Ein Leben, länger als ein Jahrhundert

Der älteste Temeswarer feierte seinen 107. Geburtstag

Freitag, 22. Juni 2012

Nicolae Petru Păsculescu (107) – mit Gelassenheit ins höchste Alter. Foto: Die Verfasserin

Mit 107 wirkt die Gegenwart eher unscharf. Sie kann mit der Vergangenheit nicht mehr konkurrieren. Da muss man mit der  vergilbten Geburtsurkunde sorgfältig umgehen, sonst zerreißt man sie, mit einer leichten Fingerbewegung. Mit 107 machen die Hände nicht mehr so richtig mit, die Stimme ist auch nicht mehr so klar und stark. Der Blick wirkt aber immer noch freundlich. Man muss aufmerksam zuhören, um den ältesten Mann der Stadt zu verstehen. „Wir sitzen da und erzählen unsere Vergangenheit“, sagt Nicolae Petru Păsculescu und lächelt bedächtig.

Ruhig sitzt er in seinem Hof, im Schatten eines Baumes, in der Măslinului-Straße in Temeswar/Timişoara. Ruhig feiert er auch seinen 107. Geburtstag. Kein Grund zur Aufregung. In einem Jahr sehen wir uns ja wieder, sagt er. Und auch in den Jahren danach. Es ist der 13. Juni 2012. Tatsächlich war der 13-te diesmal eine Glückszahl. Nicolae Petru Păsculescu ist seit einigen Jahren der älteste Mensch aus dem gesamten Verwaltungskreis Temesch/Timiş.

Auf die Frage, wie er die 107 Jahre geschafft hat, lächelt er diskret und antwortet leise: „Ich weiß es auch nicht, die Jahre vergehen und vergehen“, so Pasculescu, während er neugierig auf die zahlreichen Fotoapparate der Journalisten blickt.

Vielleicht war es letztendlich aber doch nicht die Glückszahl, sondern eher die Lebenseinstellung, die ihn zu seinem 107. Lebensjahr geführt hat: „Er hat es immer wieder geschafft, sich von den Sorgen zu distanzieren. In letzter Zeit war er nie böse, nie traurig“, so der 78-jährige Sohn. Tatsächlich genießt Păsculescu sein Leben Tag für Tag. Er sitzt auf der Bank in seinem Haushof, liest ab und zu noch Zeitungen und, vor allem, Gebetsbücher. Er blickt aus dem Fenster, genießt den bunten Kinderpark vor seinem Haus und isst regelmäßig, alles was ihm seine Tochter zubereitet.

Oft vertieft er sich in Erinnerungen: die schwer erkrankte Tochter, damals noch drei Jahre alt, seine erste Krebsoperation, seine Frau in der Küche, eine Volkstracht - selbst genäht, drei Polizisten beim Verhör, ein gemeinsames Foto mit der Königin Elena, die zweite Krebsoperation. „Er lebt in der Vergangenheit. Irgendwie will er die Gegenwart nicht mehr so richtig wahrnehmen. Alles, was ihm nicht passt, verneint er. Vielleicht ist eben dies sein Geheimnis“, sagt die Tochter Doina Maria Ciavici (74), die mit ihm zusammen wohnt und sich um ihn kümmert. Währenddessen winkt Păsculescu ganz freundlich den Fotografen zu, schaut sich kurios ein Laptop an und isst ein Stück von der Schokoladentorte, die ihm seine Tochter gebacken hat. Sein Leben lang hat er Süßigkeiten gemocht. Ein anderes Geheimnis? „Vielleicht“, lacht seine Tochter.

Geboren wurde Nicolae Petru Păsculescu in Cicir, im Verwaltungskreis Arad. Jahrelang hat er Volkstrachten genäht und zwischendurch auch für die Arader Philharmonie gearbeitet. Stolz präsentiert er eine vergilbte Weste, die er vor mehr als einem halben Jahrhundert für seine Tochter gefertigt hat. Er legt sie auf seinen Schoß und bleibt ruhig sitzen. „Es geht mir gut“, sagt er plötzlich und blickt sich in der Runde um. Mittlerweile machen seine Beine nur noch eingeschränkt mit, doch sein Stück Torte kann er noch selbst schneiden. Das Gehör ist auch nicht mehr ganz neu. Brillen trägt Păsculescu nicht und er schaut auch nicht fern. Gearbeitet hat er bis zu seinem 100. Lebensjahr. Danach hat er Stopp gesagt. Oft blickt er aber auf seine einzige Nähmaschine, im Hausflur – die ihn ein Leben lang begleitet hat.

Pasculescu war bei allen Handwerksfestivals und –veranstaltungen in der gesamten Westregion dabei. Er beginnt aufzuzählen: Lugosch, Margina, Fatschet/Făget, Săvârşin. Ja, für die königliche Familie hat er auch Kleidung genäht und gibt an, auch für Indira Gandhi, die ehemalige indische Premierministerin, Kleidung angefertigt zu haben. Seine Kunden waren nie unzufrieden, nur seine Konkurrenz. „Sie waren neidisch“, erinnert sich Păsculescu. Er war auch nie unzufrieden gewesen. „Ich nehme jeden neuen Tag mit Freude auf.

Wenn es sonnig ist, genieße ich die Sonne. Wenn es regnet, schaue ich mir den Regen an. Es ist ganz leicht“, sagt der 107-Jährige, der ein Enkelkind und zwei Urenkel hat. „Ich habe nie Zeit verloren“, schließt er. Langsam muss er zurück ins Haus, für den Mittagschlaf. Seine Tochter hilft ihm, die paar Treppen seines Elternhauses hochzusteigen, und fügt noch hinzu: „Ja, er schläft sehr oft in letzter Zeit“. 

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