Ein nachhaltiges Gesamtkonzept und lokale Visionen

Integriertes Management für Schutz und touristische Nutzung von Kultur- und Naturerbe im Donauraum

Dienstag, 29. November 2016

Alltag und touristisches Schauspiel: In der Bäckerei in Deutsch-Weißkirch sehen wir zu, wie die Bäckersfamilie die verbrannte Brotrinde mit Stöcken abschlägt. So mancher nimmt sich ein Säckchen mit – als leckeren Kaffeeersatz!

In der Kirche von Deutsch-Weißkirch: Gebannt lauschen die Exkursionsteilnehmer den Geschichten von Caroline Fernolend.

Essenziell für touristischen Erfolg: ein authentisches Dorfbild ohne Bausünden
Fotos: George Dumitriu

Schon mal töltött káposzta gegessen? Oder vielleicht Sarmi, Sarma, Sarmale? Na, dann aber sicher Krautwickerl! Vom Schwarzen Meer bis Bayern sind hackfleischgefüllte Kohlblätter nur ein symbolisches Beispiel für die kulturelle Verbundenheit im Donauraum. Die Donau war die erste „Autobahn” – schon zur Steinzeit verband sie Völker. So ist es mitunter sinnvoll, Kultur- und Naturerbe länderübergreifend zu betrachten. Ein Teilgebiet in der Donauraumstrategie befasst sich mit der Bildung von Netzwerken für Regionen mit gemeinsamem Kultur- und Naturerbe. Dabei geht es auch darum, Aspekte einzubeziehen, die für sich allein keine Zugpferde sind: Speisen, Traditionen, Kunsthandwerk, ethnische Vielfalt. Denn der Reisende soll in der Region gehalten werden und darf sich dort nicht langweilen. In touristisch entwickelten Zentren sicher kein Problem – doch was ist mit ländlichen, abseits liegenden Orten? Wurmloch/Valea viilor hat eine stolze Kirchenburg, Weltkulturerbe der UNESCO – doch lohnt sich nur dafür eine weite Fahrt? Deutsch-Weißkirch/Viscri hingegen schöpft dank eines nachhaltigen Gesamtkonzeptes aus dem Vollen: unverfälschte Dorfidylle, heimelige Pensionen, lebende Traditionen, kulinarische Reize, Aktivitäten in der Natur. Ein stimmiges Rundumpaket für den kultur- und naturliebenden Touristen, der ausspannen und aktiv sein, entdecken und erleben, genießen und ein wenig Abenteuer schnuppern will.

In der vom rumänischen Ministerium für Regionalentwicklung und öffentliche Verwaltung (MDRAP) im Hotel „Ibis“ in Bukarest organisierten Konferenz „Die Donauregion – ein wunderbares Netzwerk aus Gebieten mit gemischtem Welterbe; unternehmerische Gemeinschaften und die Entwicklung von smartem Tourismus” ging es um die Frage, inwiefern lokale Gemeinschaften, die diesen Mehrwert rund um eine Hauptattraktion schaffen können, in den Schutz eines Monuments und die Entwicklung einer touristischen Region eingebunden werden sollen.
 

Nachhaltigkeit und lokale Vision

Irina Iamandescu (Nationales Institut für Kulturerbe, INP) erläutert die Rolle der UNESCO und ihrer konsultativen Organe für die Aufnahme und den Schutz von Kultur- und Naturdenkmälern. Für eine integrierte Vision im Donauraum sind Kooperationspartner in Rumänien: das Kulturministerium für Finanzierung und Monitoring, das INP als wissenschaftliche Instanz, lokale Behörden zur Koordination vor Ort, der Eigentümer für Instandhaltung und Restaurierung, NGOs als Katalysatoren. Wichtigstes Element ist Nachhaltigkeit: Die Pläne 1999 für den Dracula-Park in unmittelbarer Nähe des historischen Schäßburg scheiterten daran und wurden als unpassend für die Region gestoppt. Positivbeispiele sind die Dakerfestungen als UNESCO-Kulturerbe im Naturschutzgebiet; aber auch Deutsch-Weißkirch, wo z. B. Wissen zur fachgerechten, lokaltypischen Restauration von alten Gebäuden an die Bevölkerung durch den Mihai Eminescu Trust (MET) weitergegeben wird, wie sich die Teilnehmer an der Konferenz bei einer Exkursion am nächsten Tag überzeugen konnten. Monumente, die auf der rumänischen Vorschlagsliste für UNESCO stehen, könnten im Rahmen der Donau-raumstrategie mit anderen gruppiert werden und damit ihre Chancen für eine Aufnahme erhöhen: etwa die Cule, die bewehrten Wohntürme, in Muntenien mit den übrigen auf dem Balkan, oder der Dobrudscha-Limes mit dem Siebenbürgen-Limes und römischen Limes in Europa.

