Ein’ feste Burg für die Zukunft

Schloss Horneck auf gutem Weg zum Siebenbürgischen Kultur- und Begegnungszentrum

Sonntag, 06. August 2017

„Unser Leben und unsere Entscheidungen, jede Begegnung, eröffnet eine neue mögliche Richtung“ – Zitat aus dem Marketingkonzept von Heidrun Negura für Schloss Horneck

Prof. Konrad Gündisch am Heimattag in Dinkelsbühl

Erinnerungsort der Siebenbürger Sachsen in Deutschland

Die Weinberge hinter dem Schloss erinnern an Siebenbürgen.
Fotos: George Dumitriu

Mit 160 Sachen rast die Limousine durch den peitschenden Regen. Blitze zucken, Donner grollt. Grüne Felder verschwimmen mit dem grauen Horizont. Noch ein paar Serpentinen, dann drosselt Axel den Motor. „Gleich sieht man es” zeigt Heidi auf die Talsenke. Sekunden später rollen wir durch Gundelsheim. Der Regen hält inne. Vor uns erhebt sich eine gewaltige Mauer: gelbe Wände, Fenster mit adretten schwarzweißen Läden; Statuen zieren den Eingang. Dahinter windet sich der Neckar wie ein sanfter Lindwurm durch tiefgrüne Weinberge.

„Ist es nicht ein bisschen wie Siebenbürgen?” schwärmt Heidi und erklärt, dass sie die weichen Linien dieser Landschaft unbedingt im Logo des Medienkonzepts für Schloss Horneck wiederfinden wollte. „Auch, um etwas von der Härte der letzten Ereignisse herauszunehmen...“ Wir streifen durch prachtvolle Säle, klettern über die Wendeltreppe unters Dach, wo sich geschützte Langohr-Fledermäuse eingenistet haben. Nein, es ist nicht irgendein Besuch in irgendeinem Schloss - sondern eine Stippvisite in der Hochburg der Siebenbürger Sachsen in Deutschland. Hier hat nicht nur das Siebenbürgen-Institut der Universität Heidelberg seinen Sitz, zentrale Forschungs- und Dokumentationsstelle für Geschichte und Kultur der Siebenbürger Sachsen, mit Archiv und Bibliothek mit über 80.000 Titeln, sondern auch das Siebenbürgische Museum, das 2018 sein fünfzigjähriges Bestehen feiert. Ein Ort geballter Erinnerung! Ein Nukleus der Wissenschaft. Ein Zentrum der Identifikation für die Siebenbürger Sachsen in Deutschland. Nur vor wenigen Monaten war dies alles in Gefahr...

Das Wunder ist geschehen!

„Was Schloss Horneck für die Sachsen bedeutet, hat mir erst Heidi klargemacht” erklärt Unternehmensberater Dr. Axel Froese, der den Wagen steuert. Spontan hatten sich die beiden bereit erklärt, uns nach dem Heimattag in Dinkelsbühl das Schloss zu zeigen, für dessen Zukunft sie sich mit Leib und Seele eingesetzt haben. „Es ist ein Identifikationsort - das hab ich dann auch emotionell begriffen,” fügt er erklärend an. Seit 15 Jahren restrukturiert Froese Pleiten - Großprojekte ab 10 Millionen Euro. „Oft veralten Konzepte, wenn man nicht rechtzeitig umsteuert” erläutert er, was bei dem zuvor auf Schloss Horneck beheimateten Alten- und Pflegeheim der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen schiefgegangen war. „Als sich die Insolvenz angedeutet hatte, überlegte man noch, ob man mit dem Museum und der Bibliothek ausziehen könne“ fährt er fort. Doch weil die Kosten zu hoch gewesen wären, wurde schnell klar: die einzige Chance war, das Schloss zu kaufen. Ein Schloss kaufen! - Doch woher so viel Geld? Verzweifelt schrieb der Verbandsvorsitzende Erhard Graef an alle Heimatsortsgemeinschaften (HOG), erzählen die beiden weiter. Was dann kam, grenzt an ein Wunder: „Schon am ersten Tag haben sie 450.000 Euro hereinbekommen, von Privatpersonen!“ staunt Froese und fügt an: „Was mich am meisten berührt hat - eine alte Dame, die selbst nicht mehr zur Bank gehen konnte, hat 10.000 Euro gespendet.“ Auch die Carl Wolff Gesellschaft – ein Unternehmerverband mit siebenbürgisch-sächsischem Hintergrund - hatte eine Initiative gestartet. Zudem gab es einige Großspender. „Innerhalb von drei Monaten hatten wir 1,4 Millionen – eine irre Summe!“ Dann kam im letzten November die Nachricht, dass MdB Bernd Fabritius, Präsident des Verbands der Siebenbürger Sachsen in Deutschland und Präsident des Bundes der Vertriebenen, 1,9 Millionen Euro im Etat des Bundestags für Schloss Horneck reservieren konnte, erzählt Heidrun Negura weiter. Das Wunder ist geschehen.

Doch bis zur Realisierung des Traums ist harte Arbeit angesagt: Bauplan, Kostenkalkulation, Betriebskonzept über 25 Jahre. „Die wollen wissen, ob man fachlich und organisatorisch in der Lage ist, ein solches Projekt durchzuführen“, erklärt Axel Froese. Das Marketingkonzept hat Heidi Negura entwickelt. Es geht vom Leitbild aus, das nach Paragraf 96 Bundesvertriebenengesetz, Bewahrung von Kultur und Geschichte von Spätaussiedlern und Vertriebenen, förderfähig sein muss. Am Heimattag in Dinkelsbühl hatten die beiden zusammen mit Prof. Konrad Gündisch, seit Januar 2016 Vorsitzender des Vereins Siebenbürgisches Kulturzentrum Schloss Horneck, dies alles mit großem Erfolg vorgestellt: Das Schloss soll ein Kultur- und Begegnungszentrum für Siebenbürger Sachsen werden, mit Tagungen, Workshops, Kulturtagen, Märkten, Filmfestivals und mehr zum Thema Siebenbürgen - doch nicht nur. Ein unabhängiges finanzielles Standbein soll auch die langfristige Existenz des Projekts sichern. Dafür ist eine Öffnung für Touristen, Unternehmer, Geschichtsinteressierte essentiell. So sollen in der würdevollen Kulisse des Schlosses auch kulturelle, touristische und sportliche Events, Hochzeiten und Teambuilding möglich sein, um die Wirtschaftlichkeit dauerhaft zu garantieren.

