Die verstimmte Orgel des Jean Paul

Über die deutsche Sprache früher und heute/ Ein wehmütiger Kommentar eines ehemaligen Lenauschülers

Mittwoch, 17. Februar 2016

Foto: Zoltán Pázmány

Der Leser sei vorinformiert, der Autor lässt sich vorab entschuldigen: Dieser Text stammt von einem Absolventen des Temeswarer Nikolaus-Lenau-Lyzeums. Von einem, der stets auf seine Schule und seine Mitschüler stolz war, auf die dort erworbene Bildung, auf das gewisse Etwas, das den Lenauschüler unter den Schülern in Temeswar auszeichnete. Und von einem, der sich stets nicht nur an die Lenau-Strophe am Eingang links, unterhalb der Büste des Dichters, erinnern wird, sondern auch an die rote Tafel, die an der Wand eines Treppenhauses der „großen Schule“ hing, zwischen Erdgeschoss und erstem Stock, und auf der ein Satz des Klassikers Jean Paul zu lesen war: „Die deutsche Sprache ist die Orgel unter den Sprachen.“ Dem Autor seien also diesmal der Hauch Wehmut und die für seriösen Journalismus weniger geeignete persönliche Note verziehen.

Nebenbei bemerkt: Irgendwann, Anfang der 2000er Jahre, verschwand die Jean-Paul-Tafel, die aus Vorwendezeiten stammte. Eine Rumänischlehrerin ließ sie mit dem Konterfei Mihail Sadoveanus und mit einem von Schülern angefertigten Lebenslauf des Schriftstellers ersetzen.

Nun, wie es zurzeit um die Infrastruktur der Temeswarer Lenauschule bestellt ist, müssten die Leser dieser Zeitung wissen: eine seit Jahren andauernde Sanierung des Schulgebäudes in der Gheorghe-Lazăr-Straße, tausend Pannen bei der Finanzierung, ein mangelhaftes Bauprojekt, in der Lokalpresse ausgetragene Streitereien zwischen dem Bauherrn, der Stadt Temeswar, und dem Bauausführer, vor Kälte zitternde Grundschüler in einem umfunktionierten Dienstgebäude der Verkehrsbetriebe, andere Kinder in den zu Klassen umgebauten Schlafräumen des ehemaligen Schulinternats wie Sardinen in der Büchse zusammengedrängt. So droht also das mangelnde Interesse, ja, der böse Wille der Stadt Temeswar, einen Standortfaktor von außerordentlicher Bedeutung, diese Prestigeschule der Stadt und der Region, zu einer drittklassigen Einrichtung verkommen zu lassen, zu einem Schatten ihrer selbst.

Welches war und müsste auch weiterhin der wichtigste Vorteil eines Lenau-Absolventen sein? Selbstverständlich die deutsche Sprache. Jene Sprache, zu der sich über Jahrhunderte ein nicht geringer Teil des Bildungsbürgertums in Westrumänien hingezogen fühlte, und die zu beherrschen war, wollte man es im Leben zu etwas bringen. Nicht nur wegen Auswanderungsgedanken der späten 1980er oder der frühen 1990er Jahre, die ganze Sozialschichten plagten. Sondern weil es sich einfach so gehörte. In Temeswar und im ganzen Banat. Weil zum Beispiel meinen Eltern und den Eltern meiner Kollegen in der Grundschule und im Gymnasium in den 1990er Jahren die Mittelnote in Deutsch wichtiger war als jene in Rumänisch oder Mathematik, weil zum Beispiele viele orthodoxe Eltern ihre Kinder in den katholischen Religionsunterricht schickten, weil dort für eine zusätzliche Stunde pro Woche Deutsch gesprochen wurde. Und weil es Grundschul- und Deutschlehrerinnen, jüngere und ältere (in meinem Fall: Diana Oprea, Barbara Brucker, Clara Albotă, Cornelia Boroş, Magdalena Balogh, Lorette Brădiceanu-Persem), gab, die ihre Schüler nicht nur Goethes „Zauberlehrling” und Schillers „Handschuh” lesen ließen, sondern ihnen auch Syntax, Morphologie und Rechtschreibung in einem Maße beizubringen verstanden, die damals in Deutschland schon längst Vergangenheit war.

Dass dies so war, hat sicherlich dazu beigetragen, dass sich in Westrumänien Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum in so hoher Zahl angesiedelt haben. Kaum eines davon kann von sich behaupten, bislang keinen einzigen Absolventen der Lenauschule beschäftigt zu haben; man trifft ehemalige Schulkollegen in den verschiedensten deutschsprachigen Betrieben, von Großsanktnikolaus bis Orschowa.

Die deutschsprachige Wirtschaft im Banat braucht den Nachwuchs und weil dies so ist, unterstützt sie selbst die Ausbildung dieses Nachwuchses, inzwischen auch im universitären Bereich. Und vor diesem Nachwuchs, etwa zu zwei Drittel aus der Lenauschule kommend, habe ich die Ehre, an der Hochschule auf Deutsch Volkswirtschaftslehre vorzutragen. Es sind clevere junge Menschen, aufgeschlossen, sympathisch und humorvoll, allemal noch ein bisschen verspielt. Als gewesener Lenauschüler erkenne ich sie, die ehemaligen Lenauschüler, sofort. Der Unterricht macht, wie ich hoffe, beidseitig Spaß; für ökonomische Sachverhalte haben die meisten bereits ein Gespür.

