Ein Schicksal im Schatten der Vergangenheit

Wie ein Banater Journalist von vor 1989 die damalige Welt erklärt

Samstag, 13. Mai 2017

Nur wenige der ehemaligen Granden des kommunistischen Regimes haben nach 1989 ihre Memoiren veröffentlicht, mit einigen von ihnen haben verschiedene Historiker Gespräche geführt und diese dann entweder direkt als solche veröffentlicht oder in ihren Arbeiten zum rumänischen Kommunismus verwertet. Einige der Spitzenfunktionäre der Rumänischen Kommunistischen Partei kamen so zu Wort, angefangen von Ion Gheorghe Maurer, dem Premierminister der Jahre 1961 bis 1974, bis hin zu den Unterzeichnern des Briefes der Sechs, einem inzwischen fast vergessenen Protestschreiben sechs ehemaliger Kommunisten von Rang, die Ceauşescu kaltgestellt hatte und die im Frühjahr 1989 über den Sender Freies Europa die Politik des Diktators kritisierten. Einige der alten Parteibonzen, zum Beispiel der 2008 verstorbene Paul Niculescu-Mizil oder der allseits gefürchtete Dumitru Popescu (genannt „Dumnezeu“, der Gott), hielten es für richtig, der Nachwelt den Kommunismus und insbesondere ihre Rolle beim Aufbau desselben selbst zu erklären, veröffentlichten also ihre Erinnerungen.

Selbstbeschönigend, wie eben Erinnerungen, Tagebücher und andere solche Schriften nun einmal sind. Dass es dann Historiker wie beispielsweise Vladimir Tismăneanu gibt, die in ihren Büchern die Gestalten des rumänischen Kommunismus, vor allem den inneren Zirkel um Nicolae Ceauşescu, in das richtige Licht rücken, ist entsprechend zu würdigen.
Aber was nun mit den kleineren Gestalten, den weniger wichtigen, mit jenen, die 1989 zwar in verschiedenen Ämtern saßen, über genügend Macht verfügten, um zumindest ihnen, ihrer Familie und einer mehr oder minder breiten Klientel das Leben schöner zu gestalten, für die sich aber die große Geschichte nicht interessiert? Die Kreisparteisekretäre, die Chefredakteure der Lokalzeitungen, die Leiter niedrigerer Ämter und Behörden, die Aktivisten an der Basis? Die müssen selbst zur Feder greifen, wenn sie sich rechtfertigen wollen, wenn sie der Nachwelt das von ihnen Erlebte erklären wollen.

Eine solche Gestalt ist der in Semlak/Semlac im Kreis Arad geborene Teodor Bulza, von Beruf Journalist, 1984 bis 1989 Chefredakteur des Temescher Kreisparteiorgans „Drapelul Roşu“, im Dezember 1989 kurzzeitig verhaftet, aus der Redaktion des „Luptătorul Bănăţean“, der heutigen „Renaşterea Bănăţeană“ entfernt. Der Mann, damals 40 Jahre alt, ging nach Bukarest, es halfen ihm die Freunde von vorher, die der Causa treu geblieben waren, Adrian Păunescu zum Beispiel, aber auch andere, er schrieb für die Tageszeitung der Front der Nationalen Rettung, „Azi“, konnte dann eine Druckerei gründen, wurde zum Geschäftsmann, druckte Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, ohne Rücksicht auf die politische Couleur oder die Sprache. Er druckte auf Rumänisch, auf Ungarisch und auf Deutsch, unter anderem für eine Zeit auch die „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien“. Dann nahm der Gemäldesammler seinen Hut, ging in den Ruhestand, wurde zum Ehrenbürger in Semlak und zum Großvater, seine Töchter leben in Deutschland und in Spanien. Und er schrieb ein Büchlein, „Umbra care mă însoţeşte“ (Der Schatten, der mich begleitet), das 2016 im quasi unbekannten Temeswarer Verlag David Press erschienen ist.

