Ein Herz für diese Zeitung

Gertrud Monferrato arbeitete 57 Jahre bei der deutschen Tageszeitung

Freitag, 14. November 2014

So wie wir sie alle kannten: Gertrud Monferrato

Man hätte meinen können, es wird immer so bleiben. Um 6 Uhr morgens sperrte Frau Gertrud Monferrato die Redaktion auf. Niemand forderte von ihr, zu dieser nachtschlafenden Zeit zu kommen, aber sie war aus früheren Zeiten so programmiert. Sie genoss es, dass zu dieser Morgenstunde der Bus leer war und dass dieser schnell vorwärtskam, bevor der Stau in Bukarest die Fahrt zum Dienst zur Qual werden ließ. Sie goss die zahlreichen Blumen, die ehemalige Kolleginnen in mehreren Zimmern der Redaktion zurückgelassen hatten, und machte Kaffee für sich und all die anderen. Dann hatte sie noch mindestens eineinhalb Stunden Zeit, um konzentriert und in Ruhe zu arbeiten, das war eine Wohltat: Noch hatte der unruhige Redaktionsalltag nicht begonnen, noch lief ihr keiner die Tür ein, noch war das Telefon still.

Gertrud Monferrato, 1926 in Schäßburg geboren, kam 1957 zu der in Bukarest erscheinenden deutschen Tageszeitung, damals hieß sie „Neuer Weg“. Sie wurde als Schreibkraft eingestellt. Unter anderem musste sie die Beiträge aus den Lokalredaktionen zunächst auf Tonbandgerät aufnehmen, erinnerte sie sich später. Die Tonbänder wurden anschließend abgehört, abgetippt und die Typoskripte in den verschiedenen Abteilungen abgegeben. Das war nicht so leicht, wie sich das anhört, denn früher waren die Telefonverbindungen sehr schlecht. „Es waren alte, russische Aufnahmegeräte, man hat am Telefon gebrüllt, denn man verstand nichts. Es war nicht einfach“ , erzählte sie einmal einer viel jüngeren Kollegin für einen Beitrag im „Deutschen Jahrbuch für Rumänien 2011“. Doch sie brachte den Nachrichten, Berichten und Reportagen, die sie tippte, große Aufmerksamkeit entgegen, interessante Beiträge – was natürlich nicht immer der Fall war – schrieb sie mit wahrer Freude. Auf ihre Genauigkeit konnte man sich verlassen, ihre solide Schulbildung an deutschen Schulen in Schäßburg und Hermannstadt garantierten guten Ausdruck und korrekte Orthografie. Außerdem funktionierte die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen aus den Lokalredaktionen genauso wie mit jenen aus der Bukarester Redaktion bestens.

Bald errang sie die Achtung nicht nur der Kollegen, sondern auch der Vorgesetzten und schließlich übernahm sie das Sekretariat. Sie war eine ideale Sekretärin, nicht nur sehr genau in ihrer Arbeit, sondern ihren Chefs gegenüber auch loyal und, was nicht zu unterschätzen ist, bei aller freundlichen Redseligkeit auch verschwiegen.
Dass sich die Arbeitsweise allmählich änderte, dass man mit neuen Mitteln umgehen lernen musste, war für sie mit ihrer positiven, anpackenden Einstellung kein Problem. Als 1993 mit Gründung der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien“ auch das digitale Zeitalter in die Redaktion einzog, war sie um die 70 Jahre alt, und sie setzte sich ohne große Umstände von der Schreibmaschine an den Computer. Gewissenhaft las sie mit ihren 88 Jahren täglich ihre E-Mails durch, bis vor zwei Wochen noch.

In ihrer großen Bereitschaft sprang sie irgendwann als Korrektorin ein und diese Arbeit machte sie auch in den letzten Wochen in der Redaktion. Längst hatte sie sich die neue deutsche Rechtschreibung, um die es im deutschen Sprachraum jahrelang ein so großes Gejammer gegeben hatte, angeeignet. Der Duden lag immer griffbereit auf ihrem Schreibtisch, doch wenn sie da nicht völlige Klarheit fand, suchte sie weiter in Lexika oder googelte auch.
Längst hätte sie in Rente gehen können und es waren nicht materielle Zwänge, die sie in der Redaktion zurückhielten. Es war die Freude an der Arbeit, an der Nutzung ihrer Fähigkeiten und ihres klaren Kopfes. Keine Vergesslichkeit, keine Schlamperei, nichts ließ sie durchgehen. Bestimmt war ihr auch das Zusammensein mit den jüngeren Kolleginnen und Kollegen wichtig. Ihre Geburtstage wurden immer groß gefeiert, sie waren ein wahres Redaktionsfest. Sie verwöhnte alle mit vielen selbstgemachten Spezialitäten, Tage davor standen sie und ihre Schwester Marianne Bosîngeanu mit großer Ausdauer in der Küche und brieten und backten. Ade Ischler, ade Marineschnitten und vieles andere mehr.

Außerdem war sie eine wahre Infobörse. Sie hielt die Verbindung zu vielen unserer ehemaligen Kollegen vom „Neuen Weg“ und von der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien“ aufrecht, sie wusste von ihnen Neuigkeiten zu berichten. Sie war ein Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart dieses Blattes.
Sie hatte ein Herz für diese Zeitung. Es hat aufgehört zu schlagen. Wir werden sie sehr vermissen.

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