Ein Leitbild und zahlreiche Projekte

Gespräch mit dem Kronstädter Stadtpfarrer Christian Plajer

Donnerstag, 05. September 2013

Stadtpfarrer Christian Plajer. Foto: KR

Das Projekt zur Gestaltung des Honterushofs erweckte bei seiner Vorstellung im Kronstädter Bürgermeisteramt ein reges Interesse, nicht nur der Gemeindeglieder.
Foto: Ralf Sudrigian

Seit zwölf Jahren ist der Theologe Christian Plajer Stadtpfarrer von Kronstadt. Zwar hatte er bis zu seiner Wahl im Herbst 2001 noch nie einen „offiziellen“ Wohnsitz in der Stadt am Fuße der Zinne, doch fühlt er sich inzwischen „in Kronstadt verwurzelt“. Vor seinem Studium der evangelischen Theologie in Hermannstadt (1984-1989) war er in Heldsdorf im Burzenland zu Hause und Schüler des Honterus-Gymnasiums. Nach dem Studienabschluss war er in der Evangelischen Kirchengemeinde A.B. Bukarest tätig. Die zwölf Jahre in der Honterusgemeinde (der Evangelischen Kirchengemeinde A.B. Kronstadt) beschreibt er als besonders bereichernd und erfüllend – und gerade zurzeit laufen zahlreiche anspruchsvolle Projekte, an denen die Gemeinde beteiligt ist. Über die jüngsten Errungenschaften und Herausforderungen sprach Stadtpfarrer Christian Plajer mit KR-Redakteurin Christine Chiriac.


Die Immobilienverwaltung ist ein aktuelles Thema für die Honterusgemeinde. Wie verläuft diesbezüglich die Zusammenarbeit der Kirchengemeinde mit dem Kreisrat und dem Bürgermeisteramt?

Die Immobilienverwaltung ist immer ein aktuelles Thema der Honterusgemeinde, sollte aber nicht als Hauptthema betrachtet werden. Tatsächlich stehen wir mit der Inbesitznahme und Nutzung von restituierten Immobilien vor ungewöhnlichen Herausforderungen. Wie schwierig das werden kann, besonders wenn man es dabei mit der öffentlichen Hand zu tun bekommt, beschreibt Herr Frank-Thomas Ziegler sehr gut in einem Bericht, der in der ADZ vom 15. August 2013 erschienen ist. Kurz gesagt: Es ist grundsätzlich schwierig mit den Autoritäten auf lokaler Ebene, und zwar nicht unbedingt, weil es schlechten Willen gibt.

Man ist leider allgemein noch sehr weit entfernt auf dem Weg zu einem rechtsstaatlichen Denken. Auf allen Ebenen der lokalen Hierarchie sind wir jedoch bei einzelnen Personen auch auf guten Willen gestoßen. Zwei Beispiele: das Projekt der Renovierung des Honterushofes, ein Herzstück der Honterusgemeinde, ist vom Bürgermeister persönlich angestoßen worden. Trotz vieler Schwierigkeiten setzt er sich nun schon seit zwei Jahren persönlich dafür ein. Auf der anderen Seite können wir den Verkauf der Geburtsklinik (ehemalige „neue Honterusschule“) an den Kreisrat als Lösung eines Problems betrachten, an dem jahrelang gearbeitet worden ist. Alle Möglichkeiten,beginnend mit dem gänzlichen Verlust der Immobilie vor Gericht nach deren Restitution, waren offen. Aus dieser Perspektive ist der Verkauf als Erfolg zu werten, der durchaus auch gutem Willen aufseiten des Kreisrats zu verdanken ist. Man darf insgesamt nicht vergessen, dass eine gute Zusammenarbeit mit Bürgermeisteramt und Kreisrat entscheidend für alle Bereiche ist, in denen die Kirchengemeinde etwas unternimmt.

Sie haben das Kirchhofprojekt erwähnt – welches ist der jetzige Stand der Arbeiten, wie lange könnte es bis zum Abschluss noch dauern?

Wir wären gern schon voriges Jahr fertig geworden, doch im Moment ist es schwer, einen konkreten Zeitrahmen zu nennen. In diesem Sommer sollten die archäologischen Arbeiten abgeschlossen werden. Die Grabungen haben angesichts hochinteressanter Funde das ursprünglich geplante Ausmaß bei Weitem überschritten. Dennoch konnten sie im August bis auf einen kleinen Rest (der für 2014 vorgesehen ist) abgeschlossen werden. 