Rodica Precupeţu vom Departement für Interethnische Beziehungen (DRI) gab einen Überblick zur Vielfalt des Kulturerbes der Minderheiten in Rumänien und präsentierte die seit Langem diskutierte Idee einer Datenbank der Minderheiten entlang der Donau („Blaues Buch”, siehe ADZ vom 17.10.2015). In einem ersten Schritt sollen darin Kulturdenkmäler als Kondensationskeime erfasst werden, anzureichern durch ethnografische, historische und weitere Informationen.

Staatssekretärin Mihaela Vrabete (Ministerium für Raumentwicklung) hält eine Synthese von Informationen zu Kulturerbe und Unterkünften, Dienstleistungen, Veranstaltungen etc. in touristischen Karten für unerlässlich. Auch müsse man sich über die lokale Vision im Klaren sein. Mangelnde Infrastruktur ist nicht immer ein Hindernis, sondern manchmal auch ein Reiz; der beschwerliche Weg – etwa nach Letea oder Sfiştofca (siehe ADZ 10.8.2014) – kann Teil des Erlebnisses sein! Peter Hurley bestätigt dies durch seine Erfahrungen bei der Organisation von Mikro-Events – Dorffeste, Vollmondkonzerte – in den Bergen der Maramuresch. Ursprünglichkeit, Authentizität und das Abenteuer, Dinge zu erleben, die anderorts längst verloren sind, können bei entsprechender Bewerbung großartiges Echo auslösen und zudem zu einer nachhaltigen Entwicklung von Dorftourismus beitragen. Der heutige Tourist sucht Horizonterweiterung, Implikation und Selbsterfahrung mehr als organisierte Reisen und passives Konsumieren, bestätigt Vrabete. So trägt Tourismus zur Mentalitätsänderung bei – und erzieht zum Weltbürger.

Dreh- und Angelpunkt: die lokale Gemeinschaft

Lösungen zum Ausgleich für fehlende Infrastruktur können nur von der lokalen Gemeinschaft gefunden werden (Beispiel Letea: Traktorfahrt, Fischpicknick, Musik), die sich Aufgaben um Unterkunft, Bewirtung, Transport, Touristeninformation, Reinigung, Folklore, Fahrradverleih, Workshops, Heimatmuseum etc. teilt. Durch traditionelle Ausstattung der Gasträume entstehen Wünsche, Teppiche, Stoffe oder Dekor als Souvenir mitzunehmen, was zur Belebung des lokalen Kunsthandwerks führt. Als Multiplikatoren können Lehrer und Pfarrer vor Ort oder NGOs eingebunden werden.

Eine Integration des Ortes in vorhandene Routen – Beispiele: Jakobsweg in Spanien; Kulturelle Routen durch Europa – sichern regelmäßige Besucher und erhöhen den Bekanntheitsgrad. Historisch zusammenhängende Objektive oder Themen können eine eigene nationale oder länderübergreifende Route ergeben: Tour der Herrenhäuser oder Kirchenburgen, kulinarische Reisen, Weinstraßen, Pilgerwege, Reisen „auf den Spuren der Daker/von Eminescu/siebenbürgischer Musiker, etc.“.

Für grenzübergreifende Kooperationen könnten folgende Elemente hilfreich sein:

- Verbindungen zu rumänischen Minderheiten im Ausland
- hiesige Minderheiten als Mittler zu ihren Herkunftsländern nutzen
- Austausch von Künstlern (z. B. für Festivals)
- zeitliche Koordination von Veranstaltungen entlang einer Route (Orgelkonzerte, Tour der Mittelalter-Events)
- Erfahrungsaustausch zwischen Gemeinden mit vergleichbaren UNESCO-Monumenten
- Clusterbildung von Wirtschaftsunternehmen einer Region/Route
- gemeinsame Werbung durch Druckmaterial, Internet, Apps, Besucherzentren, Branding
- gemeinsamer Rahmen für Management
 

