Ein riesiger Krake mit schmutzigen Fangarmen

Bukarest und seine Randviertel – die Machalla

Freitag, 07. September 2012

Die Machalla der Armen (Mahalaua Calicilor) im 19. Jahrhundert

„Machalla, Machalla, Nest der Träume, wir sind verbunden wie Geschwister“ („Mahala, mahala, cuib de vise, legaţi sîntem ca doi buni fraţi“), so klingt das Lied „Am Rand Bukarests“ aus den Dreißigern. Die Geschichte der Machalla beginnt aber viel früher, bevor der Begriff seine pejorative Bedeutung bekam.

Eine Stadt oder eine Anhäufung von Dörfern?

Ursprünglich verstand man unter „Machalla“ Stadtteile und damit wurde nichts Negatives gemeint, es war einfach eine urbane Substruktur. Das Wort stammt aus dem arabischen „mahalle“ und ist durch das Türkische ins Rumänische gekommen. Im Bukarest der Phanariotenzeit (im 17. und 18. Jahrhundert) bezeichnete die „Machalla“ eine Verwaltungseinheit, ähnlich denen in Konstantinopel. Zum ersten Mal wurde das Wort in einem Dokument vom Fürsten der Walachei Alexandru Coconul im Jahre 1626 erwähnt. Die „Machalla“ weist auf ein urbanes Phänomen hin, das spezifisch für das Morgenland ist: Da Bukarest keineswegs das Ergebnis einer rigorosen Stadtplanung ist, sondern eine recht unorganisierte Ortschaft war, bildeten sich chaotisch immer mehr Machalla-Randviertel.

Die Stadt hatte sich entlang von Wegen und Straßen entwickelt. Der rumänische Schriftsteller Henri Stahl beschrieb Bukarest als einen „riesigen Kraken mit langen, schmutzigen Fangarmen – das sind die Straßen der Stadt mit einer unendlichen Reihe von Kneipen.“ Ein fremder Reisender vergleicht das Bukarest des 18. Jahrhunderts sogar mit einer Anhäufung von afrikanischen Dörfern: Staub, enge, übelriechende Straßen gehörten zum Alltag. Der Müll wurde auf die Straße geworfen und das Wasser in den Brunnen war meistens nicht trinkbar. Bukarest war voller Schlamm, überflutet vom Dâmboviţa-Fluss und hatte sehr viele Gärten mit Bäumen.

Trotz alledem gab es eine kosmopolitische Atmosphäre – die Bojaren und Händler trugen teure Kleidung in auffallenden Farben und Schmuck. Der phanariotisch-griechische Fürst Nicolae Mavrogheni fuhr in verzierten Kutschen, die von Hirschen gezogen wurden. Es war sicherlich ein kontrastreicher Ort, wo sich all das mit der reinsten Armut mischte.
In einer Bukarester „Machalla“ herrschte eine dörfliche Atmosphäre, denn die Stadt war in  früheren Zeiten von Dörfern umgeben.

Die Randviertel wurden in fünf „plăşi“ eingeteilt: Plasa Târgului, Plasa Gorganului, Plasa Broşteni, Plasa Târgului de Afară, Plasa Podului Mogoşoaiei. Die Namen stammen von den Kirchen, die den Kern der Gemeinde bildeten, oder den Handwerkergruppen, die da lebten. Dementsprechend wurden die Bewohner nach sozialen Schichten, Volkszugehörigkeit oder Religion eingeteilt. Ähnlich wurden auch die dazugehörenden Straßen benannt.

