Ein Identifikationsort der Siebenbürger Sachsen in Deutschland

ADZ-Interview mit Prof. Konrad Gündisch, dem Vorsitzenden des Vereins Siebenbürgisches Kulturzentrum Schloss Horneck

Samstag, 05. August 2017

Prof. Konrad Gündisch

Mitte 2015 sorgte es für Schlagzeilen in einschlägigen Medien – Schloss Horneck, die Hochburg der Siebenbürger Sachsen in Gundelsheim, Sitz des Siebenbürgen Instituts mit Archiv und Bibliothek und des Siebenbürgischen Museums, war wegen der Insolvenz des dort ansässigen Alters- und Pflegeheims des Hilfsvereins Johannes Honterus gefährdet. Doch inzwischen ist das Wunder geschehen: Dank einer unglaublichen Spendenaktion konnte der Rückerwerb aus der Konkursmasse erfolgen und der Fortbestand dieser wichtigen Institutionen gerettet werden. Ein völlig neues Konzept musste jedoch erstellt werden, um die Zukunft von Schloss Horneck als Siebenbürgisches Kultur- und Begegnungszentrum, aber auch als Veranstaltungs- und Touristenort für Nichtsiebenbürger, auch wirtschaftlich zu sichern. Die ADZ berichtete am 4. August über den Einsatz von Heidrun Negura und Dr. Axel Froese, die diesen Stein ins Rollen brachten. Zum Heimattag in Dinkelsbühl war das neue Marketingkonzept mit großem Erfolg vorgestellt worden. Nun erläutert Prof. Konrad Gündisch, Vorsitzender des Vereins Siebenbürgisches Kulturzentrum Schloss Horneck, Nina M a y für die ADZ, was die Rettung dieses zentralen Erinnerungsortes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland überhaupt bedeutet - und welche Rolle es in Zukunft einzunehmen vermag.
 

Herr Prof. Gündisch, wann und wie kamen Sie zu der Aufgabe des Vorsitzenden des Vereins Siebenbürgisches Kulturzentrum Schloss Horneck - und was bedeutet diese für Sie?

Nach dem Rücktritt des Gründungsvorsitzenden Dr. Bernd Fabritius, MdB, wurde ich vom Vorstand am 9. Januar 2016 einstimmig zum Nachfolger gewählt. Die Größe und Schwierigkeit der neuen Aufgabe war mir zwar durchaus bewusst, doch ahnte ich damals noch nicht, dass ich damit eigentlich einen Fulltimejob ehrenamtlich übernommen habe. Es gibt enorm viel, mit wenig Eigenmitteln, zu bewältigen, damit Schloss Horneck als zentrale Kultur- und Begegnungsstätte der Siebenbürger Sachsen erhalten und weiterentwickelt werden kann, aber auch, damit das herausragende Baudenkmal deutscher Baukunst, Kultur und Geschichte der bundesdeutschen und internationalen Öffentlichkeit besser bekannt gemacht wird, schließlich, damit es für und in die Stadt Gundelsheim, in der Region Rhein-Neckar, in die Bundesrepublik und darüber hinaus wirkt und zur Integration der ausgesiedelten Siebenbürger Sachsen in ihrem neuen Umfeld beiträgt.

Welches Team steht Ihnen im Augenblick zur Seite?

Es ist ein kleines, aber sehr feines Team, das reibungslos, zielorientiert und effizient zusammenarbeitet. Wir haben uns allmählich zusammengefunden - Heidi Negura war dabei ein wichtiger Motor - und konnten feststellen, dass man vieles in direkter, ungeschminkter Rede klären kann, ohne dass der falsche Ehrgeiz eines Beteiligten gekränkt wird. Das ist selten und das empfinde ich als großes Glück, auch als persönliche Bereicherung. Die Namen und Zuständigkeiten sollten hier auch genannt werden: Bau: die Architekten Hans-Georg Göbbel und Udo Klamer, die Diplom-Ingenieure Werner Zacharides und Hartmut Gündisch; Koordination Betriebskonzept, Finanzen, Verwaltung: Dr. Axel Froese, Gwendoline Roth, Oliver Sill; Marketing/Werbung: Heidi Negura, Lucian Binder-Catana, Dr. Evelyn Rusdea; weit über die dienstlichen Obliegenheiten hinaus gehende Präsenz, Verwaltung und Instandhaltung des Schlosses: Martina Handel und Georg Mick. Dieses tagtäglich zusammenarbeitende kleine Team agiert in enger Abstimmung mit dem Vereinsvorstand und mit der Carl-Wolff-Gesellschaft, deren Mitglied einige der „Teamplayer“ sind.
 

Ist Schloss Horneck nun „gerettet“ – oder erwarten Sie noch größere Hürden und Schwierigkeiten?

Das Schloss als Baudenkmal bedurfte keiner Rettung, es steht fest und sicher auf dem Felsen über dem Neckar. Hingegen musste der Identifikations- und Erinnerungsort Schloss Horneck gerettet werden - und das ist gelungen. Das Siebenbürgische Museum und das Siebenbürgen-Institut - mit all ihren Schätzen und mit all den Menschen, die sich vor Ort für die Sammlung, Sicherung, Erforschung und Präsentation siebenbürgischer Geschichte und Kultur unermüdlich einsetzen - können weiter arbeiten. Dank der 1,9 Millionen Euro, die der Deutsche Bundestag für den Um- und Ausbau von Schloss Horneck zu einer siebenbürgischen und internationalen Kultur- und Begegnungsstätte bewilligt hat und die nun von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien auf Antrag zur Verfügung gestellt werden, wird nicht nur Platz für die Erweiterung der beiden zentralen Kultureinrichtungen geschaffen, sondern auch ein drittes „Standbein“, eine Begegnungsstätte mit Tagungs-, Seminar- und Veranstaltungsräumen sowie Übernachtungsmöglichkeiten, aufgebaut und gefestigt. Schwierigkeiten auszuschließen wäre vermessen, doch bin ich optimistisch, dass wir sie meistern können, wenn sie denn kommen sollten.

