Ein Happy Meal für 20 abgeräumte Tische

Sozialarbeiter kämpfen täglich darum, Kinder von der Straße zu holen

Montag, 14. Januar 2013

Sie sind allein und orientierungslos: Straßenkinder verlieren tagtäglich auf der Straße ihre Unschuld.

Kriminelle Organisationen: Viele Bettler, ob jung oder alt, arbeiten für Banden, die das Mitleid der Bürger ausnutzen.
Fotos: Robert Tari

Flucht vor der Realität: Viele Straßenbettler schnüffeln einen Farbverdünner namens „Aurolac“. Das Rauschmittel ist besonders für die Lungen schädlich.
/ Foto: Zoltán Pázmány

McDonalds hat seit Dezember einen neuen „Angestellten“. Es ist der jüngste Mitarbeiter, der am Standort Temeswar bisher gearbeitet hat. Hinter die Theke darf er nicht, dafür räumt er fleißig die Tabletts von den Tischen ab. Er hat daraus ein Spiel gemacht. 20 Tische hat er in der letzten halben Stunde abgeräumt.

Geld kriegt er dafür nicht, auch kein Dankeschön. Stattdessen wird er nur stillschweigend toleriert. Älter als zehn dürfte er nicht sein. Wissen tut es keiner der Angestellten, es wird nur geschätzt. Andere seiner Sorte werden in der Regel schnell weggescheucht, damit sie die Kunden nicht stören. Andere seiner Sorte strecken auch meist eher die Hand vor, statt Hand anzulegen. Die Bezeichnung „Straßenbettler“ fällt immer öfter. Immer seltener wird das Wort „Kind“ beigemischt. Schließlich sind alle gleich.

Diese Ansicht teilen viele. Nae Caranfils schwarze Komödie „Filantropica“ habe den Nagel auf den Kopf getroffen: Niemand ist unschuldig, alles ist nur ein abgekartetes Spiel. Auch der zehnjährige Junge, der aus dem Abräumen von Tischen bei McDonalds ein Spiel gemacht hat, dürfte dazugehören. Er will doch nur Mitleid erwecken und Geld haben. Tatsächlich werden nach dem fünften oder sechsten Tisch auch Kunden angebettelt.

Die Antwort der Menschen erfolgt prompt: Wir haben kein Geld. Das möchte er auch nicht haben, erwidert der Junge. Was dann, meinen die verwunderten Kunden. Er möchte das Gleiche, was jeder zehnjährige Junge will, der von seinen Eltern zu McDonalds eingeladen wird. Er möchte nur das Kinder-Menü haben, mitsamt dem Überraschungsspielzeug. Ein Happy Meal für 20 abgeräumte Tische. Das hat man nicht mal in Filmen gesehen.

Einen Ausweg für Straßenkinder suchen

Dafür aber Antal Francisc (47). Der Sozialarbeiter ist seit sechs Jahren für das Jugendamt tätig. Er kämpft dafür, Kinder von der Straße zu holen. „Straßenkinder sind nicht das, was wir auf der Straße sehen“, meint er. Die meisten Bürger kennen nur das hässliche Bild: die schmutzigen Kleider aus dem Abfall gefischt, das verdreckte Gesicht, die erdfarbene Haut, der Geruch von billigem Farbverdünner und eine freche, unfreundliche Attitüde.

Alles Äußerlichkeiten, worauf die meisten Menschen eher schauen. Alles nur eine Fassade, findet Francisc, der sich die Zeit nimmt, den harten Kern zu durchbrechen. „Wenn man ihre menschliche Seite kennenlernt, dann stellt man fest, dass sie eigentlich Opfer sind, die unsere Hilfe brauchen.“

Die meisten Straßenkinder würden sich das gleiche Leben wünschen wie normale Kinder. Sie würden das Gleiche machen wollen, nur würde ihnen das nötige Selbstbewusstsein fehlen. „Sie sagen sich immer: Ich werde niemals so sein, wie der da, weil ich auf der Straße aufgewachsen bin, weil meine Familie mich nicht unterstützen will.“

Die wenigsten kommen von der Straße, die meisten rennen von zu Hause weg. Der Grund: Sie werden von ihren Eltern ausgebeutet. Sie stammen vorwiegend aus armen Roma-Familien mit vielen Geschwistern. Die Eltern sind arbeitslos und um der täglichen Armut zu entkommen, schicken sie ihre Kinder zum Betteln auf die Straße. Viele haben irgendwann genug und flüchten. „Die meisten Kinder kennen nichts anderes“, so Francisc.

