Ein Hoffnungsschimmer in der Not

Nadrager Suppenküche für bedürftige Senioren feierte zehnjähriges Jubiläum

Sonntag, 13. Oktober 2013

Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Suppenküche für Senioren aßen die Alten aus Nadrag gemeinsam.

Floricica P. bekommt von Montag bis Freitag ein warmes Mittagessen von der Suppenküche.

Für seinen Einsatz in Nadrag erhielt Bernhard Balsliemke eine Verdiensturkunde der Caritas Temeswar.

Pfarrer Josef Hollschwandner freute sich über die Hilfe, die im Jahr 2003 aus Deutschland kam.
Fotos: Raluca Nelepcu

„Ich habe 370 Lei Rente. Ohne das Essen, das ich täglich von der Suppenküche bekomme, wäre ich vor Hunger gestorben“. Floricica P. lebt in einem Häuschen aus gestampftem Lehm. Im kleinen Garten am Eingang hat sie Bohnen gesetzt. Eine graue Katze ist das einzige Geschöpft, das sich an sie schmiegt. Sie hat Feuer im Kamin gemacht, sodass es angenehm warm ist in dem ärmlichen Haus, auch wenn es an den Fenstern schon ein bisschen zieht. Es ist etwas dunkel drinnen. Die Glühbirne im Schlafzimmer gibt es nicht mehr – die einzige Lichtquelle befindet sich in der Küche. Stromsparen ist bei der geringen Rente angesagt.

Floricica lebt allein in Nadrag, seitdem ihr Mann vor einigen Jahren gestorben und ihre Tochter nach Lugosch/Lugoj, etwa 25 Kilometer weiter weg, gezogen ist. Die Frau Mitte 70 berichtet resigniert von dem Elend, in dem sie lebt. Der Direktor der Caritas Temeswar, Herbert Grün, übersetzt ihre Worte ins Deutsche, damit auch Bernhard Balsliemke versteht, was die Frau zu erzählen hat. Der Gründer der Suppenküche für Senioren aus Nadrag/Nădrag, Bernhard Balsliemke, kommt zweimal im Jahr in die rumänische Bergortschaft, um Sachspenden zu verteilen und mit den Nutznießern des Sozialprojektes zu sprechen. Diesmal ist es ein besonderer Anlass, der Bernhard Balsliemke aus Münster in Deutschland nach Rumänien gelockt hat: Die Suppenküche für Senioren, die von der Interessengemeinschaft „Hilfe für Nadrag“ finanziell unterstützt wird, begeht ihr zehnjähriges Jubiläum.

„Ich habe ungefähr im Jahr 2000 den römisch-katholischen Pfarrer Josef Hollschwandner bei einer Feier in Ferdinandsberg/Oţelu Roşu kennengelernt. Da er mir sofort sympathisch war, nahm ich mir vor, ihn auch zu besuchen“, erinnert sich  Projektinitiator Bernhard Balsliemke an den Anfang. So geschah es, dass er ein Jahr später Lebensmittel einkaufte und nach Nadrag brachte, um sie an bedürftige Senioren zu verteilen. So kam er in die Häuser der Leute und sah das Elend, in dem sie lebten. Bernhard Balsliemke beschloss, etwas dagegen zu unternehmen, den Menschen zu helfen. Kurze Zeit später wurde die Interessengemeinschaft „Hilfe für Nadrag“ gegründet, die seitdem die sozial schwachen Alten aus der Ortschaft am Fuße des Poiana-Ruscăi-Gebirges nachhaltig unterstützt.

Essen für eine „etwas größere Familie“

Arbeitslosigkeit, Alter, Armut: Das 3000-Seelen-Dorf Nadrag im Verwaltungskreis Temesch ist nach der Schließung des Hüttenwerks, einst der größte Arbeitgeber im Ort, langsam bankrott gegangen. Der Großteil der Dorfbewohner blieb arbeitslos, so dass die jüngeren die Ortschaft verlassen mussten, um sich Arbeitsstellen in dem naheliegenden Lugosch/Lugoj zu suchen – zurück blieben die Alten, Kranken und Hilfslosen, um die sich zunächst einmal niemand sorgte. Durch die Suppenküche wird heute 40 Senioren ohne Einkommen oder mit sehr geringen Renten geholfen. Sie bekommen von Montag bis Freitag ein warmes Essen, das sie entweder selbst vom Sitz der Suppenküche abholen oder nach Hause geliefert bekommen. Ungefähr die Hälfte der Empfänger holt das Essen von der Suppenküche ab. Die meisten von ihnen haben Renten bis zu 400 Lei, leben allein und haben auch noch mit der einen oder anderen Krankheit zu kämpfen. Den Kranken wird das Essen nach Hause geliefert.