Um für solche möglichen Herausforderungen gewappnet zu sein, denken wir daran, die Sponsorensuche zu professionalisieren, eben-so unser Medienkonzept. Jetzt schon benötigen wir dringend Unterstützung für jene Erfordernisse, die aus Bundesmitteln nicht gefördert werden können, etwa die Innenausstattung der Räume.

Wie waren die Reaktionen des Publikums auf die Präsentation des neuen Marketingkonzeptes in Dinkelsbühl?
Überwältigend. Ich habe nur positive Resonanz gehört und gespürt, mich aber auch, ehrlich gesagt, nicht gewundert. Wir sind erst-mals mit einem modernen, ausgereiften und ansprechenden Medienkonzept vor die Öffentlichkeit getreten und haben überzeugt, aber auch Zweifel daran ausräumen können, dass wir die Herausforderung durch das Schloss meistern werden.
 

Was wäre mit dem Archiv, der Bibliothek und dem Museum passiert, wenn das Schloss nicht gekauft worden wäre? Was hätte dies für die Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen bzw. den Verein bedeutet?

Nun, man hätte sie über kurz oder lang schließen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen, die wertvollen Bestände irgendwo und irgendwie lagern müssen. Das wäre für die gesamte Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen ein unwiederbringlicher Verlust gewesen, denn in den 65 Jahren, in denen der Hilfsverein „Johannes Honterus“ das Heimathaus Siebenbürgen betrieben hat, ist Schloss Horneck nicht nur ein Hort für unsere älteren Landsleute geworden, die hier im wahrsten Sinn des Wortes beheimatet waren, sondern auch ein Identifikationsort aller Siebenbürger Sachsen geworden, die bekanntlich seit Jahrhunderten eine besondere, kraftspendende Beziehung zur eigenen Kultur und Geschichte aufgebaut haben. Ich sage bewusst alle Siebenbürger Sachsen, denn ihre Gemeinschaft gehört trotz räumlicher Trennung zusammen. Jung und Alt von hüben und drüben haben erleben können, wie auf Schloss Horneck gesammelt, geforscht, präsentiert und zusammengearbeitet wird, damit die Erinnerung an die Vergangenheit lebendig bleibt und eine Zukunft hat. Diese Zukunft schließt alle ein, die an der so vielfältigen, geschichtsträchtigen Region Siebenbürgen interessiert sind, in der ein Modell der Koexistenz und Toleranz unterschiedlicher Völker, Religionen und Kulturen entwickelt wurde.
 

Wie sehen Sie Schloss Horneck in 25 Jahren? Welche Rolle wird es dann für die Siebenbürger Sachsen noch spielen?

Es ist ihr zentraler Erinnerungsort in Deutschland - und das bleibt er auch im nächsten Vierteljahrhundert und darüber hinaus. Die Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen ist trotz der räumlichen Zerstreuung stark und wird es auch bleiben. Zum anderen werden auch die voll in das neue Umfeld integrierten Nachkommen das Bedürfnis verspüren, sich zu darüber zu informieren, woher ihre Vorfahren kommen und was ihre Besonderheit ausmacht. Und zum dritten wird das Interesse der deutschen und europäischen Öffentlichkeit am siebenbürgischen Modell nicht geringer werden, im Gegenteil. Und das Modell ist ohne den Beitrag der Siebenbürger Sachsen undenkbar.

Wenn aber Ihre Frage in die Richtung geht, ob die Siebenbürger Sachsen auf Schloss Horneck in 25 Jahren noch eine Rolle spielen werden, dann kann ich die einerseits bejahen, anderer-seits hoffe ich aber auch, dass dann auch Nichtsiebenbürger ihr Interesse an der Region und an der Gruppe durch eigenen Einsatz dokumentieren werden. Und natürlich hoffe ich auch, ja, bin ich davon überzeugt, dass die Touristenattraktion Schloss Horneck ihre Anziehungskraft bewahren wird, zum Wohle der Siebenbürger Sachsen, der Stadt Gundelsheim und der Region.
 

Was liegt Ihnen sonst noch am Herzen ?

Was mir am Herzen liegt, ist die Antwort auf einige Stimmen, die sich auch in den Social Media dahingehend geäußert haben, dass jeder Euro, der nicht in Rumänien selbst für die Erhaltung siebenbürgisch-sächsischen Kulturguts ausgegeben werde, eine Verschwendung sei. Wie kurzsichtig kann man nur denken? Sind die Objekte und Publikationen, die auf Schloss Horneck gesichert und präsentiert werden, nicht auch siebenbürgisch-sächsische Kulturgüter? Darf man siebenbürgisch-sächsische Kultur und Geschichte nur in Rumänien bewahren und weiterentwickeln? Oder hat auch die Mehrheit der Gruppe, die nun mal seit Jahrzehnten in Deutschland und in der weiten Welt lebt, kein Recht, ihre Kultur zu pflegen, ihrer Erinnerung eine Heimstätte zu geben, künftige Forschungen über ihr Land und ihre Gruppe zu ermöglichen? Diese selbstbezogene Engstirnigkeit kann und will ich nicht nachvollziehen!
 

Vielen Dank für die interessanten Ausführungen!

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