Im Temeswarer Stadtviertel Freidorf gibt es eines der wenigen staatlichen Hilfszentren für Kinder der Straße. Besonders im Winter ist das Zentrum überlastet. Viele Kinder bleiben nicht lange in der Einrichtung. Für Sozialarbeiter wie Antal Francisc ist es ein ständiger Kampf. „Wir versuchen, sie davon zu überzeugen, dass es besser ist, wenn sie bei uns bleiben“, erklärt er. „Alles, was sie bei uns in einem Monat lernen, vergessen sie nach nur einem Tag wieder auf der Straße. Wir müssen dann erneut von vorne anfangen.“

Der Anblick, wenn die Kinder zu ihnen ins Zentrum kommen, bricht Francisc jedes Mal das Herz. „Weil sie uns regelrecht anflehen, sie aufzunehmen. Wir freuen uns und können es kaum erwarten, ihnen zu helfen. Aber sie haben immer den Eindruck, sie müssten etwas Besonderes leisten, um unsere Hilfe zu erhalten.“ 

Gegen ihren Willen können sie in der Hilfseinrichtung nicht gehalten werden. Das Gesetz verbietet es. Viele Straßenkinder sind drogenabhängig. Sie schnüffeln an billigen Farbverdünnern, dem sogenannten „Aurolac“. Es ist das billigste Rauschmittel, das sich die Kinder leisten können. Untersuchungen haben gezeigt, dass es langfristig die Atemwege und das Gehirn angreift. Die Abhängigkeit treibt viele Kinder wieder auf die Straße.

Mit den Eltern versöhnen sich nur die wenigsten. Oft sind sie die Hauptverantwortlichen für die Misere ihrer Kinder. „Solche Menschen verdienen es nicht, Eltern zu sein“, findet der Sozialarbeiter. „Diese Kinder sind unschuldig, sie machen nur das, was ihnen die Erwachsenen auftragen.“

Der persönliche Kampf

Er selbst hat zu einigen der Kinder eine elterliche Beziehung aufgebaut. „Manche sind so feinfühlig und so verwundbar“, erklärt er. „Die meisten Kinder entwickeln nach einer Weile einen Abwehrmechanismus. Sie finden einen Weg, sich auf der Straße gegen andere zu wehren. Allerdings nicht alle.“

Diesen Kindern würde man sofort ansehen, dass sie unter ihrer Situation leiden. „Vielleicht habe ich für diese Kinder mehr gemacht“, gesteht Francisc. „Ich habe versucht, mehr für sie da zu sein, weil ihre Situation schwieriger war.“ Die Straßenkinder fühlen sich dann beschützt und binden sich an die Sozialarbeiter. Es entsteht eine Bindung wie zwischen Eltern und Kind. „Du kannst dich schwer von ihnen trennen.“

Genau wie in Nae Caranfils Spielfilm gibt es auch kriminelle Bettlerorganisationen, die in den Städten agieren und Kinder für ihre Machenschaften ausbeuten. „Diese Menschen lassen es nicht zu, dass die Kinder zu uns kommen, weil sie wissen, dass sie dadurch ihre Arbeitskräfte verlieren.“ Die Mitarbeiter des Hilfszentrums gehen oft auf die Straße und versuchen, die Kinder aufzusammeln.

Oft ist es ein vergebliches Unterfangen, weil einer ihrer „Beschützer“ sofort eingreift. „Sie kommen dann mit Ausflüchten: Die Kinder haben ein Zuhause, sie haben eine Familie usw.“

Es gibt auch erfreuliche Ausnahmen. Laut Antal Francisc gibt es sogar Erfolgsgeschichten. So hat ein Jugendlicher schließlich doch einen Ausweg gefunden, sich mit seiner Familie versöhnt und ist vom Straßenleben weggekommen. „Er selbst hat irgendwann eingesehen, dass er für seine Zukunft kämpfen muss.“ Der Junge hatte lange auf der Straße gehaust, besuchte ständig das Hilfszentrum und verließ es auch gleich wieder. Kurz bevor er dann volljährig wurde, entschloss er sich, zu seiner Familie zurückzukehren. Heute lebt er angeblich mit seiner Mutter, hat eine Schule abgeschlossen und arbeitet.

Leider spricht man viel zu oft von Ausnahmen. Weiterhin leben viele Kinder auf der Straße, werden von Erwachsenen ausgebeutet und finden keinen Weg zurück in die Gesellschaft. Manche von ihnen werden sogar kriminell. Kriminelle Bettlerorganisationen zwingen oft auch Kinder dazu, für sie zu stehlen.

Inzwischen arbeitet der jüngste freiwillige Mitarbeiter von McDonalds nicht mehr dort. Wohin es den zehnjährigen Jungen hinverschlagen hat, weiß niemand. Vielleicht hat er seinen Weg gefunden, in die Obhut von Sozialarbeitern wie Antal Francisc.

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