Ein Sofa auf Rumänienreise

Gespräch mit dem Künstler Josef Trattner

Donnerstag, 19. Juli 2012

Der Künstler Josef Trattner traf sich in Kronstadt mit der Schriftstellerin Carmen Elisabeth Puchianu.
Foto: Mircea Struteanu

Zu den Sommertouristen, die in diesem Jahr Rumänien besuchten, zählte auch ein... ziegelrotes Sofa aus Schaumstoff. Begleitet wurde es auf der Fahrt von seinem Schöpfer, dem österreichischen Künstler Josef Trattner. Er traf sich in neun rumänischen Städten mit neun Literaturautoren. Die Stationen waren: Temeswar (Daniel Vighi), Hermannstadt (Radu Vâncu), Craiova (Varujan Vosganian), Neumarkt (Szabó Robert Csaba), Klausenburg (Ruxandra Cesereanu), Jassy (Florin Lăzărescu), Bukarest (Filip Florian), Kronstadt (Carmen Puchianu) und Cetate (Mircea Dinescu).

Das Sofa machte an verschiedenen Orten der Stadt halt, die Literaten und der Künstler nahmen darauf Platz, diskutierten, warfen einen Blick in die „Stadtkulisse“ und wurden fotografiert – von Mihai Struteanu. Nun sollen die Schriftsteller je einen Text schreiben - ein literarisches Porträt ihrer Stadt, das neben den Fotografien in einem Band veröffentlicht werden soll. Josef Trattner (geboren 1955 in der Steiermark) ist Mitglied der Wiener Sezession und beschäftigt sich seit 1990 mit dem Material Schaumstoff. In Kronstadt trafen wir ihn am Marktplatz, nachdem er, Carmen Puchianu, die Violinistin Elena Cristian, der Fotograf und das reiselustige Sofa bereits den Schlossberg, den Bartholomäer Friedhof oder die Calea Bucureşti besucht hatten.

Herr Trattner, wie kam es zu Ihrem Projekt?

Zunächst muss ich sagen, dass ich seit über zwanzig Jahren mit Schaumstoffen arbeite und den öffentlichen Raum immer mehr dazugenommen habe. Neben dem Komponieren und Installieren im öffentlichen Raum war es mir wichtig, die Menschen mehr einzubinden. Beispielsweise 2003 in der Kulturhauptstadt Graz habe ich eine große Möblierung mitten in der Stadt gemacht.

Dieses Material ist interaktiv: Die Menschen agieren darin, sie reißen Stücke heraus - Das muss man natürlich als Künstler aushalten, vor allem weil es teure Materialien sind. Parallel dazu habe ich in Wien im Museumsquartier möbliert und habe damals diesen Begriff geprägt: „Das Museumsquartier ist das größte Wohnzimmer Wiens.“ Seither gibt es dort eine Permanentmöblierung: Die Menschen können Platz nehmen und den Alltag in der Nähe der Museen genießen.

Es gab viele ähnliche Stationen. So ist die Idee geboren, dass ich mit meinem Sofa, mit meiner Privatheit, in eine Stadt reise, die ich nicht kenne, und einen Literaten treffe, den ich auch nicht kenne. Ich verbringe dort genau einen Tag. Ich habe diesen Bonus: Ein Intellektueller zeigt mir seine Stadt. Mich interessiert aber weniger das Touristische. Ich suche ganz markante, oft geschichtlich geprägte oder industrielle Orte, z. B. alte verlassene Fabrikanlagen. Diese spezifischen Orte gehen in Richtung Artifizielles, Ästhetisches, sprich Kunstfotografie.

Nach dem Treffen schreibt der Literat oder die Literatin eine Geschichte von vier bis sechs Seiten, die völlig frei ist. Ich bin, wenn man so möchte, nur ein „Verstärker“ in Richtung dorthin, wo eine Geschichte entstehen kann. Denn es ist zumeist so, dass mit den Leuten durch das Sofa etwas passiert. Stellen Sie sich vor: Wenn Sie als Tourist in einer Stadt sind, diktiert Ihnen oft der Fotoapparat Ihren Blickwinkel. In diesem Fall ist es das Sofa. Sie sehen einen Platz wo eine schöne Farbe oder ein interessanter Kontrast ist und denken ’da muss das Sofa hin!’ - Sie richten Ihren Blick über das Sofa. Carmen hat es heute bei unserer Tour sehr richtig gesagt: „Das Sofa macht etwas mit uns.“ Es ist so banal und trotzdem so komplex.

Wieso Rumänien?

Ich habe im Museumsquartier Wien ein Projekt „Sofa unplugged“ gemacht, wo drei Ostliteraten gelesen haben: einer aus Polen, einer aus Sankt Petersburg und Filip Florian aus Bukarest. Danach entstand ein Buch. Dr. Gabriel Kohn vom Rumänischen Kulturinstitut Wien fragte mich daraufhin, ob ich etwas Ähnliches auch in Rumänien machen könnte. Ich sagte ’warum nicht?’ Das Schwierige war die Finanzierung, weil das Projekt doch sehr anspruchsvoll ist.   

Ihre Eindrücke bisher?

Ich habe meine Lieblingsstädte. Ich bin von Bra{ov sehr überrascht. Es ist eine wirklich schöne, zum Leben toll geeignete Stadt. Von Cluj bin ich auch sehr angetan. Craiova ist für mich als Österreicher sehr schwierig zu verstehen. Sibiu ist attraktiv mit seiner Kleinheit, seiner Niedlichkeit. Von Ia{i bin ich wegen der Neubauten etwas enttäuscht. Bukarest ist sehr speziell als große Stadt, da prallen die Gegensätze aufeinander.

Temeswar hat mich ebenfalls positiv überrascht, die Stadt hat sehr viel Österreichisches und mit den Gipsy-Häusern auch sehr viel Ironisches. Die Einflüsse sind hier toll nachzusehen. Auch in Kronstadt sehe ich viel von dieser Barockarchitektur, die ins Biedermeier geht. Was ich nicht mag, sind die großen Installationen für Konzerte im öffentlichen Raum. Es ist manchmal zu viel für mich, da schaden sie sich selber.

Es muss ein subtilerer Rahmen gefunden werden. Ich bin für kleinere und feinere Sachen. Wäre ich mit hundert Sofas unterwegs, so würde es keinen Sinn machen. Ich möchte die Menschen in ihrer subtilen, versteckten Kleinheit erreichen – und die Literaten sind meistens versteckte Menschen, obwohl sie so viel zu sagen haben. Es freut mich extrem, dass ich dabei etwas Verbindendes machen kann, zwischen Architektur, Fotografie, Literatur. Es ist ein bisschen wie ein Lebenskonzept; Wenn ich dabei andere Menschen mitziehen kann und ein schönes Buch, ein Mehrwert entsteht, dann ist es ein Erfolg.

Wann können wir mit dem Buch zur rumänischen Sofa-Reise rechnen?

Es wird Ende Oktober fertig sein, wir wollen es Mitte November in Wien präsentieren. Hoffentlich auch  hier,  in  Kronstadt.

Was ist Ihnen in Ihrer Arbeit das Wichtigste?

Ich finde, dass die höchste Form dessen, was wir erreichen können, eine tolle Kommunikation ist. Eine gute Kommunikation zu haben, ist die Errungenschaft schlechthin, denn die Menschen, die sich artikulieren können, verhindern zugleich das Gröbste.

Die Fragen stellte Christine Chiriac

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