannten, dass es unter den gegebenen Bedingungen nur sinnvoll ist, ein wenig Ostseeluft zu schnuppern. Wir trennen uns von den anderen und in Minutenschnelle sind wir schon im Zug.
Die Endstation der Bahnlinie ist Travemünde. Wir haben ein paar Stunden zur Verfügung, bevor wir zurückgehen müssen und die anderen in Lübeck treffen. Also benutzen wir als Orientierungspunkt das Gebäude des Bahnhofs mit dem großen Turm. Der Zug fährt ein Mal pro Stunde hin und Travemünde scheint sowieso nicht allzu groß zu sein. Noch berauscht von unserem Wagemut, betrachten wir voller Bewunderung die niedlichen Gassen mit den zahlreichen Cafés. Neben dem Bahnhof liegt das Gebäude eines ehemaligen Kasinos aus dem 19. Jahrhundert, das heute als Hotel benutzt wird. Wir finden allerlei Möglichkeiten für Ostseefahrten oder Kreuzfahrten, Ausflüge Richtung Schweden, Finnland, Dänemark, Norwegen oder Estland, aber erklären uns für zufrieden mit einem nachmittäglichen Spaziergang entlang des Strandes. Die Bedingungen sind ideal - die Sonne steckt gerade hinter den Wolken, die Luft riecht nach Salz und das Wetter ist windig. In einem Wort sind wir: glücklich.

Ein Anspruch auf Privatsphäre in der Öffentlichkeit

Als wir den Strand erreichen, bleibe ich stehen und versuche mit dem Blick, die ganze Landschaft zu umfassen und zu verinnerlichen. Ein latenter Wunsch, dessen ich mir seit Jahrzehnten nicht mehr bewusst war, wird gerade erfüllt: Nicht einen wie im Quelle-Katalog vorgestellten Strandkorb sehe ich zum ersten Mal, sondern eine ganze Kolonie voller bunter Streifen und Korbgeflecht. Der feinsandige Strand ist 1,7 Kilometer lang, geziert ist er von 1700 Strandkörben.
Ein Anspruch auf Privatsphäre in der Öffentlichkeit: An den Stränden der Nord- und Ostsee stehen heute insgesamt mehr als 70.000 Körbe – man kann ruhig behaupten, dass der Strandkorb zu einem „Kultobjekt deutscher Gemütlichkeit“ geworden ist. Das Möbelstück gehört zur Tradition, die cool ist. Vor mehr als 125 Jahren, als es noch keine Strandkörbe gab, hatte eine Dame den Rostocker Korbmacher Wilhelm Bartelmann um eine schützende Sitzgelegenheit für den Strand gebeten, da sie an Rheuma litt. Ihr Arzt hatte ihr von einem Urlaub am Meer abgeraten, doch sie wollte darauf nicht verzichten.

Der Strandkorb ist also eine echt deutsche Erfindung, die im Laufe der Zeit Teil der Badekultur in Deutschland geworden ist. Der in Lübeck geborene Thomas Mann verbrachte drei Sommer zwischen 1930 und 1932 an der Ostseeküste. Sein Strandkorb, den er sich aus Lübeck kommen ließ, war sein Arbeitsplatz: Am kleinen Strandkorbtisch schrieb er Werke, erhob ab und zu seinen Blick von den Papieren, schaute aufs Meer oder auf die Passanten, fühlte sich kurz Teil des Geschehens und dann vertiefte er sich wieder  in seine Arbeit. Der Schriftsteller erwähnt in seinem Gesellschaftsroman „Buddenbrooks: Verfall einer Familie“ (1901) Travemünde als Ort der Freiheit, Glück und Liebe. Das sommerliche Leben in diesem Ostseeheilbad wurde auch von Malern wie Edvard Munch, Gotthardt Kuehl, Ulrich Hübner und Erich Dummer dargestellt. Einen Überblick über Travemünde Anfang des 20. Jahrhunderts bietet eine Aufnahme des Bundesarchivs unter der Internetseite http://www.filmportal.de/video/im-flugzeug-ueber-travemuende sehen.

Die Geschichte von Travemünde

Die Promenade, wo wir jetzt schlendern, wurde vor einem Jahrhundert errichtet. Der Sand fällt durch Sauberkeit auf und fühlt sich weich an. Nachdem wir unsere Füße im Wasser  haben baumeln lassen, kitzeln verschiedene Essensgerüche die Nase. Seeluft macht hungrig. Ganz nah ist Huxmanns Pavillon am Ende der Kaiserallee, als es anfängt zu regnen. Auf der Terrasse des Imbisslokals genießen wir den herrlichen Blick auf die Ostsee mit ihren bildschönen Schaumkronen. Ein paar Fischfrikadellen später schlendern wir wieder durch die Stadt und bewundern die eleganten architektonischen Meisterwerke, die dem Meer gegenüberliegen. Man kann den Glanz früherer Zeiten erahnen. Auf dem See gleiten Jachten, Segelboote, Kreuzfahrtschiffe.

Travemünde ist ein klassischer Kurort, ein Seebad, das international bekannt ist. Unter anderem ist es auch der größte Fährschiffhafen Europas. Das Ostseeheilbad gehört als Stadtteil zur Hansestadt Lübeck und wird „Lübecks schönste Tochter“ genannt. Das idyllische Kleinod gehört seit seiner Gründung im Jahre 1802 zu den ersten seiner Art im deutschsprachigen Raum. Travemünde lebt also vom Hafen und dem Tourismus. Sportangebote gibt es sehr viele, vom Angeln und Segeln, zum Wandern, Radfahren oder Golf. Travemünde scheint ein Ort zu sein, wo  immer etwas los ist, was die Aufmerksamkeit der Touristen erregen kann. Zum Vergnügen der Gäste bietet der gepflegte Urlaubsort zahlreiche Veranstaltungen über das ganze Jahr - sportliche Events, musikalische Highlights. Die besondere Atmosphäre ergibt sich durch den Blick auf den internationalen Fährverkehr.

Es war aber nicht immer so: Gegründet wurde die Ortschaft im 12. Jahrhundert. Im nächsten Jahrhundert wurde der erste Hafen von Travemünde errichtet, 30 Jahre später (1235) auch die erste Kirche. Nach der Pest im 17. Jahrhundert erhielt Travemünde als dritter Ort in Deutschland den Status Seebad im Jahre 1802. 1913 wurde die Stadt Travemünde in Lübeck eingemeindet. Seitdem entwickelte sich der Tourismus rasant.Ein intensives Sonnenbad war es nicht, allerdings lohnt sich ein kleiner Ausflug nach Travemünde zu jeder Jahreszeit. Und man sollte nicht vergessen: Während der Saison muss man sich den Strandkorb vorab per Telefon oder im Internet reservieren.

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