Ein ganz normaler Schultag

Donnerstag, 13. Februar 2014

Symbolfoto: sxc.hu

Ohrenbetäubendes Gehupe in der engen Gasse der Innenstadt. Ein großer Geländewagen hält vor der Schule und blockiert beide Fahrspuren. Die Dame am Steuer ficht es nicht an. Sie hat die Beifahrertür geöffnet und ruft ihrem Sohn Ermahnungen hinterher: „Pass auf in der Schule. Iss Dein Essen. Ruf mich an in der Pause...“ Der Junge ist schon im Schultor verschwunden, ein blasiertes Winken. Die Fahrer vor und hinter der Dame hupen mit beiden Händen und fluchen, was das Zeug hält. Langsam fährt die Dame los, der Verkehr kommt schrittweise in Gang.

Der nächste Fahrer hält aus Rücksichtnahme auf dem Gehsteig, der übernächste auch. Der Gehsteig wird zu einem engen Pfad, die Kinder, die zu Fuß kommen, winden sich irgendwie durch. Türen werden geöffnet, Kinder steigen aus, Mädchen in rosa Kleidchen mit Prinzessinnenfrisur und Jungen mit bleichen Gesichtern und hängendem Hosenboden. Väter in glänzenden Anzügen und schlechtsitzender Krawatte rufen Abschiedsworte hinterher, die Mütter steigen meist aus und küssen ihre Kinder auf beide Wangen.
Man beeilt sich, die Karriere ruft. Autos fahren an, ohne zu blinken und ohne links und rechts zu sehen. Kinder spritzen zur Seite, es wird wieder gehupt und geflucht. Ein Polizist der Altstadtwache nebenan sieht sich, versonnen lächelnd, das Chaos an. Lange her seit man selber in die Schule gegangen ist, diese Aufregung, diese Freude! Er geht ins Warme, heute zieht es wieder.

Mittlerweile ist es fünf vor acht. Autos spucken im Sekundentakt neue Kinder aus. Manche Eltern warten gar nicht, bis die Türen geschlossen sind, sie fahren vorher los. Es wird gewendet, wo gerade Platz ist. Die meisten Fahrzeuge halten der Einfachheit halber auf dem Zebrastreifen. Mercedes, Audi, Volkswagen, Range Rover. Die Eltern gehören zu denen, die es geschafft haben, sie müssen sich nicht verstecken. Den Kindern wird das mitgegeben: „Du spielst nicht mit jedem, ist das klar?“ Es wird über das neue Auto des Vaters erzählt, Erstklässlern gehen PS-Zahlen, Drehmoment und Wörter wie Leasing leicht über die Zunge. Haben und sein ist das A und O.

Als es läutet, ballt sich der Verkehr nochmals. Mittlerweile ist die Straße rappelvoll. Autos auf dem Gehsteig, Autos in den Torwegen, Autos auf jedem Zentimeter des Gehsteigs, Autos überall. Man sieht in den Augen mancher Geländewagenfahrer, dass sie kurz abschätzen, ob der Wagen die drei Stufen zum Schuleingang schaffen würde. Lassen es dann doch sein. Prinzen und Prinzessinnen der neuen Mittelschicht steigen langsam und gemessen aus. Verspäten? Sie nicht. Die Stunde beginnt, wenn sie da sind. Hie und da zieht eine Mutter noch schnell den Lidschatten nach, Väter fahren über alles, was ihre Stoßstange nicht verbeult. Schnell, schnell, schneller. Das Leben wartet nicht.
Ein letztes Hupen, dann ist der Spuk vorbei, wie er gekommen ist. Ein ganz normaler Schultag beginnt.

Kommentare zu diesem Artikel

sraffa, 16.02 2014, 02:10
Brilliant beschriebene Milieustudie; Kompliment !
Monica, 13.02 2014, 20:11
Wo soll das sein, in einer rumänischen Stadt?
Waren sie schon mal in Herten, Bottrop, Bielefeld, München etc., etc. an einem Schultor?
Vornehm Volker, 13.02 2014, 16:57
Sehr gut und absolut zutreffend geschrieben! Kompliment!

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