Wir hatten noch zu Beginn des Jahres gehofft, dass man parallel mit den archäologischen Ausgrabungen schon die eigentlichen Bau- und Umgestaltungsarbeiten beginnen kann, aber es erwies sich aus technischen Gründen als unmöglich. Das Bürgermeisteramt hat nämlich festgestellt, dass die im kommunalen Haushalt für diesen Zweck vorgesehenen Gelder nicht, wie geplant, ausgegeben werden können, es sei denn, dass der Honterushof offiziell zum Baudenkmal erklärt wird. Obwohl die Schwarze Kirche und alle umliegenden Gebäude auf der Liste der nationalen Denkmäler vorkommen, ist das beim Hof nicht der Fall. So war ein eigenes Verfahren nötig, um den Kirchhof als Baudenkmal zu erklären. Dieses Verfahren wurde nun angestoßen und soll durch einen Bescheid aus Bukarest abgeschlossen werden – er steht noch aus. Ob man im Herbst noch mit den Arbeiten beginnen kann, ist die große Frage.   

In den vergangenen Monaten hat die Honterusgemeinde ein Leitbild erarbeitet. Welches sind die Ziele, die sich die Gemeinde damit setzt?

Damit kommen wir zur Hauptsache, nämlich zum Selbstverständnis der Honterusgemeinde und zu ihren Schwerpunkten für die nächste Zeit. Man muss bedenken, dass sich die Gemeinde in den vergangenen Jahren stark weiterentwickelt hat: allein von der Anzahl der Angestellten her haben wir uns im vergangenen Jahrzehnt mehr als verdoppelt. Das ist nur ein Hinweis dafür, dass ein Wandel stattgefunden hat, dass das Tempo schneller geworden ist, dass deutlich mehr Projekte durchgeführt werden als früher – und man könnte immer noch viel mehr anbieten.

In der letzten Zeit ist die Frage wiederholt aufgeworfen worden: Muss das sein? Wozu die vielen Angestellten  – mittlerweile mehr als vierzig (ohne das Altenheim Blumenau)?

Das hat uns nachdenklich gestimmt und wir haben uns weitere Fragen gestellt: Was wollen wir eigentlich? Welches ist unsere Vision? Verfolgen wir gemeinsame Ziele, oder arbeitet jeder Bereich, ungeachtet der anderen, in eine eigene Richtung? Was unterscheidet uns von einem Unternehmen, das Immobilien verwaltet? Sind wir in erster Linie eine Institution, die sich um Kultur und Geschichte bemüht? Sind wir vor allem eine soziale Einrichtung? Welches ist unsere Aufgabe als Kirchengemeinde und was unterscheidet uns als Honterusgemeinde von anderen Kirchengemeinden?

Diese Fragen haben uns dazu veranlasst, uns in einem geordneten Gesprächsprozess Gedanken darüber zu machen, was für uns spezifisch ist, was die verschiedenen Bereiche in unserer Arbeit verbindet und in welche Richtung wir gehen wollen. Wir hatten die Chance, uns dabei von Fachleuten begleiten zu lassen, und zwar von Mitarbeitern des Instituts für Personalberatung, Organisationsentwicklung und Supervision (IPOS) der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Der Prozess an sich war uns sehr wichtig, denn es geht darum, miteinander zu sprechen, sich aufeinander abzustimmen, auf die Argumente des Gegenüber einzugehen und Antworten zu finden, auf die man alleine nicht gekommen wäre.

So blickt man über den eigenen Tellerrand hinaus und wächst ein Stück weit zusammen. Wir konnten die Erfahrung machen, dass die bereichsverantwortlichen Mitarbeiter (meist junge Leute, zu denen auch Rumänen und Ungarn gehören) nicht auseinandergehende, divergierende Ansichten haben, und dass diese grundsätzlich mit jenen der Ehrenamtlichen (dem Presbyterium, hauptsächlich Rentner) übereinstimmen. Es gab in einzelnen Punkten unterschiedliche Gewichtungen, aber die große Linie war von Anfang an sehr ähnlich.

Wie verlief konkret die Arbeit am Leitbild?

Von November bis Juli sind Mitarbeiter und Presbyterium zu separaten und gemeinsamen Treffen an fünf Wochenenden zusammengenommen und haben rund 70 Stunden gearbeitet. Zusätzlich hat sich die Redaktionsgruppe in der Endphase viel Zeit für die Formulierung des Textes genommen – etwa die Arbeitszeit einer Woche. Mit anderen Worten: Jede Meinung wurde ernst genommen, es wurde tief geschürft und gründlich gearbeitet. Das Resultat ist, dass niemand sagen kann: ‘dies ist mein Text’ oder’ dies ist dein Text’, ‘das sind Eure Vorstellungen’ oder ‘hier finde ich mich nicht wieder’. In dieser Zeit sind Presbyterium und Angestellte mehr zusammengewachsen – dafür bin ich sehr dankbar.

