Ein Platz im Omnibus

Camelia Oprea und ihr Stipendium für Hochbegabte

Freitag, 16. September 2016

Sie sitzt, ein zierliches Persönchen, am Eingang zur Hermannstädter Stadtpfarrkirche und wartet auf Touristen. Ihr Sommerjob. Warum nicht, sagte sie sich, als dazu aufgefordert wurde, sich zu melden, um Besucher in mehreren Sprachen durch die Kirche zu führen. Camelia ist nett, entgegenkommend, kann sich aber auch zur rechten Zeit zurücknehmen. Von einigen der Touristen, meint Camelia, hat sie selbst zu lernen. Es ist nicht nur der Umgang in den drei Sprachen Deutsch, Rumänisch und Englisch. Einige Besucher stellen so diffizile Fragen wie diese: Warum gibt es die kleinen Löcher im Gewölbe? Da musste selbst sie passen, die doch so viel zu Geschichte und Architektur des ehrwürdigen Gebäudes gelesen hatte. Das Lustigste, was sie in diesem Sommer erlebt hat? Camelia erinnert sich an drei deutschsprechende Damen. „Oh, ich werde ohnmächtig!” stöhnte eine von ihnen, ließ sich gegen die fünfhundert Jahre alte Sakristeitüre fallen, und schon war diese einen Spalt breit offen. So kamen die drei schlauen Damen zu einem Blick in die an sich nicht zugängliche Sakristei der Kirche, einem Raum aus dem frühen 15. Jahrhundert!

Alle örtlichen Medien haben über Camelia Oprea schon berichtet. Ein Mathegenie, eine Hochbegabte, seit frühester Kindheit bei mathematischen Wettbewerben erfolgreich. Die Abiturprüfung vor zwei Monaten war für Camelia einer von vielen mathematischen Tests, keine besondere Aufregung wert. In ihrer bescheidenen Art schiebt sie die Erfolge auf Mentoren (die Mutter) und Lehrer (den überaus verehrten Martin Bottesch) an der Bruken-thalschule. Camelia will Informatik studieren und hat sofort einen Studienplatz in Aachen bekommen. Sie denkt daran, sich nach dem Grundstudium in medizinischer Informatik zu spezialisieren. Und dann, meint Camelia, möchte sie zurückkommen.

In Aachen, wo Camelia zunächst in eine Wohngemeinschaft mit drei Kommilitonen einzieht, wird sie vieles vermissen. Sie denkt ans so selbstverständliche offene Miteinander, ans „echte” Gemüse, an Hermannstadt und alles, was sie geprägt hat. In Aachen war Camelia noch nie. Sie hat sich teils auch deshalb für Aachen beworben, weil es dort nicht so extrem teuer ist wie in München zum Beispiel. Touristen haben ihr die Stadt beschrieben. Mit einer Mischung aus Neugier und unsicherer Spannung blickt sie in die Zukunft. Sauberkeit, Ordnung und ähnliche „deutsche” Tugenden erwartet sie am Studienort, aber auch neue persönliche Kontakte. Die Welt steht offen.

Ein strenges Auswahlverfahren und einen hürdenreichen Papierkrieg hat Camelia Oprea hinter sich. Aber sie ist eine von weltweit 95 Personen, die nach dem neuen Auswahlverfahren ein Studienstipendium für Hochbegabte des DAAD ergattern konnten. Nach dem „Prinzip Omnibus” vergibt der Deutsche Akademische Austauschdienst jährlich nur so viele Stipendien, wie Absolventen das System verlassen. Zusammen mit zwei weiteren Bruk-Absolventen und insgesamt 11 jungen Menschen aus Rumänien durfte Camelia in den Stipendien-Bus steigen. Eine Fahrt beginnt. Davor freut sich Camelia, die Unermüdliche, auf zwei letzte Auftritte als Tänzerin in der Volkstanzgruppe des Deutschen Forums Hermannstadt. Gute Reise, Camelia und mögest du den Wind im Rücken haben!

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