Ein Wettlauf mit der Zeit

Die Reaktionen des Publikums in Dinkelsbühl waren überwältigend, freut sich Konrad Gündisch. „Ich habe nur positive Resonanz gehört. Wir sind erstmals mit einem modernen, ausgereiften und ansprechenden Medienkonzept vor die Öffentlichkeit getreten und haben überzeugt.“ Mittlerweile arbeitet ein „kleines, aber sehr feines Team reibungslos, zielorientiert und effizient zusammen“ lobt Gündisch und zählt auf: die Architekten Hans-Georg Göbbel und Udo Klamer, die Ingenieure Werner Zacharides und Hartmut Gündisch, um Koordination, Betriebskonzept, Verwaltung und Finanzen kümmern sich Dr. Axel Froese, Gwendoline Roth und Oliver Sill und für Werbung und Marketing sind Heidi Negura, Lucian Binder-Catana und Dr. Evelyn Rusdea zuständig. Die Schlossverwaltung obliegt Martina Handel und Georg Mick.“ Und fügt an: „Heidi war dabei ein wichtiger Motor.“

Wie es dazu kam, erzählt diese auf der Fahrt: „Ich hatte letztes Jahr das unbestimmte Gefühl, Konrad Gündisch kennenlernen zu müssen.“ Sie überzeugte Axel, der selbst kein Siebenbürger Sachse ist, deshalb zum Heimattag nach Dinkelsbühl zu fahren. Zwei Tage lang wollte es mit dem Treffen partout nicht klappen. Dann, kurz vor der Abfahrt, am Montag beim Holzfleischessen, saß Gündisch zufällig neben ihnen! „Mein Vater stammt aus Heltau wie er, wir alle wohnen in München“ stellte man schnell Gemeinsamkeiten fest. Grund genug, sich privat wieder zu sehen.
Auch das Schloss wurde so irgendwann zum Thema. Eines Tages, nachdem Gündisch zwei Stunden lang erzählt hatte, zeichnete Axel Froese mit ein paar Strichen ein Mindmap, das auf einem einzigen Stück Papier die Komplexität der Probleme veranschaulichte. Irgendwann sagte er schließlich: „Okay, Konrad, ich helf dir bei der Ausarbeitung des neuen Betriebskonzepts.”

Nun begann ein Wettlauf mit der Zeit, um alles bis zum Heimattag zu schaffen. „Wir kamen nach Hause, aßen, und arbeiteten täglich bis zwei Uhr nachts” erzählt Heidi Negura, die sich voll Idealismus und ohne große Erfahrung einfach in die Arbeit gestürzt hatte. „Ich hab mal einen Kindergarten geleitet, der in finanzielle Schwierigkeiten geriet, da musste ich Ideen zur Rettung entwickeltn” motiviert sie ihren Einsatz für das Marketing-Konzept. Doch bald war klar, dass ein Medienprofi mit ins Boot musste. Sie schickte ihr Konzept an den Mann einer Freundin, den Designer Lucian Binder-Catana. Der rief sie kurz darauf an: „Wer hat das Konzept erstellt?“ „Ich dachte, oh Gott, ist es so schlimm?“ lacht Heidi. „Dabei war Lucian total begeistert!“ Nach und nach wurden weitere Freunde mobilisiert. „Man kann die Leute begeistern für das Schloss“ frohlockt sie. Noch sind (fast) alle ehrenamtlich tätig, doch wenn Fachspezialisten hinzu kommen und verbindliche Verträge gemacht werden, muss man die Leute bezahlen, erklärt Axel Froese. Er ist derjenige, der sachlogisch und losgelöst von den früheren Spannungsfeldern das Projekt vorantreibt. „Doch der Konrad hat die Hosen an, ich helfe nur, wo es geht“ betont er immer wieder. 15 bis 18 Monate Bauzeit müsse man nun ansetzen. Positiv gesehen könnte das Schloss im März 2019 fertig sein.

Tiefe Bindungen

Es gibt viele familiäre Bindungen, zahlreiche Siebenbürger haben dort gelebt, sind dort gestorben” erklärt Heidi Negura dessen Bedeutung für gut 200.000 Siebenbürger Sachsen, die in Deutschland leben. Ihre Tante hatte dort sechs Monate lang Krüge restauriert, ein Onkel war an der Museumsgründung beteiligt. „Völker kommen und gehen“, meint Konrad Gündisch. Wichtig sei, dass die Erinnerung an sie fortbesteht, in dem man Zeugnisse der Vergangenheit sichert und der Forschung zur Verfügung stellt. Auf Schloss Horneck haben sich schon vor 1989 „Jung und Alt von hüben und drüben getroffen, haben erleben können, wie gesammelt, geforscht, präsentiert und zusammengearbeitet wird, damit die Erinnerung an die Vergangenheit lebendig bleibt und eine Zukunft hat.“ „Das Schloss ist der zentrale Erinnerungsort der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, fügt er an. „Das bleibt er auch im nächsten Vierteljahrhundert - und darüber hinaus“.

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