Damit ist der Sohn der Projektkoordinatorin vor Ort, Marius Hu]anu, beauftragt. „Ich beginne frühmorgens mit dem Essenkochen. Sowohl für die Senioren, als auch für die 40 Kinder, die nach der Schule hier zu Mittag essen. Ich kümmere mich um eine ‚etwas größere Familie‘“, sagt Dochiţa Huţanu, die seit über zehn Jahren als Chefköchin in der Nadrager Suppenküche tätig ist. Sie unterhält sich mit den Leuten und erfährt, welche ihre größten Probleme sind. „Viele unserer Empfänger sind Frauen, die sehr niedrige Witwenrente beziehen. Es gibt aber auch Personen, die überhaupt kein Einkommen haben und ausschließlich von der Kommune eine geringe finanzielle Unterstützung bekommen“, fügt die Köchin hinzu.

Die Not der Nadrager kennt der römisch-katholische Pfarrer Josef Hollschwandner, der seit 37 Jahren in Nadrag lebt, nur zu gut. „Ich habe damals gedacht, dass jede Hilfe willkommen ist, auch wenn sie von kurzer Dauer sein wird. Das gibt den Leuten eine Hoffnung, dass sie nicht allein in ihrer Not sind und damit sie nicht verzweifeln. Die Trenunng dieser Menschen von ihren Kindern und Enkelkindern war nicht leicht gewesen“, erinnert sich der Geistliche an die Gründung der Suppenküche für Senioren. Pfarrer Hollschwandner weiß genau, welche Sozialfälle die meiste Hilfe benötigen und schlägt den einen oder anderen Bürger vor, um in die Liste der Empfänger aufgenommen zu werden.

Suppenküche gehört zum Alltag

Zehn Jahre ist es her, seitdem die Interessengemeinschaft „Hilfe für Nadrag“ gemeinsam mit dem Caritasverband der römisch-katholischen Diözese in Temeswar und der Nadrager Kommunalverwaltung die Suppenküche ins Leben gerufen hat. Anfang Oktober fand in der Temescher Ortschaft eine Jubiläumsfeier statt, zu der Gäste aus Temeswar und Deutschland anreisten. Mit dabei waren auch einige Empfänger der Suppenküche, die sich beim Mittagessen trafen und unterhielten – eine eher seltene Angelegenheit in Nadrag. Das war nämlich der ursprüngliche Sinn der Suppenküche, dass die Senioren zusammenkommen und gemeinsam zu Mittag essen. Das konnte aber nicht verwirklicht werden. Viele schämten sich zu Beginn, die Hilfe in Anspruch zu nehmen, so Projektinitiator Bernhard Balsliemke. Ihre Situation drängte sie aber dazu, und kurze Zeit später war die Nadrager Suppenküche für Senioren nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. „Viele wollen das Essen nach Hause tragen, um auch abends etwas davon zu haben“, sagt Bernhard Balsliemke.

Mehr als 16.000 Euro im Jahr sammelt die Interessengemeinschaft „Hilfe für Nadrag“ ein – das Geld kommt der Suppenküche zugute. In Deutschland finden ab und zu Aktionen statt, um Spenden für die Nadrager einzusammeln. Darüber hinaus bringt Bernhard Balsliemke jades Jahr Sachspenden aus Deutschland für die bedürftigen Senioren mit. Die Kommune stellt für einen symbolischen Mietpreis das Gebäude zur Verfügung, in dem die Kantine unter der Leitung von Dochi]a Hu]anu untergebracht ist.

Die Senioren aus Nadrag hoffen, dass das Projekt auch weiterhin bestehen bleibt, denn Armut ist in Nadrag weiterhin zu Gast. Ein hartnäckiger Gast, der nicht mehr weggehen möchte. Floricica P. freut sich über den Besuch von Bernhard Balsliemke und Herbert Grün. „Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe und bitte Sie, mich auch in Zukunft nicht zu vergessen“, sagt sie mit einem Lächeln im Gesicht. Ein kleiner Hoffnungsschimmer ist darin auch zu erkennen.

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