Ein schwarzer Sklave und ein deutscher Zahnarzt auf Kopfgeldjagd

Quentin Tarantinos Western „Django Unchained“ im Kino

Samstag, 16. März 2013

Wie immer man sich zu Quentin Tarantinos Filmen stellen mag, ob man sich von seinen Gewaltorgien, die nicht selten mit Hilfe ironischer Zitate von Splatter-Movies überzeichnet dargestellt werden, angezogen oder abgestoßen fühlt, ob man seine Rache- und Vernichtungsphantasien moralisch verurteilt oder kathartisch genießt, man wird auf jeden Fall in seiner Reaktion nicht indifferent bleiben, wenn man sich dem Erlebnis eines Tarantino-Films aussetzt.

Vor Kurzem ist sein jüngstes Werk, der Western „Django Unchained“, in die Kinos gekommen. Mit diesem Opus findet Tarantino als Regisseur schließlich auch im eigentlichen Sinn zum Western-Genre, das ihn seit seinem ersten Kinofilm „Reservoir Dogs“ szenisch, motivisch oder musikalisch beschäftigt und dem er in gewisser Weise auch biografisch verpflichtet ist: Seinen Vornamen Quentin verdankt der preisgekrönte Regisseur, Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor nämlich der Figur des Quint Asper aus der Westernserie „Gunsmoke“ (Rauchende Colts), der damals von Burt Reynolds verkörpert wurde. Seinen vorletzten Film „Inglorious Basterds“, der während des Zweiten Weltkriegs im besetzten Frankreich spielt, bezeichnete Tarantino sogar einmal als Spaghetti-Western, obwohl Geschichte und Personal der französischen Résistance wenig mit dem Genre des Italowestern gemein haben.

„Django Unchained“ spielt im Jahre 1858, drei Jahre vor Ausbruch des Sezessionskrieges, und zwar in den amerikanischen Sklavenhalterstaaten, die sich 1861 zu den Konföderierten Staaten von Amerika zusammenschlossen, bis sie nach ihrer Niederlage im Amerikanischen Bürgerkrieg 1865 wieder in den Schoß der USA zurückkehrten. Tarantinos Western ist also eher ein ‚Southern’, der im tiefen Süden spielt und in dem der Ku-Klux-Klan avant la lettre seinen kavalleristischen Auftritt hat. Django ist hier, in Texas und Mississippi, kein Pistolero, der – wie in Sergio Corbuccis „Django“ (1966) – sein Maschinengewehr in einem Sarg hinter sich herzieht, sondern ein schwarzer Sklave, der bei einem Überfall auf einen Sklaventransport buchstäblich von seinen Ketten befreit wird, was auch den Titelzusatz „unchained“ erklärt.

Sein Befreier ist ein Deutscher mit Namen Dr. King Schultz, ein Zahnarzt, der sich aber schon vor Jahren auf den weitaus lukrativeren Job eines Kopfgeldjägers verlegt hat. Der Grund für die – unter Wahrung des geltenden Rechts vollzogene – Befreiung Djangos aus der Sklaverei ist jedoch kein ideologischer, sondern ein praktischer: Django Freeman (so sein neuer Name als freier Mann) weiß, wie die drei Mitglieder einer Mörderbande genau aussehen, die Dr. Schultz zur Strecke bringen möchte, um die auf sie ausgesetzten Kopfprämien zu kassieren. Schnell erkennt Dr. Schultz Djangos Qualitäten als Menschenjäger wie als Scharfschütze und macht ihn bald zum Teilhaber seines blutigen Geschäfts, das er selbst zynisch als „flesh-for-cash-business“ bezeichnet. Immerhin befördere er, so Schultz zu Django, im Vergleich mit den Sklavenhändlern keine Schwarzen, sondern nur Weiße in die ewigen Jagdgründe, keine unschuldigen und wehrlosen Opfer, sondern nur als Mörder verurteilte Täter.