Lebende Geschichte, Ursprünglichkeit, dörflicher Charme

Ein wichtiger Bestandteil touristischen Erfolgs sind Geschichte und Geschichten: Sie erwecken auch weniger spektakuläre Ziele – die winzige Wüstenoase, die kaum noch erkennbare Burgruine – zum Leben. Sie verbinden Vergangenheit und Gegenwart im Dorf zum lebenden Museum. Caroline Fernolend, die „Seele” des touristischen Konzepts von Deutsch-Weißkirch, weiß um die Kraft von Geschichten: „Erst nach dem ersten Gewitter durfte der Speck im Turm angeschnitten werden, früher bringt es Unglück!” Der Schandstein am Kirchenausgang: „Hier mussten Ehebrecher nach dem Gottesdienst zur Strafe knien, gut sichtbar für alle.“ Sie erzählt von arrangierten Ehen, damit der Boden nicht geteilt werden musste: „Die Liebe kommt später, sagte der Vater.“ Oder von sächsischen Schubladenbetten, oben das junge Paar – unten die Schwiegereltern! Von Kaffeeersatz aus der verbrannten Kruste des Bauernbrots: „Den trinke ich auch gerne.“ Der ein oder andere aus unserer Gruppe will das probieren und nimmt sich eine Tüte aus der Dorfbäckerei mit.

Ein Highlight auf der Konferenz war die Präsentation des seit 23 Jahren in Rumänien lebenden Iren Peter Hurley, der die Dörfer der Maramuresch mit kreativen Events zu einer touristischen Kraft vereinen will. Neugierig machen schon die Titel der Veranstaltungen im Projekt „Der lange Weg zum lustigen Friedhof” (www. drumullung.ro): „Moş Pupăză Sommerschule”, „Sus pe Bradova Konzerte“, „Festival der Dörfer“ oder ein Festivalzug aus Bukarest mit Dinner und Musik. Eine wasserfeste Landkarte – „die kannst du in den Wirbelkorb stecken!“, versichert er – mit dem Titel „Satele Unite ale Maramure{ului“ (Vereinigte Dörfer der Maramuresch), in Kreuzstichschrift auf gestickter stilisierter US-Flagge, Untertitel: „Eine freundliche Karte von Rumäniens wildem Nordwesten“, vereinigt Sehenswürdigkeiten mit Event- und Kontaktdaten. Ein Lehrstück in Marketing – aber auch ein Aha-Erlebnis für die Dörfler, die oft gar nicht wissen, was an ihrem Dorfleben touristisch interessant ist und dass es auch mit sehr begrenzten Mitteln zur Attraktion werden kann. „Heute Nacht ist unser Dorf wiedergeboren worden“, sagte eine alte Frau nach einem solchen Event zu Hurley. „Charme ist das Schlüsselwort!“, präzisiert dieser. Ein Beispiel: „Ich kann jetzt unmöglich mit runterkommen“, sagt eine faszinierte Touristin, „ich habe hier eine Sennhütte entdeckt und der Hirte spielt Flöte, damit die Schafe mehr Milch geben!” Die erste Musik sei zur Zeit der Transhumanz entstanden – und habe therapeutische Wirkung, meint Hurley überzeugt. Und zitiert seinen japanischen „Maramuresch-Leidenschaftsgenossen“ Miya Kosei: “Maramuresch, anzestrales Zentrum der Welt”.

Es ist genau diese Perspektive, die man den Menschen auf dem Dorf – gerade in Rumänien – so dringend vermitteln muss! Von Ausländern wirkt sie überzeugender. „Wenn wir den Leuten nicht JETZT lebende Kultur geben, dann ist die Maramuresch verloren“, insistiert Peter Hurley. „Und wenn die Maramuresch fällt – hier stellvertretend für ganz Rumänen – dann fällt alles!”

Kommentare zu diesem Artikel

Erdelyi Sázs, 30.11 2016, 23:49
vor der Einwanderung der Sachse waren Krautwickel in Bayern und Österreich ziemlich unbekannt. In keinem traditionellen alpenländischen Gasthaus wird man diese auf der Speisekarte finden. Gefüllte Paprika ja, aber keine Krautwickel. Auch in Ungarn sind sie selten und wohl nur unter siebenbürger Ungarn bekannt. Und auch dieses verkohlte Bauernbrot, dem erst die schwarze Rinde nach dem Backen abgeschlagen werden muss, ist westlich von Siebenbürgen unbekannt. Siebenbürgen ist eben nicht Teil des Donauraums, sondern eben hinter dem Wald. Auch Baumstritzl ist nichts ungarisches, sondern etwas szeklerisches, also wieder Siebenbürgen und nicht Donauraum.

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