Ein Kara Ben Nemsi germanistischen Schlages

Markus Michael Fischer überlebt den Untergang in Kairo

Samstag, 17. März 2012

Markus Michael Fischer: „Untergang in Kairo“, Verlag Neue Literatur, Jena 2012, 348 S.

German Roman, das klingt nach Wörterbuch, nach Kulturinterferenz, nach Komparatistik. So heißt der Held in Markus Michael Fischers germanistischem Abenteuerroman, wenn man so sagen darf, ein Held, der wie Thomas Manns Gustav von Aschenbach urplötzlich – freilich aber nicht auf eigene Faust, sondern im Auftrag eines akademischen Austauschdienstes – aus dem Heimeligen in die Fremde reist, um sein innerstes Triebwerk neuen Impulsen gegenüber zu erschließen und ausfindig zu machen, was so alles noch im Worte sei. German Roman: „die wandelnde Germanisch-Romanische Monatsschrift”, aber eben „kein geschriebener Roman”, fällt doch in seinem Nachnamen der Akzent auf die erste Silbe, was schon am Anfang des Romans wie zum Spaß erörtert wird.

German, Sohn der Deutschen: ein belesener Mann, mehr, eine Sprache. Das Deutsche – so wie es sich selbst in der Welt kleidet. German erlebt in Kairo die Krise des Systems, das in Bonn den Geldhahn dreht, missmutig Befehle erteilt und Dozenten über das Mittelmeer entsendet. Markus Michael Fischer überlebt – anders als sein Held, sein Freund, seine Sprache – den Untergang in Kairo.

Als DAAD-Lektor in Kairo überleben: Wie schafft man das? Indem man mit Büchners Woyzeck eine Zulage bekommt – als Belohnung dafür, dass man gehorsam ist, dass man alles mit sich machen lässt, dass man vorschriftsgemäß wahnsinnig wird, sich brav dem System fügt? Wie ist es, wenn jemand aus dem Ländle aufbricht, sozusagen ganz allein in die weite Welt hinein geht, Hermes folgt, mit Stock und Hut, oder einem Mann bajuwarischen Schlages oder den Stimmen von Marrakesch, den Klang fremder Sprachen erhascht, den Klang fremder Münzen, fremder Flinten, das Brüllen einer Landeshymne erträgt?

Ein Buch über die Macht der Germanistik, besser, über die Kulissen, über die Schleier der Germanistik in Kairo – oder eben in Deutschland, ein durchdringender Blick, ein offenes Herz, eine solide Bildung und die nötige Schneidigkeit, um sich in der Wüste der Paragraphen zurechtzufinden, in der die deutsche Literatur gleichsam naturgemäß vom „Pharao” autoritär verwaltet, angeeignet, gehandhabt, gehandelt wird. Das darf man in dieser gelungenen, oft genug durchaus unterhaltsamen und anregend gestalteten literarischen Erwägung der DAAD-Frage in Kairo ruhig erwarten.

Bei der Abteilungsleiterin, der „Mutter der Germanistik”: „Sie wissen, Herr Dr. Roman, unsere Abteilung ist der wertvollste Edelstein im Diadem unserer Fakultät. (...) Alle haben Achtung vor uns. (...) Ihr Vorgänger hat uns nicht die nötige Achtung entgegengebracht. Er wusste nicht, was Respekt ist. Er hat sich zum Beispiel geweigert, die Doktorarbeiten unserer Töchter zu schreiben.” Und die Arroganz der „Bonner Evaluatoren” („Frau Panzer mit ihrem Adjutanten Berger”) im Gespräch mit German? „Wir sind ein Team, auch wenn ich und Herr Berger weit über Ihnen stehen.“ Auch in Deutschland gibt es Pyramiden.

Der Roman als Schatten des Autors, als Verselbstständigung eines Ichs, das sich metaliterarisch definiert, ohne ins Über-Ich auszuschlagen, als Echo, als Nachvollziehung dessen, was ist, dessen, was sei. „German ging seiner Existenz nach, anstatt ihr voranzugehen. Er ging sich selbst nach, wie eine alte Uhr, anstatt sich federnd vorauszueilen.” So der Klappentext. Und: „Eigentliche Protagonistin des Romans ist die deutsche Literatur.”

Es kommt nicht von ungefähr, dass sich German über das Credo des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, „Wandel durch Austausch”, auslässt, über die Verdrängung des tiefgründigen, fundierten geisteswissenschaftlichen Diskurses durch eine vermeintlich kultur- und bildungspolitisch „flächendeckende”, wiewohl gar zu ungereimte DaF-Allgegenwärtigkeit. Über einen Untergang, der von denen, die ihn verursachen, ja betreiben, gar nicht begriffen wird, gerade weil sie nichts zu sagen haben, selbst wenn sie das Sagen haben.

