Ein Plädoyer für Moskau

Kreml-Stadt ohne Vorurteile

Dienstag, 23. Dezember 2014

Bunte Zwiebeltürme und Zuckerbäckerstil - damit verbindet man Russland.

Nicht das Bukarester Pressehaus, sondern ihr architektonisches Vorbild: die Lomonossow-Universität

Moskau ist auch für seine prachtvollen U-Bahn-Stationen berühmt.

Geschichtsmuseum am Roten Platz - nur eins von ca. 80 Museen in Moskau
Fotos: der Verfasser

Was wir seinerzeit über die ehemalige UdSSR gelernt und darüber hinaus an russischer Sprache mehr oder weniger erworben hatten, sollte sich anlässlich meiner Reise nach Moskau und St. Petersburg bezahlt machen.  Schon ein Vorteil, das Kyrillische lesen und zum Großteil auch verstehen zu können, war ein Erlebnis besonderer Art, weil man überall bestaunt wurde, als käme man von einem anderen Planeten, was wegen meiner Aussprache ja fast anzunehmen war…

Die überaus freundlichen und hilfsbereiten Menschen gestalteten den kurzen Aufenthalt angenehm, hinzu kamen überwältigende Eindrücke überall und endlose Informationen. In Moskau gibt es keine privaten Familienhäuser: Man lebt in den Hochhäusern, die meistens am Stadtrand entstanden sind und entstehen, weil die Fläche der 1081- Quadratkilometer-Stadt, auf der 13 Millionen Einwohner ihr Auskommen finden müssen, ohnehin schon enorm ist.

Über die breiten Straßen (Prospekt, sprich: Prjaspjekt) donnert auf bis zu acht Fahrspuren in einer Richtung rund um die Uhr der Verkehr; in Moskau sind allein 5 Mio Pkw zugelassen. Niemanden scheint es zu interessieren, dass die Höchstgeschwindigkeit auf 60 km/h beschränkt ist und blinken ist ein Fremdwort. Trotzdem ist die Zahl der Unfälle relativ gering, die Autofahrer nehmen gelassen und ohne jede Hektik die Ereignisse auf den Straßen hin, ohne zu hupen oder zu schimpfen, die Bremsen stets in Bereitschaft…

Die zwingende Alternative: die Metro. Laut, polternd und krachend hastet sie in ein bis zwei Minutenabständen an vielen der 262 schön gestalteten U-Bahn-Stationen vorbei; bis zu 35 Kilometer Entfernung liegt zwischen manchen Stationen. Die Züge stets vollgestopft – auch nachts und an Wochenenden – donnern mit 120 km/h dahin. Manche Stationen liegen 70 Meter unter der Erdoberfläche.

Auffallend sind die vielen Parkanlagen und Grünflächen riesigen Ausmaßes, die sommers und in der Freizeit regelrecht gestürmt werden. Vierzig Brücken verbinden beide Ufer des Moskau-Flusses (sprich: Maskwa) und sorgen für flüssigen Verkehr, der die Stadt in konzentrischen Kreisen, jeweils von etagenhaft angelegten Ausfallstraßen gekreuzt, durchströmt.

Marathon der Sehenswürdigkeiten

Gemischte Gefühle kommen auf, wenn man – auch als Nicht-Betroffener – an der Lubjanka vorbeifährt. Von 1920 bis 1991 war es das Hauptquartier, das zentrale Gefängnis und das Archiv des sowjetischen Geheimdienstes in Moskau. Heute beherbergt die Lubjanka den russischen Geheimdienst FSB.

Von den Sperlingsbergen, einem der sieben Hügel der Stadt, eröffnet sich dem Betrachter ein Panoramablick sondergleichen. Hier oben steht auch die 1755 auf Erlass von Elisabeth I. gegründete Lomonosow-Universität, mit 40.000 Studierenden an 30 Fakultäten, die anlässlich der 800-Jahr-Feier Moskaus im Jahre 1947 im stalinischen „Zuckerbäckerstil“ errichtet wurde, umgeben von Parkanlagen und einigen ehemaligen Datschas, die einst Peter der Große seinen treuen Ministern geschenkt hatte und in kommunistischen Zeiten von den Mächtigen der Partei genutzt wurden. Heute bezeichnet man als Datschas (russisch: datj = geben) auch Wochenendhäuser im ländlichen Milieu.

Dass der Name des Roten Platzes nicht auf die Kommunisten zurückzuführen ist, sondern auf die rote Kreml-Mauer - Rot war im Mittelalter die Lieblingsfarbe der Russen - und dass der Kreml eigentlich die Altstadt Moskaus ist, konnte nun auch geklärt werden, genauso wie die Tatsache, dass alle anderen Gebäude hier nach dem Brand von 1812, ausgelöst während der Besetzung durch Napoleons Truppen, entstanden sind.

