Ein kleiner Schritt weiter in Richtung Europa

Auch Mopedfahrer müssen ab 2013 Führerschein vorzeigen

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Es ist später Abend in einem gewöhnlichen städtischen Wohnviertel. In den Wohnblocks bereitet man sich für die Nachtruhe vor. Am frühen Morgen beginnt der graue Alltag, da müssen die meisten Leute früh aus den Federn, die Eltern in die Arbeit, die Kinder in die Schule. Nur hie und da flimmert noch ein Fernseher, da und dort brennt noch ein Licht in einer Küche. Auf der Straße gibt es auch ein Nachtleben: Ein paar Freunde des Bacchus, jeden Abend die gleichen, sind nicht zu überhören. An der Straßenecke lassen sich die Taxifahrer auf einen lauten Tratsch ein. So um 23 Uhr, wenn die Leute sich auf das Ohr zu legen versuchen, heult ein Motor am anderen Ende der Straße auf. Ein Motorrad, das erkennen alle seufzend. Es ist der ewige Nachtfahrer, der Abend für Abend die Dunkelheit und die leeren Straßen des Wohnviertels zu seiner nächtlichen Rennfahrt mit heulendem Motor ausnützt. „Wo ist jetzt die Polizei?“, fragen sich die meisten Leute. „Kann denn niemand etwas gegen diesen Kerl unternehmen?“ Es wird wie stets niemand eingreifen. Nach einer halben oder dreiviertel Stunde beruhigt sich der Rennfahrer. „Mistkerle!“ Die genervten Leute trinken noch ein Glas Wasser und gehen schlafen.

Das ist nur eine der Facetten der derzeit öffentlichen Meinung über die Motorradfahrer: Aus verschiedenen Gründen sind Motorradfahrer, als Individuum wie auch als Kategorie, bei den restlichen Verkehrsteilnehmern (Fußgängern, Rad- und Autofahrern) nicht gerade beliebt. In den Köpfen bleibt das Bild vom aggressiven, unverantwortlichen und jedwelche Verkehrsregel missachtenden Motorradfahrer. Es ist schon was dran: Nicht nur hierzulande, sondern auch in anderen Ländern verursachen Motorradfahrer, vor allem wegen hoher Geschwindigkeit oder Missachtung elementarer Regeln, Unfälle mit schweren Folgen. So geschehen außerhalb der Ortschaften, aber auch im Stadtverkehr. Ein beredtes Beispiel aus dem Temeswarer Wochenendverkehr: Vor der Tankstelle in der Cluj-Straße, einem Abschnitt mit dichtem Verkehr und vielen Gefahren, versuchte eine junge Motorradfahrerin nach einer wahren Slalomfahrt auch noch ein waghalsiges Überholmanöver auf der Fahrbahn für Trolleybusse und Taxis. Das Motorrad prallte mit einem Taxi aus entgegengesetzter Richtung zusammen, die Motarradfahrerin wurde schwerverletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Ein junger Mann aus Lugosch hatte da weniger Glück: Der 24-jährige unerfahrene Motorradfahrer lieh sich eines Nachmittags die Honda seines Arbeitgebers für eine Probefahrt aus. Die kurze Raserei endete in der Nähe von Lugosch, in der Ortschaft Lugojel, wo der Mann in einen Brückenkopf und in den Tod fuhr.

Wenn man die derzeitige rumänische Motorradszene eingehender beleuchtet oder durchforscht, kommt man zu der Schlussfolgerung, dass in diesem Verkehrsbereich der Zugang fast genauso leicht ist wie bei den Radfahrern, dass aber viel weniger Regeln eingehalten werden. Viele Jugendliche (darunter viele, die viel zu jung und unerfahren für den Verkehr sind) können sich vom Preis, aber auch vom beträchtlich großen Marktangebot her ohne Weiteres leisten, ein Moped oder Motorrad zu kaufen. Vor allem der stark angewachsene Second-hand-Markt bietet da allerhand Schnäppchen für junge Leute. Es müssen nicht gerade die teuren Markenmotorräder wie Suzuki, Honda oder Kawasaki sein,  Mopeds von 50 Kubikmeter der Marke Piagio, Baotian , Gilera oder Malaguti gibt’s schon zum Preis von 200 Euro, ein bei Jugendlichen beliebtes ATV zu 500 Euro, und gebrauchte Mopeds sogar zu regelrechten Schleuderpreisen zu haben.
So ist es auch kein Wunder, dass Minderjährige, ohne Erfahrung und Ausbildung, ohne schützenden Fahrerhelm, ja gar ohne Führerschein einfach aufsitzen und durch die Wohnviertel rasen. In vielen Fällen ist ein Verkehrsunfall nur eine Sache der Zeit.