Markus Michael Fischer alias German Roman ist in mehreren Sprachen, in mehreren Kulturen, in mehreren Jahreszeiten so richtig zu Hause. Stuttgart? „Großer Weinwachs“. Das liest German bereits im ersten Kapitel des Romans in Sebastian Münsters Cosmogonia. Ergo: „Wir essen Schwein und trinken Wein“, fasst er dann später als kurz und bündig synthetisierender Kulturvermittler gleichsam das Wesen des Deutschtums, das Wesen des aktuellen deutschen Image Managements zusammen. Wandel durch Austausch. Man solle mit Englisch für Deutsch werben, denn wer das Deutsche beherrsche, könne leichter Englisch lernen, so das neue flächendeckende Prinzip. Mehr Sprache, weniger Literatur (im Endeffekt also dann schließlich weniger Sprache oder doch jedenfalls weniger Deutsch). German fragt sich: „Ob das Aufbrechen der Wörter tatsächlich einen Aufbruch bedeutete, oder ob deren Zersprengung nicht vielmehr ihren Untergang herbeiführte.“

In den trüben Wassern des Nils den Untergang beschwören: ein Unding, dem nicht jedermann gewachsen ist. German, der über den Begriff des Urlaubs in Musils „Mann ohne Eigenschaften“ promovierte (und dabei „dokternd mit Ulrichs Urlaub vom Leben zu kämpfen hatte“), der Canettis „Masse und Macht“ im Intercity von Stuttgart nach Bonn mit sich „schleppt“ – und Canetti auch mal persönlich streift, der dem Stand der Berufstätigen das Attribut „Berufstäter“ beschert, entwickelt sich – über das Assessment-Center des DAAD – vom Germanisten zum „Fuhrunternehmer“, lässt sich im Taxi zum Totenreich fahren, genauer, lässt sich zum Kulturreferenten der Deutschen Botschaft in Zamalek fahren, bei dem er sich denn auch zu Tode langweilen darf – und dann geht’s weiter zum Pressereferenten, dem „Pressefuzzi“. Und zum Zentrum der germanistischen Macht am Nil. Und in die Unterwelt.

Gehorsam möge der deutsche Sprach- und Literaturdozent sein, darauf käme es vor allem an. Hofierenkönnen, so lautet die geheime Formel des Erfolgs. Von Mum, dem DAAD, „der Mutter aller Institutionen”, zum „Vater der ägyptischen Germanistik”: Es ist, als höre man den Autor durch die Absurdität, durch das kunstvoll, auf inhaltlicher wie stilistischer Ebene überzeugend gesponnene Gewebe des facettenreich inszenierten Untergangs großenteils selbst für den Eingeweihten erstaunlicher Verhältnisse hindurch fragen: Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?

Die Antwort fällt leicht: Nein, es ist keine Komödie. Es ist keine Tragödie. Es ist bloß die Sprache. Bloß die Literatur. Bloß die Macht. Bloß das Überleben.
Poetisch ausgedrückt: „Nichts mehr war heil und intakt, alles war Teil und zerhackt.” Der Diskurs rund ums Deutsche wird ein Diskurs rund um German, die neue Deutsche Universität heißt German University, mit vollem Namen, nein, mit voller Bezeichnung The German University of Cairo, wobei sie sich aber gar nicht in Kairo befindet. „Eigentlich hätte man diese Universität The German University in the desert nennen müssen, oder, noch präziser, The German bad English speaking University in the Egyptian desert on the way to Suez.“

„Klare Ordre aus Bonn”. Akzentverlagerung Richtung „Fachsprachen“, Richtung „Sekundärkompetenzen“. Klartext: Abschaffen! „Im Fremden untergehen, um das Eigene hervorzubringen?“ German reflektiert. Er scheint dabei kaum Gesellschaft zu haben. Durch die zweckmäßige Einschleusung des bereits erwähnten Woyzeck-Zitats entsteht der Eindruck, dass sich German nun auch noch in der dritten Person ansprechen lassen muss. „Er bekommt Zulage.“

Aber wenn der Autor schon mal zur Reflexion rund um seinen Doppelgänger, seinen Helden, seine Sprache, seinen Roman namens Roman einlädt, der die deutsche Literatur in ihrem Selbstverständnis diesseits und jenseits der deutschen Grenze verkörpert, personifiziert, ins ägyptische Fahrwasser bringt, aufblühen lässt, zerplatzen lässt, sei noch zum Schluss beiläufig anhand des hierin raffiniert gezeitigten Verhältnisses zwischen Autor und Romanfigur ein schlichtes Axiom postuliert, dessen Geltungsbereich gewiss den Rahmen des Buches sprengt und eine bis vor wenigen Jahren sozusagen real existierende DAAD-Dozentur im Nachhinein „wie eine alte Uhr” angemessen zum Ticken bringt. Markus Michael Fischer: the best thing that’s ever happened to German.

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