Im Kreml selbst – eine Stadt in der Stadt – liegen viele verschiedene Bauten, Paläste, Hallen, Kirchen, Kathedralen. Unter den Sehenswürdigkeiten: eine zwanzig Tonnen schwere Kanone aus dem 17. Jh., aus der aber nie ein Schuss abgefeuert wurde, weil die Kugel zu groß geraten war. Und in unmittelbarer Nachbarschaft eine 200-Tonnen-Glocke, die nie auf einen Turm gelangen konnte und aus der ein 10-Tonnen-„Splitter“ abgebrochen ist. Sehenswert und von historischer Bedeutung ist das Neue Jungfrauenkloster, das von den französischen Besatzern unter Napoleon als Quartier in Besitz genommen wurde.

Bei deren Rückzug hätte die bereits verminte Anlage gesprengt werden sollen, doch die einzige verbliebene Nonne Sara – sie weigerte sich, das Kloster zu verlassen –, rettete es, indem sie die Leitungen zu den Pulverfässern durchtrennte. Außerhalb der Kreml-Anlage dominieren in nächster Nähe Bauten wie das Bolschoj (sprich: Balschoj)-Theater, das Museum für Geschichte u. a. das Stadtbild, das geprägt ist von Straßenmusikanten, fliegenden Händlern und Souvenirständen. Was in Moskau nur spärlich zu finden, weil nicht vorhanden: öffentliche WC-Anlagen sowie Portomarken, die nur auf versteckten Postämtern erhältlich sind: ein infrastrukturelles Manko. Dem Kreml gegenüber – auf dem Roten Platz – befindet sich das bekannte Luxuskaufhaus GUM (Gosudartswennyi universalnyi Magazin), in dem die wenigsten Moskauer Bürger sich einen Einkauf leisten können und lediglich als Schaulustige darin flanieren.

Man sollte unbedingt einen Besuch in der Tretjakow-Galerie einplanen, berühmt durch seine Ikonen-Sammlung und die Bilder der berühmtesten russischen Maler. Und dann gibt es noch etwa 80 Museen...

Deutschenhass? Längst Geschichte!

Als Deutscher kommt man wegen des Zweiten Weltkrieges mit gemischten Gefühlen nach Russland. Die Russen sehen es anders: „Wenn wir allen böse sein sollten, die unser Land angegriffen haben, dann müssten wir Tataren, Türken, Polen-Litauer, Schweden, Franzosen, Deutsche und andere hassen… Das ist Geschichte. Wir aber leben in der Gegenwart.“

Derzeit wird im Historischen Museum eine Ausstellung „1000 Jahre Deutsch-Russische Kulturbeziehungen“ gezeigt, die auch nach Deutschland wandern soll. Dazu: Fast alle russischen Zaren und Großfürsten waren mit deutschen Prinzessinnen/Herzoginnen etc. vermählt. Und auch die Vorzeigezarin Katharina II. - geboren am 2. Mai 1729 in Stettin; ab dem 9. Juli 1762 Kaiserin von Russland - war eine Deutsche: Herzogin von Holstein-Gottorf und ab 1793 Herrin von Jever. Sie ist die einzige Herrscherin, welcher in der Geschichtsschreibung der Beiname die Große verliehen wurde. Katharina II. war eine Repräsentantin des aufgeklärten Absolutismus. Auch umgekehrt heirateten viele russische Großfürsten in deutsche Lande. Deutsch ist – nach wie vor – Fremdsprache Nummer eins in Russland und man freut sich, deutsch plaudern zu können. Eine eiserne Disziplin herrscht überall – in Museen, auf Flughäfen, Bahnhöfen, in U-Bahn-Stationen, in den Zügen der Metro, wo man älteren Passagieren den Platz überlässt: Mitteleuropa kann sich da ein Beispiel nehmen! Auch die adrette Bekleidung wäre ein Vorbild für viele Mitmenschen unserer Breiten. Über das Moskauer Stadtgebiet dürfen keine Flugrouten führen und die Flughäfen sind weit außerhalb der Stadt, so dass man für den Transfer viel Zeit aufwenden muss.

Das im Westen meist einseitig vermittelte Bild von Moskau lässt Vorurteile entstehen, die man jedoch schleunigst ablegen sollte. Zu wertvoll sind Kunst, Kultur und Geschichte, als dass man sich vom politischen Status quo von einer Reise dorthin abhalten lassen darf.

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*