Ein Labyrinth der Albträume

„Niederungen“ nach Herta Müller am Nationaltheater Jassy

Die junge Regisseurin Mihaela Panainte wagt sich, die „Niederungen“ (1982) der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller aus ihrer Perspektive umzusetzen, ein vielversprechendes, postmodernes Theaterexperiment, das junge Schauspieler und Schauspielstudenten animiert, eine andere Art Theater-Spiel auszuprobieren. Ein gelungener Auftakt der neuen Spielzeit am Nationaltheater in Jassy/Iași, ein Projekt, das mit Unterstützung des Deutschen Kulturzentrums Jassy und des Goethe-Instituts verwirklicht werden konnte.

Die Inszenierung nach Herta Müllers Kurzprosaband erlebte am 29. September 2012 eine erfolgreiche Uraufführung am Deutschen Staatstheater Temeswar in der Regie von Niky Wolcz, unter der Mitarbeit von Ulla Wolcz und dem ausdrucksvollen Bühnenbild von Helmut Stürmer.

Die Magie und Schönheit der neuen Theaterproduktion, im Unterschied zur Uraufführung, besteht in der Schlichtheit der theatralen Ausdrucksmittel – wirkungsvoll, rätselhaft, beeindruckend von der visuellen bis zur auditiven Ebene – eine Polyphonie der Stimmen, die sich im chorischen Sprechen der kollektiven Gestalt manifestiert. Die Ausdruckskraft der poetischen Sprache, meisterhaft auf die Essenz der Aussage zusammengeschnitten, durchtränkt von starken Leitmotiven, wirkt surreal, metaphorisch, paradigmatisch verbunden mit Leben und Tod.

Die Regisseurin lädt zu einer symbolischen Reise der Erinnerungen über erzählte Welten der Protagonisten ein, gestaltet wie ein „Kino“ im Kopf, bestehend aus bewegten Bildern, ähnlich einem Gleiten durch Zeitebenen. Es sind die Erinnerungen eines phantasiebegabten Kindes in seiner Konfrontation mit der Welt, jener Reflexionen im Prozess des Erwachsenwerdens, begleitet von Erwartungen, Ängsten, Träumen, Zwiespalt, Gefühlsausbrüchen, die alle Grenzen zwischen Wirklichkeit und Imagination verwischen. Die auktoriale Erzählerin lässt über Stichworte und Leitmotive die Welt der Erinnerungen aufleben; mentale Bilder flimmern auf, kleine Mosaikstei-ne bilden ein Gesamtbild einer Dorfgemeinschaft – eine unendliche Narration entsteht, verwoben aus Minimalgeschichten. Die Worte verwandeln sich in „erinnerte” Bilder, Projektionen der unschuldigen Augen eines Kindes. Die Erzählerin, das Kind (Mălina Lazăr) und sein Alter Ego (Ștefania Sandu), in Doppelgestalt, agiert wie ein Spiegelbild – zwischen Wirklichkeit und Verzerrungen der imaginierten Welt. In einer ausdrucksvollen poetischen Sprache, die dem von der Umwelt bedrohten Kind Trost spendet, wird der bedrückende Alltag beschrieben, die Rohheit und die Gewalt der Erwachsenen, die kein respekt- und liebevolles Miteinander kennen. Die Erinnerungen und Kommentare zu dem Treiben im Dorf, teilweise autobiografische Elemente der Schriftstellerin Herta Müller, konturieren eine scheinheilige Welt, geprägt von Hass, Sünden und Angst – Angst vor dem Vergessen der Angst, vor dem Tod.

Die kollektive Erinnerung der Dorfgemeinschaft nimmt die Gestalt eines geisterhaften Chores an, gekleidet in identisch weiße Roben wie die Darsteller der antiken Dramen, die mit minimalistisch rhythmischen Bewegungen im Halbdunkel die Bühne, eine mit Wasser überflutete Niederung, durchqueren. Der Blick richtet sich auf die räumlichen Strukturen, auf die vier zum Himmel emporgerichteten Säulen (Bühnenbild – Dan Istrate), auf die Schattengestalten der Schauspieler, die permanent ihre Gesten ändern (Choreografie – Oana Sandu). Körpergebundene und raumbezogene Gesten werden in den Raum des Textes überführt – die geometrischen Raumfigurationen entfalten sich im Rhythmus der Musik und im Licht-Schattenspiel der Scheinwerfer. Der Versuch, die unmittelbare Wirklichkeit der erzählten Welten ins Abstrakte zu überführen, generiert einen außerordentlichen Diskurs, bestehend aus Körpersprache, Text, Musik und Lichteffekten. Die transformative Kraft der Gesten entwickelt eine körperliche Realität , die den Zuschauer zur Dekodierung einlädt.
Die Narration wird auch von anderen Gestalten weitergeführt – so erscheinen unter anderen der erzählende Großvater und die erzählende Großmutter. Jede einzelne Gestalt verlässt die Formation des Chores und erzählt ihre eigene Geschichte, integriert ins kollektive Gedächtnis, wobei ein Überlappen der Erzählebenen entsteht, denn die Regisseurin arbeitet mit der Technik des chorischen Sprechens – jede einzelne Stimme wird im Sog der Polyphonie zu einem Teil der kollektiven Stimme. Die Erinnerungen werden über die Stimme der anderen wiedergegeben, der Text wird von rhythmischen Bewegungen begleitet, von ausgeklügelten chromatischen Lichtspielen und Soundeffekten. Ein fast mathematischer Verlauf des Bühnengeschehens – anknüpfend an Robert Wilsons Theaterästhetik.

Die begleitende Musik, bestehend aus Passagen von Monteverdi, Mahler und Max Richter, untermalt die sonore Atmosphäre, um den musikalischen Hintergrund zu sichern, wichtig für die Atmosphäre, für die exakten Bewegungen und Gesten, im Zusammenspiel aller Ebenen: Text, Körpersprache, Licht und Raum. Das Wasser kommt hinzu – eine ambivalente Konstante, die Tiefe suggeriert, die Wellen des Lebens, die unerforschten Niederungen der Psyche.
Die als Traumstück wahrzunehmende Inszenierung beeindruckt durch symbolträchtige Szenen – das metaphorische Kehren des Wassers, das Spiel mit den Zündhölzchen, die im Kreis versammelte vermeintlich glückliche Familie, die ritualhafte intendierte Reinigung der Körper und Seelen beim Baden, der opheliamäßige Übergang der fragilen Erzählerin aus dem Diesseits ins Jenseits durch das Untertauchen in die Tiefen der Niederungen.

Eine Einladung die rekonstruierten Niederungen in der poetischen, stimmungsvollen Vision von Mihaela Panainte zu erleben.