Ordnung in der Motorradszene?

Vor Kurzem hat der Senat ein Gesetzesprojekt der Regierung betreffend die Abänderung der Straßenverkehrsordnung abgesegnet, ein letztes Wort in dieser Sache wird die Abgeordnetenkammer haben. Es sieht u. a. eine einschneidende Änderung der einheimischen Motorradszene bzw. die Einführung von Führerscheinen für Mopedfahrer vor. Damit möchte man sich auch in unserem Land an die Verfügungen der Direktive 2006/126 des Europäischen Parlaments anpassen. Durch diese neuen Vorschriften sollen Zahl und Folgen von Verkehrsunfällen, in denen Moped-, Motorrad- oder Dreiradfahrer impliziert sind, drastisch reduziert werden. Mitte laufenden Jahres gab es in Rumänien zirka 90.000 Motorräder und etwa 410.000 Führerscheine der Kategorien A 1 und A. Etwa 200.000 dieser Inhaber von Führerscheinen  sind im Alter von 16 bis 50 Jahren.

Wie sehen diese Neuregeln aus, die ab dem 19. Januar 2013 in Kraft treten werden? Das Mindestalter für Führerscheine der Kategorien A2, B, BE, C1 und C1E wird 18 Jahre sein, für die Kategorien AM, A1 und B1 gilt als Mindestalter 16 Jahre. Für die Kategorie A2 ist als Mindestalter 20 und eine zweijährige Erfahrung als Motorradfahrer nötig, für die A-Kategorie liegt das Mindestalter bei 24 Jahren. Bisher galt außer den Kategorien A1 und B1 (16 Jahre) für alle anderen Kategorien von Führerscheinen das Mindestalter von 18 Jahren.

Welche Folgen werden diese neuen Regeln wohl haben? Erwartet wird eine Reduzierung der Verkehrsunfälle sowie deren Folgen. Es gibt auch Stimmen, die eine Einschränkung des Motorradmarktes voraussehen. Jugendliche, aber vor allem Minderjährige, werden kaum mehr so einfach und unverantwortlich an Mopeds herankommen. Am stärksten könnten von diesen Neuregelungen solche Firmen beeinträchtigt werden, die Mopeds für Liefertätigkeiten (Kuriere, Heimlieferung) nutzen. Deren Lieferagenten müssen mindestens Führerschein AM besitzen. Auch die Motorradhersteller werden sich in der Produktion eher einem größerem Angebot für Anfänger zuwenden müssen.

Schlussfolgernd sei gesagt: Die Neuregelungen sind schon als Positivum, selbstverständlich als einen kleinen Schritt weiter nach Europa zu bewerten und auch gutzuheißen. Hierzu-lande jedoch, wie es der Alltag in allen anderen Bereichen zeigt, fehlt es eigentlich nicht an Regeln, Vorschriften und Gesetzen. Es fehlt eher an deren Befolgung und an der Kontrolle. Als Minderjähriger durch ein Wohnviertel in der Gegenfahrtrichtung, mit 100 Stundenkilometern, ohne Schutzhelm oder ohne so etwas Nebensächliches wie...einen Führerschein zu verkehren, ist eher eine Sache der Erziehung und der Mentalität.

Kommentare zu diesem Artikel

Sraffa, 10.10 2012, 13:28
Die europäische Erfahrung zeigt daß sich viele der Probleme mit der Zeit selbst lösen : Der Tod holt sehr viele und Darwin lässt grüßen.
Bis dahin müssen andere eben aufpassen daß sie nicht von den zum Tod geweihten mit in den Angrund gezogen werden.

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