Im 19. Jahrhundert beginnt aber die Periode der abendländischen Einflüsse. Neue Strukturmuster und Standards wurden eingeführt. Dank der französischen und deutschen Einflüsse wurde die Innenstadt immer abendländischer und der Kontrast zu den Siedlungen am Rande immer auffälliger. Eine chronologische Ungleichheit entsteht zwischen Innenstadt und Rand. Ab jetzt  bekommt die Machalla einen schlechten Ruf: Der Begriff bezieht sich auf eine bestimmte Stadtlandschaft und soziale Klasse. Im Raum der Machalla identifizierten sich die Bewohner mit einem bestimmten Ort, der Kirche oder ihren Bekannten. Hier entstand das Zusammengehörigkeitsgefühl, das in einer Großstadt nicht gepflegt werden konnte. So könnte man die Anwesenheit gegensätzlicher Elemente aus dem Osten und Westen erklären. Parallel dazu entwickelten sich urbane und dörfliche Eigenschaften.

Ein Schuh für Geld, der andere umsonst

Zu den Paradiesvögeln Bukarests im 19. Jahrhundert gehörte auch Cibili Moise. Ihn konnte man meistens auf der Brücke der Armen, in der Machalla mit demselben Namen („Podul Calicilor“, heute Rahova-Brücke) finden. Er war eine der malerischen Figuren der Hauptstadt, trug immer orientalische Kleidung und hatte eine lange, türkische Pfeife. Cilibi Moise war ein geistreicher moldauischer Jude, der sich als ambulanter Händler betätigte, ein hervorragender Erzähler, der sich Sprichwörter und Anekdoten von Menschen merkte.

Der geborene Philosoph ironisierte Gepflogenheiten, schätzte Arbeit und Ehrlichkeit hoch und ließ Broschüren drucken, die er zusammen mit seinen Kleinigkeiten verkaufte. Außerdem zog er seine Kunden mit gekonnten Werbesprüchen an: „O gheată pe bani, alta de pomană“ (Ein Schuh gegen Geld, der andere unentgeltlich) oder „Marfă ruptă gata pe un sfanţ bucata“ (Bereits zerbrochene Ware, ein Zwanziger pro Stück). Obwohl er sehr bekannt wurde, ist Cilibi Moise in Armut gestorben.

Begierde, Ehebrüche oder unerfüllte  Liebe

Die Machalla-Bewohner waren harte Menschen, mit rohen Umgangsformen, Worten oder Späßen. Eine bestimmte Art von Musik hat sich hier entwickelt, die zu ihrem Leben passte. Die vorstädtische Folklore thematisierte schon Anfang des 19. Jahrhunderts Laster und Verderben, in Liedern besang man außereheliche Beziehungen und Liebeskummer. Die Geschichten über Lust und unerfüllte Liebe wurden als unerschöpfliche Inspirationsquellen von den Musizierenden genutzt. Objekte der lustvollen Leidenschaft waren beispielsweise die Ehefrauen oder Töchter der Nachbarn. Die Lieder ermutigten die Triebe, die die Menschen zu beherrschen scheinen.

Erwartungsgemäß spricht kein Vers über die Wichtigkeit der Ehe oder der Entwicklung der Gefühle. In den Kneipen oder bei verschiedenen Festen der Bewohner am Rand der Stadt wurden die Lieder immer wieder gesungen.
Die Musikanten heißen „lăutari“ (das Wort kommt aus dem Türkischen), die meisten waren Zigeuner, die nicht den Status von kultivierten Instrumentalisten hatten. Sie befanden sich aber in einer besonderen sozialen Position: Sie wurden als Diener des Herrn, der Bojaren oder der Klöster betrachtet. Sie hatten die Freiheit zu musizieren, wo und wie sie wollten, aber sie mussten dem Herrn eine Gebühr zahlen.

Die Gruppe, in der sie zusammen spielten, heißt „taraf“ (auch türkischer Abstammung). Ihre Lieder behandelten Themen aus dem Dorfleben, aber auch aus der Stadt. Im Laufe der Zeit hat sich ihre Spielweise geändert, da die Musik immer von der Nachfrage des Publikums abhing – manchmal waren es die Bauern, die sich in den halb dörflichen Teilen der Stadt niedergelassen hatten, oder Handwerker, Soldaten, Diener, ehemalige Häftlinge.