Vom literarischen Wert des 251 Seiten starken Buches möge man absehen, interessant ist die Gedankenwelt, auch der Wertekanon eines Menschen, der in den 1960ern und 1970ern, aus ärmlichen Verhältnissen kommend, die Chancen der sozialistischen Gesellschaft zu nutzen wusste und es weit gebracht hatte. Mit 35 Jahren war Bulza Chefredakteur einer Lokalzeitung, die im damaligen Rumänien nach den Zentralblättern die größte Auflage erreicht hatte. Er ging bei den damaligen Ersten Parteisekretären des Kreises Temesch ein und aus, tummelte sich in der gehobeneren Temeswarer Gesellschaft wie der Fisch im Wasser, empfing Nichita Stănescu und Adrian Păunescu, begleitete sie auf ihren Besuchen im Banat, und war im Dezember 1989 dienstlich bedingt mit von der Partie. Er war auf dem Balkon der Temeswarer Oper dabei, dem Volke soll er gesagt haben, die Zeitung stehe nun in seinen, des Volkes, Diensten. Dem ratlosen Ersten Kreisparteisekretären Radu Bălan und dem aus Bukarest herbeigeeiltem ZK-Mitglied Ion Coman sagte er, sie sollen Ceauşescu nach Temeswar holen. Und dem rumänischen Botschafter in Bonn soll er irgendwann in den 1980er Jahren erzählt haben, dass das Gebäude der Botschaft der Sozialistischen Republik Rumänien in West-Deutschland zu groß sei, man hätte sich das Geld sparen können, denn die wahre Hauptstadt Deutschlands sei anderswo. Kein Dissident, kein Antikommunist, aber eben einer, der, so behauptet er es zumindest im Nachhinein, seine Denkfreiheit bewahrt hat.

Dass das nur teilweise stimmt, dass der Mann in den Denkmustern des rumänischen National-Kommunismus gefangen bleibt, beweist das Buch eindringlich. Zwei Themen sind an dem Erinnerungsbuch Bulzas von Interesse: seine Beziehung zu und seine Meinung über die Banater Deutschen und seine Rolle im Dezember 1989. An beiden Themen ist die Unüberwindbarkeit kommunistischer Denkschablonen in so manchen Köpfen klar ersichtlich.

Teodor Bulza ist ein Freund der Deutschen, ein Freund der Banater Schwaben, er hat sie in Semlak, wo er 1949 geboren wurde, und in Triebswetter/Tomnatic, wo er aufgewachsen ist, kennengelernt und geschätzt. Und natürlich in Temeswar, wo er die Redaktionen des „Neuen Weg“ und der „Neuen Banater Zeitung“ gekannt und wo er Freundschaften geknüpft hat. Für ihren Fleiß und für ihren Ordnungsgeist, für ihre gepflegten Häuser, für ihren Wohlstand, für ihre Treue lobt er die Schwaben. Über viele Seiten seines Buchs, auf dessen Umschlag ein Stefan-Jäger-Bild aus seiner eigenen Kollektion reproduziert ist. Aber er hat auch die Kälte der Banater Deutschen kennengelernt, ihre kalte, geschäftlich anmutende Höflichkeit. Und ihr mangelndes Interesse an der Politik, ihr Wille, in Ruhe gelassen zu werden.

