Ein Gesicht, zwei Menschen, eine Frage

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Ich stehe vor einem Rätsel. Hier im Büro, in dem ich tagein tagaus sitze, hängt seit Beginn meines Praktikums ein großes Poster an der Tür. Es ist wohl ein Kunstwerk. Eine Montage aus Gemälde und Fotografie. In der Bildecke steht eine Frage, eine rhetorische. Sie bleibt allerdings nicht lange allein, denn weitere Mysterien werden schnell offenbar. Meine Neugier ward entfacht. Auf dem Bild zu sehen ist insgesamt ein Gesicht, jedoch von zwei Menschen. Ich sehe die untere Hälfte des berühmten Selbstporträts von Albrecht Dürer, verifiziert durch seine markante Signatur mit dem D im A. In der oberen Hälfte, also von der Nase an aufwärts, sehe ich das Gesicht eines zunächst für mich unbekannten Mannes. Er blickt stirnrunzelnd nach oben und trägt einen altmodischen Stoffhut mit Krempe. Links oben in der Ecke des Bildes steht in englischer Sprache: „Must one really wear a hat as a German artist nowadays?” (Muss man wirklich einen Hut tragen als deutscher Künstler heutzutage?) Ich konnte diese Frage, die den Beigeschmack einer Klage in sich trägt, nicht einordnen. Trugen denn alle deutschen Künstler damals – wann auch immer „damals“ war – einen Hut? Zunächst: Wer ist dieser Mann auf der oberen Bildhälfte? Außerdem habe ich zwar von einer Zeit gehört, in der die Herren stets außerhalb von Gebäuden Hüte trugen, aber nie von einer Zeit, in der ein Hut quasi die Bedingung für den Erfolg eines Künstlers darstellte.

Meine Kollegin – sie sitzt seit über einem Jahr hier im Büro – konnte mir zu dem ominösen Kunstwerk keine Auskunft geben, mir auch nicht sagen, wessen Gesicht die fehlende Hälfte Dürers ergänzte. Ich tippte auf Kafka, Ähnlichkeit ist vorhanden. Sie googelte fix Franz Kafka, um die Bilder zu vergleichen. Mein Verdacht erhärtete sich. Sie jedoch war entschieden dagegen, dass es sich bei dem verdrießlich Dreinblickenden um den außergewöhnlichen Weltliteraten handele. Ich lieferte optische Argumente dafür, sie keine dagegen. Dennoch, dieses Bild will entschlüsselt werden. Ich gab in den Computer die auf dem Bild stehende Frage des Künstlers ein, in der Hoffnung, zum Werk geführt zu werden und Informationen darüber zu erhalten. Und voilà, schon sah ich es.
Nur leider ohne weitere Informationen, zumindest nicht auf den ersten Blick. Weit unten auf der Seite und sehr klein geschrieben las ich „Künstler: Joseph Beuys“. Klarer Fall, mit ihm geht die Suche weiter. Geboren 1921 in Krefeld, Fallschirmjäger im Zweiten Weltkrieg, ab 1945 an der Kunstakademie Düsseldorf, dort später Dozent und gestorben 1986. Fein, fein. Kaum liefert mir die Bildersuche erste Ergebnisse, steht glasklar fest, das ist der Mann auf dem Bild und nicht Kafka (Ich habe meiner Kollegin gestanden, dass sie recht hatte). Also Selbstporträt plus Selbstporträt, Dürer plus Beuys, der im Übrigen auf jedem Foto im Internet einen Hut trägt. Soweit so gut.
Ich weiß also, aus welchen beiden Menschen dieses eine Gesicht dort zusammenmontiert wurde. Bleibt noch das Rätsel, warum Beuys fragt, ob man heutzutage wirklich einen Hut als deutscher Künstler tragen müsse. Er war ja nun selbst Hutträger.

Viele Menschen besitzen Merkmale wie das ständige Führen eines noblen Gehstocks, das Tragen eines auffällig frisierten Oberlippenbartes oder eben eines Hutes. Der Grund dahinter ist für Außenstehende meistens unbekannt und schürt Neugier. Beuys, bekannt als ständiger Hutträger, wollte vielleicht mit diesem Phänomen spielen, es auf die Spitze treiben. Eine Frage stellen, auf die niemand sonst kommen würde. Eine Klage verlauten lassen, die keinen sonst je beschäftigt hätte, und so dem Betrachter den Spiegel vor die Nase halten. Möglicherweise sollte man sich selbst sehen können, sehen wie dumm man doch sei, einen Menschen auf etwas zu reduzieren, was nicht mehr ist als ein Kleidungsstück. Bei dem Gedanken fällt mir auf, dass auch etwas Dämliches in Beuys’ Blick liegt, vielleicht reine Einbildung meinerseits, vielleicht aber ganz gezielt. Es würde der Theorie des Spiegels entsprechen. Was ist eigentlich mit Dürer? Er wurde sicher nicht zufällig zum Teil dieses Werkes.
Obgleich sein Konterfei auf mehreren Porträts zu sehen ist, verbinden wohl die meisten Menschen den Namen „Albrecht Dürer“, nebst seinen bekannten Werken wie das „Rhinocerus” oder „Das Jüngste Gericht”, mit diesem Selbstbildnis von ihm. Er wird unvergessen bleiben, unvergessbar, eine Legende Zeit menschlicher Existenz. Joseph Beuys setzte ihm einen Hut auf, er gab ihm sogar eine neue Nase, neue Augen und Dürers lange Haare scheinen plötzlich nur noch unter den Ohren zu wachsen. Trotzdem: Es ist Albrecht Dürer, den wir da sehen. Er bleibt, wer er war. Ein deutscher Künstler. Ob mit Hut oder ohne, ob mit seinem Gesicht oder einem anderen.
Nein, Herr Beuys, ein deutscher Künstler braucht keinen Hut. Höchstens seine Anhänger, um ihn vor dem Künstler zu ziehen.
 

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