Ein Mann, ein Pferd und eine Lesung

Sonntag, 24. April 2016

Kürzlich hatte ich eine Lesung mit Musik im Städtchen Leer, in Ostfriesland, im Nord-Westen Deutschlands. Ich fuhr um neun Uhr morgens in Düsseldorf los und nach knapp zwei Stunden verließ ich die Autobahn, um der ostfriesischen Landschaft näher zu kommen. Ich durchquerte unendliche grüne Wiesen mit verträumt weidenden Kühen und passierte Windkraftanlagen, so riesig wie Gulliver. Ich begegnete keinem einzigen Auto weit und breit und auch in den kleinen Dörfern gab es keine Menschenseele auf der Straße, als wäre ich in ein Gemälde von Giorgio de Chirico hineingeraten, in seiner nordischen Variante. In der Eile hatte ich das Navi zu Hause vergessen, was ich nun bereute, denn irgendwann war ich mir meines Weges nicht mehr so sicher, und auf den Schildern an den Kreuzungen erschienen ausschließlich mir unbekannte Ortsnamen. Nach einiger Zeit entdeckte ich dann doch noch erleichtert einen Mann, der gemächlich die Landstraße entlanglief, er hielt ein Pferd an den Zügeln. Ich hielt neben ihm an, öffnete die Autotür. „Könnten Sie mir bitte sagen, wie ich nach Leer komme?“, fragte ich. Der Mann musterte mich kurz und murmelte: „Moment mal, ich muss jetzt das Pferd wegbringen.“ Dann ging er seines Weges, ohne mich eines Blickes zu würdigen.

Ich stehe nun hilflos da und denke frustriert, dass dieser Typ offenbar keine Lust hat, mit Fremden zu reden. Sehr unfreundlich, denke ich, aber irgendwie verstehe ich ihn auch, durch den letztlich allgegenwärtigen Terrorismus kann man heutzutage nicht vorsichtig genug sein. Doch wenigstens die Richtung hätte er mir schon weisen können, überlege ich sauer. Ich stehe ratlos neben dem Auto und schaue dem Mann ratlos nach. Nach gut hundert Metern verlässt er die Straße, mit dem Pferd an den Zügeln, und betritt einen großen Hof, vor einem Haus am Dorfende. Und nach ungefähr zwei, drei Minuten erscheint er abermals auf der Straße, diesmal ohne Pferd. Er stellt sich vor das offene Doppeltor und blickt in meine Richtung. Ich lasse den Motor an, fahre zu ihm, steige aus. Und dann beginnt er mir in aller Ruhe den Weg zu erklären, mit einem merkwürdigen ostfriesischen Akzent, den ich sehr entspannend und unterhaltsam finde, und den ich bisher nur noch bei einem ostfriesischen Kommissar in einem Fernsehkrimi gehört habe. Er duzt mich, wie es auf dem Lande so Sitte ist. „Du fährst jetzt erstmal ungefähr 2 km weiter, dann folgt eine Straße nach links. Dort biegst du auf keinen Fall ab.

Fährst einfach immer weiter, und nach weiteren 3 km folgt dann eine Straße nach rechts, die kannst du vergessen, fahr einfach geradeaus weiter.“ Und auf diese Weise wird der Mann nicht müde, mir klarzumachen, auf welchen Straßen ich keineswegs abbiegen soll. „War das klar genug für dich, hast du es verstanden?“, fragt er mich schließlich. „Ich glaube schon“, sage ich. „Im Grunde muss ich ganz konsequent immer nur geradeaus fahren, oder?“ Er zufrieden: „Genau, so ist es.“ Ich bedanke mich für die ausführliche und sehr hilfreiche Erklärung, steige ins Auto und fahre los. Im Rückspiegel sehe ich, wie er mir aufmerksam nachschaut und mir mit beiden Händen energisch Zeichen gibt, immer geradeaus weiterzufahren. Die Ostfriesen tauchen in einigen Witzen als leicht naiv und orientierungslos auf, aber in Wahrheit stecken sie voller Lebensweisheit. Null Ahnung, wieso man sich über sie lustig macht, dieser Mann zum Beispiel, wenn ich gut überlege, hat mir nicht lediglich erklärt, wie ich nach Leer komme, sondern er vermittelte mir besonders anschaulich auch eine überaus wichtige Devise, die jeder, der im Leben vorankommen möchte, unbedingt einhalten muss: Lass dich von deinem Weg nicht abbringen.

Abends, bei der Lesung in einer Buchhandlung in Leer, erscheinen um die einhundert Menschen. Ich trete mit meinem Vor- und Nachnamensvetter auf, dem ostfriesischen Liedermacher Jan Cornelius, und so heißt die Veranstaltung „Jan Cornelius trifft Jan Cornelius“. Der Ostfriese Jan Cornelius singt Lieder im ostfriesischen Dialekt über die Nordsee, über Wind und Wasser und dahinschwebende Boote. Ich lese danach Satiren über Autos und Autobahnen, die Düsseldorfer Altstadt und den U-Bahn-Bau in Düsseldorf Mitte. Aber bevor ich mit der Lesung anfange, erzähle ich dem Publikum die Geschichte mit dem Mann und dem Pferd von heute morgen. Keine Reaktion, zwei, drei lächeln höflich, aber das war’s dann auch schon. Am nächsten Tag, beim Frühstück, meint der ostfriesische Jan Cornelius, der sich als Hobbysegler schon auf allen nichtostfriesischen Weltmeeren herumgetrieben hat, lachend: „Haha, ich habe gemerkt, wie du gestern Abend beim Lesen ins Schwitzen geraten bist, als dich am Anfang alle so ernsthaft anstarrten. Natürlich hat kein Mensch gelacht, das kam ihnen alles ganz normal vor. Hier haben die Leute noch Zeit, nicht wie in eurer irrsinnigen Hektik.“ Aber wie sagte schon Shakespeare: All’s well, that ends well. Oder in der ostfriesischen Seemannssprache: Immer mit der Ruhe, dann kann nichts ins Wasser fallen. Und zum Schluss haben sich dann doch noch alle schiefgelacht, über das Leben in der Großstadt. Und nun, wenn ich an das Ganze zurückdenke, bin ich mir sicher: Wenn ich im nächsten Sommer wieder Rumänien besuche, und mit dem Auto nach Reschitza fahre, und plötzlich ein Pferd oder eine Kuh vor mir auftauchen wird, werde ich mich in Ostfriesland wähnen. Manchmal liegen Ost und West enger beieinander, als man denkt.

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