Als Dr. Schultz erfährt, dass Djangos Frau den verballhornten Namen Broomhilda („Besenhilde“) trägt, erzählt er ihm die Brünnhilde-Sage in der Wagnerschen Version und macht ihn damit symbolisch zum schwarzen Siegfried, der nun nicht die von der Waberlohe abgeschirmte Wotanstochter, sondern seine versklavte und im buchstäblichen Sinne gebrandmarkte Ehefrau finden und befreien muss. Überhaupt ist Dr. Schultz in seinem Auftreten als bekennender Deutscher stets höflich und korrekt. Er erschießt nur Leute, die rechtskräftig verurteilt sind, führt dabei immer den jeweiligen Exekutionstitel mit sich, hat angesichts der Unterdrückung der Sklaven ein permanent schlechtes Gewissen, achtet auf Umgangsformen, trinkt gelegentlich ein Bier, ist zuvorkommend und kultiviert, liebt die Sprache, insbesondere die deutsche, schätzt die wahre Kultur, was er dadurch bekräftigt, dass er ein Beethovensches Musikstück unterbricht, weil es die Unterzeichnung eines Sklavenkaufvertrags musikalisch untermalen soll.

Die Suche nach Djangos Frau wird für die beiden Kopfgeldjäger zu einer gemeinsamen Bildungsreise, bei der der Schwarze vom Deutschen Selbstbeherrschung beigebracht bekommt und der Deutsche vom Schwarzen lernt, seinen Emotionen freien Lauf zu lassen. Diese Befreiung der Emotionen, die für Dr. Schultz auch eine quälende Intensivierung des Mitleids mit den geknechteten Sklaven bedeutet, führt jedoch geradewegs in die Katastrophe. Als der unmenschliche und brutale Plantageneigentümer Calvin Candie ihn zu einem Handschlag zwingen möchte, um den Verkauf von Djangos Ehefrau zu besiegeln, erschießt er den Großgrundbesitzer und wird darauf von dessen Leuten getötet.

Das Happy End, die Vereinigung der mehrfach versklavten und mehrfach getrennten Ehegatten Django und Broomhilda, findet schließlich dann doch noch statt, nach einem fulminanten Showdown, bei dem viele Kilos Blei durch die Luft pfeifen, viele Liter Blut durch die Gegend spritzen und einiges mit Hilfe von Dynamit in die Luft fliegt, so ein ganzer Kolonialpalast oder auch bloß ein Sklaventreiber, verkörpert durch den Regisseur selbst.

Die schauspielerischen Leistungen sind im ganzen Film ein einziger Genuss! Allen voran Christoph Waltz in der Nebenrolle des Dr. King Schultz, die eigentlich eine Hauptrolle ist, ebenso Leonardo DiCaprio als Calvin Candie, Samuel L. Jackson als dessen Diener Stephen und last but not least Jamie Foxx in der Titelrolle! Bis in kleinste Nebenrollen, ja bis in die Statisterie hinein ist der Film exzellent besetzt: Franco Nero, der Hauptdarsteller aus Corbuccis „Django“, hat einen kurzen Auftritt, Don Johnson gibt den Plantagenherrn Big Daddy grandios, und viele Gesichter und Gestalten, die man sieht, sind höchst beredt, auch wenn sie keinen Ton von sich geben.

Wie in allen Filmen Tarantinos spielt auch in „Django Unchained“ die Musik eine große Rolle: Neben Originalkompositionen, unter anderem von Altmeister Ennio Morricone, werden eine Reihe von Filmmusiken, vorzugsweise aus älteren Italowestern, in Tarantinos „Django Unchained“ hörbar, ferner ein Song von Johnny Cash, Beethovens „Für Elise“ in einer Bearbeitung für Harfe und andere Musikstücke, die Tarantino wie in seinen anderen Filmen gekonnt miteinander kombiniert. Unvergesslich dazu die Ritte in traumhafte Naturszenerien hinein, oder der Rachegalopp von Jamie Foxx in sengender Sonne, der die Nacht des Zorns präludiert!

Schließlich ist es eine Besonderheit, dass in einem Hollywood-Film auch längere Zeit Deutsch gesprochen wird. Dr. Schultz benutzt diese seine Muttersprache, um unbeeinträchtigt vom Argwohn seines Gastgebers mit der Sklavin Broomhilda, die bei Deutschen aufgewachsen ist und ein gepflegtes Deutsch spricht, ungehindert zu kommunizieren und sie auf das Erscheinen ihres geliebten Ehemannes vorzubereiten, des schwarzen Django Freeman, der sie mit dem Kaufvertrag von Dr. Schultz in der Tasche am Ende in die ersehnte Freiheit führen wird.

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