Er wird nicht müde zu wiederholen, dass es sich bei den Rumäniendeutschen um eine Art Dauergäste auf rumänischem Boden handelt. Zwar nennt er sie nicht direkt so, aber der Gedanke ist unmissverständlich: Als solche haben sie sich als brave Bürger des sozialistischen Vaterlandes zu benehmen, wenn sie aufmotzen, wie Herta Müller zum Beispiel, dann ist es nicht mehr gut. Von der Geschichte der Aktionsgruppe Banat und dem persönlichen Schicksal Herta Müllers, inklusive dem Nobelpreis, versteht Teodor Bulza nicht allzu viel. Oder er versteht eben das, was er verstehen kann: als Produkt der kurzlebigen Tauwetterperiode der Endsechziger, ge-wissermaßen als Technokrat, den die Partei an die richtige Stelle setzt. Gebildeter und angenehmer im Auftreten als die Kommunisten der ersten Stunde, der fünfziger Jahre also, vertritt er selbstverständlich die Thesen, mit denen er aufgewachsen ist. Bulzas Seiten über die Banater Deutschen hätten genauso gut im Kreisparteiorgan „Drapelul Roşu“ oder nach 1990 in einem x-beliebigen Blatt Adrian Păunescus oder Corneliu Vadim Tudors erscheinen können, man hätte keinen Unterschied ausmachen können. Es gibt natürlich die guten Deutschen, deren Liste ist lang, es sind die Nachbarn im Dorf, es ist ein Mädchen aus Wiseschdia, ein schönes Mädchen, an dessen Namen sich der Autor nicht mehr erinnern kann, es sind die Kollegen im Pressehaus. Aber es gibt auch die bösen Deutschen, besser gesagt, eine böse Deutsche gibt es, Herta Müller. Schreibthemen von Format hätte sie bei ihren Landsleuten schon finden können, aber ihr ging es bloß um das schwäbische Bad. Kein Kommentar.

Nun, im Dezember 1989 war Teodor Bulza dabei. Er war vor dem Pfarrhaus von László Tökes, er war am Balkon der Oper, er war im Pressehaus und auf dem Uni-Campus, er war in der „judeţeana de partid“, dem Sitz des Temescher Kreisverbandes der RKP, er war dabei. Seine Sternstunde. Seine schwerste Stunde. Alles in einem, alles zusammen. Dass während der blutigen Tage des Temeswarer Volksaufstandes so mancher sein wahres Gesicht gezeigt hat, dass faule Hinterbänkler im Nu zu großen Revolutionären wurden, dass im Nachhinein vieles vergessen wurde, dass sich der eine oder andere an das Gute, das ihnen damals getan wurde, nicht mehr erinnern wollte, dass Freunde zu Feinden und umgekehrt wurden, das alles sieht Bulza mit richtigen Augen. Vor ihm brechen Welten zusammen, die große wie die kleine, sie versinken blitzschnell in Asche. Und in der neuen Welt muss der 40-Jährige sich zunächst einmal zurechtfinden, dies gelingt ihm, genauso wie vielen anderen kleinen bis mittelgroßen Pfeilern des verschwundenen Regimes nur allmählich.

Er rettet sich, er kann sich retten. Und muss die Hinterlassenschaft seiner Welt verteidigen, die Zerstörung des Landes nach 1989 beklagen. Insofern ist Bulzas Buch wenig originell, der Leser weiß, worauf er sich eingelassen hat: die Verschwörung, die vielen Ladas mit sowjetischem Kennzeichen, die Fremden, von denen es in Temeswar nur so gewimmelt hat, der Staatsstreich, die Zerstörung der Wirtschaft, die Verelendung des Volkes. Die besondere menschliche Qualität einiger in der Parteiführung: der Erste Sekretär Mihai Telescu, der Erste Sekretär Radu Bălan, der Propagandasekretär Eugen Florescu (?!?). Kluge Menschen waren das, die unter den damaligen Umständen das Beste erreichen konnten. Knapp 30 Jahre nach der Revolution erinnert sich kaum noch einer an diese Figuren, obwohl Dunkelgestalten wie jene Eugen Florescus zumindest die Historiker beschäftigen sollten.

Allein eine Frage bleibt offen: Wie kommt es, dass ein gebildeter, ein belesener, ein intelligenter Mensch, so viele Jahre nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Universums nicht begreift, dass es sich im Grunde um ein kriminelles Universum gehandelt hat? Oder wird auch hier, wie so oft, nur ein Image zurechtgebogen, eine Halblüge am Leben erhalten? Wem helfen die Weißtöne auf dem stockfinsteren Gemälde der kommunistischen Vergangenheit außer vielleicht dem Autor selbst?

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