Mit dem für die deutsche Sprache aber hapert es an allen Ecken und Enden. Nur mit Mühe und Not können sich die meisten der Studierenden auf Deutsch ausdrücken, beim Schreiben möchten sie am liebsten auf das Rumänische ausweichen, Fragen werden zunächst auf Rumänisch gestellt. Werden diese von mir ignoriert, bekomme ich sie auch auf Deutsch zu hören, aber dann oft mit einem anderen Sinn als die rumänische Originalfrage. Mehrmals stellten sie also die Bitte, die Prüfungsarbeit „auch” auf Rumänisch schreiben zu dürfen. Und dann die große Angst: „Werden wir auch für unsere Sprache benotet?” Nein, aber ich muss trotzdem verstehen können, was der Studierende auf Deutsch schreibt. Ist dies aufgrund einer derart fehlerhaften Ausdrucksweise unmöglich, dann spiegelt sich das natürlich in der Benotung wider.

Das letzte auf Deutsch gelesene Buch? Vorgeblich „Faust”. Irgendwann in der 11. Klasse. Vor mehr als zwei Jahren also. Abiturprüfung in Deutsch? Selbstverständlich bestanden, die meisten mit hohen und Höchstnoten. Genauso auch das Deutsche Sprachdiplom. Dabei wird alles ins Rumänische übersetzt und dann ins Deutsche rückübersetzt, mit groben Fehlern, teilweise auch bei den wenigen Muttersprachlern unter ihnen. Als eine Last wird diese deutsche Sprache empfunden, eine vom Vortragenden erdachte zusätzliche Tortur für den ohnehin rundum geplagten Studierenden. Dabei müsste sie doch ihr größter Vorteil sein, ihr Pluspunkt, ihre zusätzliche Chance bei jedwelchem Bewerbungsgespräch, heute und morgen.

Dass sich der allgemeine Verfall von Schule und Bildung in Rumänien in jüngster Zeit deutlich beschleunigt hat, lässt sich wohl nicht leugnen. Über Ursachen und Hilfsmittel zu sprechen, spränge aber den Rahmen dieses Zeitungsbeitrags. Dem Verfall der deutschen Sprache an einer deutschsprachigen Eliteschule dieses Landes muss aber entgegengewirkt werden. Jean Pauls Orgel ist verstimmt. In einer Zeit, in der viele glauben, die deutsche Sprache - und jede andere Sprache auch - lasse sich innerhalb von ein paar Wochen über Internetplattformen und YouTube-Videos erlernen, kann nur eine Schule wie das Lenau-Lyzeum den Unterschied ausmachen. Indem Lehrer, Eltern und Schüler sich darauf besinnen, dass das wertvollste Gut der Absolventen die Pflege der deutschen Sprache ist. Und bleiben muss.

 

Kommentare zu diesem Artikel

Dieter, 17.02 2016, 20:04
Wie bringt man Jean Pauls Orgel zurück? Ich hatte, als ich im Jahre 2000 an der Lenauschule begann, die Tafel nicht mehr sehen dürfen. In den Folgejahren bis 2008, dem Jahr meines Weggangs, waren anfangs noch so gute Deutschkenntnisse der Absolventen feststellbar, dass anerkennende Rückmeldungen vom an der West-Universität lehrenden deutschen Professorenpaar Müller-Rytlewski eintrafen. Noch heute schwärmen sie nicht nur vom Sprachvermögen, sondern auch von den Reflexionsfähigkeiten der Lenauschüler. Ein stetiger Abwärtstrend machte sich m.E. ab ca. 2005/2006 bemerkbar, wobei zahlreiche Faktoren beitrugen: Eltern erwarteten unrealistisch hohe Benotungen, um in den Genuss von Stipendien zu gelangen. Ich selbst gab wegen der Vergabe einiger Durchschnittsnoten Anlass zu wütenden Elternkommentaren; man warf mir vor, die rumänischen Schüler für "dumm" zu halten, spielte damit eine nationale (nationalistische) Karte. Viele Schüler versuchten wegen des häuslichen Friedens mit allen, auch unerlaubten Mitteln (Plagiaten), Bestnoten abzustauben. Die Lehrer standen nicht selten zwischen der (über)fordernden Elternschaft, eigenen materiellen Zwängen und der Obrigkeit in Gestalt des Inspektorates, das in mir genau bekannten Fällen den Elterndruck verstärkt an Lehrer weiter gab mit dem Ergebnis, dass diese die Lust am Lehren verloren und sich quasi in eine innere Emigration begaben. Selbst deutsche Behörden, sofern sie in strittigen Fällen von deutschen Lehrkräften zwecks Klarstellung angerufen wurden, vertraten gelegentlich die Meinung, der aus Deutschland entsandte Lehrer sollte sich bei der Notengebung den einheimischen Gepflogenheiten anpassen, was mit der Vergabe unrealistisch hoher Noten und der Frustration eben dieser Lehrer endete. Sprache beginnt bereits im Elternhaus, in Kindergarten und Grundschule. Selbst wenn ersterem heute als Sprachenmittler keine große Bedeutung mehr zukommt, wären Kindergarten und Grundschule genauer unter die Lupe zu nehmen. Und weil in diesem jungen Alter die musikalische Erziehung besonders hoch gewertet wird, wäre zu überlegen, ob Jean Pauls Orgel nicht in der Grundschule aufgehängt werden müsste.

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