Ein Landausflug in die Hauptstadt

Ruralfest bot Bukarestern einen Tag Stadtflucht pur

Mittwoch, 17. September 2014

Der Bukarester Töpfer Jorj Dimitriu lässt die Kunst der Cucuteni-Kultur wieder aufleben.

Ein Paar lederne Opinci , ein „Clop“-Hütchen oder ein „Chimir“-Gürtel gefällig?

Auf Strohballen und Sitzsäcken lässt sich gut ruhen
Fotos: George Dumitriu

Bukarest - Schon das mit Sonnenblumen und Mais dekorierte Eingangstor am Holzzaun verspricht Zutritt in eine verzauberte Welt. Dahinter scharren Hühner, Fasane und Pfauen in Schaukästen aus feinmaschigem Drahtgeflecht – genau dort, wo wochentags Blechlawinen den grauen Asphalt bedecken. Zur Freude der Großstädter verwandelte sich am Sonntag, den 14. September der vielbefahrene Abschnitt der Kiseleff Chaussee zwischen Piaţa Victoriei und Str. Ion Mincu in eine ländliche Dorfstraße. Das jährliche Ruralfest, Teil einer 28 Länder übergreifenden Kampagne der Europäischen Kommission unter dem Motto „Gemeinsame Agrarpolitik – für stärkere Wurzeln“, hierzulande organisiert mit dem rumänischen Landwirtschaftsministerium, dem Bukarester Rathaus, dem Dorfmuseum „Dimitrie Gusti“ und dem Bukarester Bauernmuseum, wirbt für nachhaltige Landwirtschaft, gesunde Lebensmittel und Naturschutz.

Volkskunst und Streicheltiere zwischen Strohballen-“Sofas“

Für einen Sonntag lang verdrängte echter Rollrasen die sonstige Asphaltwüste. Glückliche Gesichter schwebten zwischen Kiosken hin und her, aus denen es nach Köstlichkeiten aus allen Landesteilen duftete: süße und pikante Plăcinte, Zacusca, deftige Bauernbrote, Wurst- und Käsespezialitäten. Dazwischen Stände für Kunsthandwerk, wo man Trachtenblusen, bestickte Schaffellwesten, originelle traditionelle Hüte, handgefertigte Opinci oder die urigen breiten Ledergürtel, die sonst nur Hirten und Mäher tragen, erstehen konnte. Oder Tongefäße aus Horezu, Teil des rumänischen UNESCO-Welterbes, von allerliebsten Miniaturen bis zu tatsächlich verwendbarem Küchengeschirr. Bezaubernd auch die nach Modellen der fast sieben Jahrtausende alten Cucuteni-Kultur gefertigten filigranen Schüsseln,Vasen und Figuren, mit Spiralmustern dekoriert oder in anmutigen zoomorphen Formen, die der Bukarester Künstler Jorj Dimitriu aus orangefarbener Tonerde – und neuerdings auch aus schwarz-weiß meliertem Ton aus Deutschland – originalgetreu nachbildet.

Zu den besonderen Attraktionen des ländlichen Straßenfests gehörte auch eine Kleintierausstellung mit schmucken Federvieh-Züchtungen: gestiefelte, prächtig gemusterte oder plüschig gefiederte Hühner tummelten sich zwischen Gänsen, Ziertauben und Pfauen. Niedliche Häschen, gefleckt oder mit Hängeohren, vor allem aber ein Eselfohlen und Ponys, auf denen man reiten konnte, begeisterten die kleinen Besucher. Wer für eine Weile ausruhen, das fröhliche Treiben aus der Distanz beobachten oder ein Familienpicknick im Grünen genießen wollte, konnte es sich auf den überall auf Rollrasenflächen verstreuten Strohballen, Baumstümpfen und Jute-Sitzsäcken gemütlich machen. Auffallend angenehm auch die Geräuschkulisse: statt aggressivem Dauerdröhnen aus übersteuerten Lautsprechern diesmal nur Hühnergackern, Gelächter und fröhliche Stimmen.

Gelegenheit für Diskussion und Information

Auch der mit seinem Projekt „Rowmania“ unermüdlich für Ökotourismus im Donaudelta werbende ehemalige Ruderchampion Ivan Patzaichin war persönlich zugegen und stellte verschiedene Modelle seiner Canoctas vor: leicht zu steuernde, hölzerne Ruderboote, der traditionellen Lotca der Fischer im Delta nachempfunden. Das neueste Modell lädt zum romantischen Zweierrudern unterm Baldachin ein – sicher eine sympathische Alternative zum knatternden Motorboot. Für traditionelles Schmiedehandwerk warb die „Caravana Meşteşugurilor“ des Bildhauers Virgil Scripcariu aus Piscu: ein mobiles Atelier für Demonstrationen mit Blasebalg, Hammer und Amboß. Neben vielfältigen Workshops, Vorführungen, Wettbewerben und Spielen gab es auch Informationsstände verschiedener in Bukarest vertretener Botschaften aus EU-Ländern – Griechenland, Polen, Tschechien, Kroatien, Irland, die Niederlande und Ungarn - und eine Diskussionsveranstaltung, bei der der europäische Kommissar für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung, Dacian Cioloş, Rede und Antwort stand.

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