Das Leitbild wurde nun auch ins Rumänische übersetzt und wird im Rahmen des Gemeindefestes am 8. September auf Martinsberg öffentlich vorgestellt. Dort kommen dann die Ziele zur Sprache, die sich die Honterusgemeinde mit dem Leitbild stellt. Vorwegnehmend nur zwei Gedanken, die für das Verständnis unserer Arbeit in Zukunft entscheidend sind: Das Leitbild nimmt keine Wertung der unterschiedlichen Arbeitsbereiche vor. Beispielsweise ist die Kirchenmusik nicht wichtiger als das Archiv, sie erhält keinen besonderen Stellenwert im Vergleich zu anderen Handlungsfeldern. Worauf es in allen Bereichen ankommt – und das ist das Zweite – ist die Verkündigung des Evangeliums. Wir hoffen, dass das Leitbild möglichst weit auch in die Gemeinde geht und wir weiterhin im Gespräch bleiben, gerade was das Umsetzen des Textes angeht. Das ist unsere nächste große Herausforderung.

Im neuen Kulturzentrum der Honterusgemeinde am Alten Marktplatz wird Mitte September die Humanitas-Buchhandlung eröffnet. Welches sind die weiteren Pläne für das Gebäude?

Jenseits eines fachlich hochwertigen Nutzungskonzeptes, nämlich als Kulturzentrum, an dem im Detail noch gearbeitet wird, erhoffen und wünschen wir uns, dass in diesem Haus die Fäden der unterschiedlichen Bereiche, in denen die Gemeinde aktiv ist, zusammenlaufen - so ähnlich wie es auf inhaltlicher Ebene im Leitbild passiert. Wir haben die Schwarze Kirche, die Blumenauer Kirche, die Obere Vorstadt, Martinsberg, wir haben das Altenheim, wir haben das Archiv im Keller, die Kirchenmusik auf der Empore, und das Gemeindeglied oder der Besucher nehmen nur jeweils einen Teilbereich unserer Tätigkeit wahr. In der öffentlichen Wahrnehmung sollte dieses Haus eine Schnittstelle aller Arbeitsbereiche der Honterusgemeinde sein. Wir wollen Menschen dienen, die die Gemeinde kennenlernen wollen oder ein spezielles Interesse innerhalb der Gemeinde haben. Dazu kommt ein einheitliches, durchdachtes Konzept der Öffentlichkeitsarbeit für die Gemeinde, das uns sehr wichtig ist und noch ausgearbeitet werden muss. Unsere Auftritte in der Presse und unseren Kontakt zur Öffentlichkeit allgemein versuchen wir also ebenfalls mit dem neuen Haus am Marktplatz in Verbindung zu bringen.

Und nun konkret zur Gestaltung des Hauses: im Vorderhaus wurden Erdgeschoss und Keller an die Humanitas-Buchhandlung vermietet – dies war uns wichtig, denn Humanitas hat einen Namen, wenn es um geisteswissenschaftlich hohe Standards geht. Im ersten Stock im Hauptgebäude ist eine Museumsabteilung mit einer Dauerausstellung und, in zusätzlichen Räumen, mit flexiblen, modernen Gestaltungsmöglichkeiten geplant. Die Dauerausstellung wird der Geschichte der Honterusgemeinde gewidmet sein. Ergänzend zur Schwarzen Kirche als Gebäude soll hier gezeigt werden, was im Laufe der Zeit zum liturgischen Vollzug gehört hat, und zurzeit nicht in der Kirche zu sehen ist – zum Beispiel der Kirchenschatz. Die Erfahrungen aus kommunistischer Zeit haben uns allerdings gelehrt, dass wir sehr vorsichtig an diese Sache herangehen müssen.

Außerdem wird es im Haus einen Mehrzweckraum geben, in welchem Wechselausstellungen eingerichtet, Buchvorstellungen und Seminare organisiert, unterschiedliche Veranstaltungen abgehalten werden können. Im Hinterhaus und dem schönen Innenhof ist ein Kulturcafé geplant.

Und nun abschließend eine Frage zum Thema Dekanat. Was hat Sie dazu bewogen, die Stelle aufzugeben?

Meines Erachtens ist im Falle Kronstadts die Überlagerung der Funktionen des Stadtpfarrers und des Dechanten in der heutigen Konstellation unserer Kirche nicht mehr tragbar. Früher war es so, dass ein Gemeindepfarrer (nur selten ein Stadtpfarrer) zusätzlich die Aufgaben des Dechanten übernommen hat – aber früher waren die Gemeinden selbständig, sie haben sich allein verwaltet. Der Dechant hatte eher koordinierende und repräsentative Funktionen und spielte in Gemeindeangelegenheiten keine exekutive Rolle. Nach der Wende sind notgedrungen von dem größten Teil der Gemeinden administrative Aufgaben an den Bezirk übertragen worden, aber das Konzept der Leitung eines Kirchenbezirkes hat sich nicht verändert. In der heutigen Situation müsste der Kronstädter Dechant eine volle Stelle haben und sich nur dieser Aufgabe widmen. Kräfte- und zeitmäßig geht es nicht anders. Mein zweites Mandat musste ich abbrechen, nachdem meine Überlastung zu gesundheitlichen Konsequenzen führte.

Herzlichen Dank für Ihre Ausführungen.

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