Ein einheitlicher Stil entstand erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Zigeunermusik („muzica lăutărească") blühte in dieser Periode auf. Diese Art Musik mit balkanisch-orientalischen Einflüssen wurde in kurzer Zeit bei immer mehr Bukarestern beliebt. Die bekanntesten Musiker der Zwischenkriegszeit waren Cristian Vasile, Jean Moscopol und Zavaidoc. Berühmt war das Lied „Zaraza“, das von einer sehr schönen Zigeunerin handelt, einer Frau mit „süßer Leidenschaft und sündhaft funkelnden Augen“ („în ochi patimi dulci şi luciri de păcat“), in die sich viele Männer verliebt haben. Die Geliebte von Cristian Vasile soll wegen eines Konflikts mit einem anderen Sänger (wahrscheinlich Zavaidoc) ermordet worden sein. Nach ihrem Tod war der zarte Sänger verzweifelt. Man sagt, er habe die Aschenurne gestohlen und vier Monate lang die Asche seiner verlorenen Geliebten gegessen, so jedenfalls die Legende.

Das Gefühlsleben in der Machalla und wie es ausgedrückt wurde

Maria Tănase, die weltberühmte Volksliedersängerin, gehörte auch zu der Welt der Bukarester Machalla, sie wohnte nämlich in Cărămidari. Ihr Vater, Ion Tănase, kam aus einem Dorf in Oltenien. Seine erste Arbeit in Bukarest war, Lokum und kaltes Wasser vor dem Eingang des Cişmigiu-Parkes zu verkaufen. Später arbeitete er im Botanischen Garten, wo er seine Frau, Ana Munteanu, aus Fogarasch traf. Von einem Griechen kaufte das Ehepaar ein Haus mit Schilfrohrdach und einen Garten in der Machalla Cărămidarii de Jos. Hier errichteten sie ein Gewächshaus, um Blumen zu verkaufen. Maria Tănase ist in der Machalla geboren und groß geworden.

Das Kind wird zu einer rebellischen jungen Frau, die selbst die wohlbekannten  Probleme der Machalla durchlebt. Mit 16 verliebt sie sich Hals über Kopf in einen Arzt, der sie schwängert. Die Episode endet traurig, danach kann sie keine Kinder bekommen und lässt letztendlich ihren Schmerz durch Musik laut werden („Cine iubeşte şi lasă“ – Wer liebt und verlässt, heißt eines ihrer bekanntesten Lieder). Obwohl ihr Lebensstil teilweise städtisch ist (sie ist Stammgast im Capşa-Haus), ist ihre  Inspirationsquelle das dörfliche Leben und die Verbindung zwischen den beiden war organisch, da die Gesellschaft in der Bukarester Machalla auch in den zwanziger Jahren vorwiegend dörflich war. Während einer ihrer Auslandsreisen hat sie eine Liebesgeschichte in Paris mit Constantin Brâncuşi erlebt, der ebenfalls vom Land kam.

Das Leben heute in den alten Machalla-Vierteln, die jetzt nicht mehr am Stadtrand liegen, weil sie von großen Stadtteilen mit Plattenbauten umgeben sind, ist mehr oder weniger von Gefühlen beherrscht, aber sicherlich ist es von großer Intensität. Das Städtische und das Dörfliche fließen wie eh und je ineinander, der Kampf ums Dasein wird keinem erspart und dazu kommt noch der Liebeskummer. Es ist ungeschönt, unverfälscht und mit Samthandschuhen wird keiner angefasst, aber völlig authentisch. Deshalb ist es unmöglich, die Machalla zu verlassen: „Von deinem Rand, Bukarest, würde ich nie weggehen, egal wie schlecht es mir ginge, auch wenn ich Erde essen und Wasser aus deiner Abflussrinne trinken müsste“, sang Gică Petrescu.

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