Ein Spiegel zum Nachdenken

Zur Premiere von „Reasons to be Pretty“ an der Hermannstädter deutschen Bühne

Freitag, 24. November 2017

Valentin Späth (Greg) und Alexandra Murăruş (Steph)

Die Arbeit mit dem Text und an der Inszenierung des Stückes habe sein Denken über die Bedeutung der Schönheit beeinflusst, sagte der aus Luxemburg kommende Regisseur Rafael David Kohn bei der Pressekonferenz. Mit dem Wert der „Schönheit“, d. h. des guten Aussehens, setzen sich die vier Protagonisten in „Reasons to be Pretty“ von Neil LaBute auseinander. Es ist nach „The Shape of Things“ und „Fat Pig“ der letzte Teil einer Trilogie des zeitgenössischen amerikanischen Regisseurs und Dramatikers, in der die Überbewertung der physischen Anziehungskraft thematisiert wird. Für „Reason to be Pretty“ gibt es eine deutsche Übersetzung mit dem Titel „Lieber schön“, doch wurde die offizielle deutsche Textvariante für die Hermannstädter Bühne bearbeitet und das Team beschloss, den Originaltitel in Englisch beizubehalten.

Die Erstaufführung erlebte „Reasons to be Pretty“ 2008, das Stück wurde auch am Broadway gespielt. Die Premiere der deutschen Abteilung des Radu-Stanca-Theaters fand am 16. November statt. Theaterdirektor Constantin Chiriac bezeichnete LaBute als „Freund“ des Hermannstädter Theaters. Gespielt werden von ihm an der hiesigen Bühne u. a. „Some Girls“ in der Regie von Radu Alexandru Nica sowie auf Texten von ihm basierend „Sărbători fericite“. 2014 bot LaBute beim Internationalen Theaterfestival einen Workshop an, auf dem Walk of Fame im Harteneck-Park hat er einen Stern erhalten.

Rafael David Kohn, Jahrgang 1980, ist bei der zweiten Inszenierung in Hermannstadt. Wie in „Falsche Schlange“, das 2016 auf die Bühne kam, lässt der Spielleiter seine Charaktere sich im Verlauf der Handlung entwickeln. Was etwas ungewöhnlich für eine schwarze Komödie ist: Sie werden ehrlicher, sie werden klüger, sie lernen aus ihrem Verhalten.

Greg (dargestellt von Valentin Späth) versteht anfangs nicht, wie schmerzvoll seine Bemerkung, sie habe ein „gewöhnliches“ Gesicht, für Freundin Steph (Alexandra Murăruş) ist. Die Bemerkung hatte er Freunden gegenüber im Schwatz über die neue Mitarbeiterin fallen lassen, sie wurde Steph von ihrer Freundin Carly (Anca Cipariu) zugetragen. Carly ist hübsch, die Männer stellen ihr nach, sie hat einen guten Posten erhalten. Steph ist zutiefst gekränkt, dass ihr Freund sie nicht attraktiv findet, und leidet unter ihrer äußeren Unvollkommenheit. Carly ist mit ihrem schönen Gesicht auch nicht glücklich, sie fühlt sich von Frauen gehasst, weil sie gut aussieht, und von Männern, weil sie sie nicht haben können. Ihre Attraktivität bewahrt Carly nicht davor, dass ihr Mann Kent (Ali Deac) sie mit der „heißen“ Neuen betrügt.

Während der Handlung setzen sich die vier Protagonisten mit dem von „Schönheit“ ausgeübten Druck – schön zu sein, schön sein zu wollen, Schönheit zu bewerten – in Monologen auseinander. „Warum können wir nicht aufhören, Filme, Serien und Tonnen von Zeitschriften anzuglotzen, die alle behaupten, Schönheit sei wichtig“, fragt Kent dabei. Sein Fazit: „Sie ist es nicht! ... irgendein Mädchen hat ein hübsches Gesicht und wir ticken komplett aus, schenken ihr Blumen und Modelverträge und arbeiten so hart daran, nur um in ihr Höschen zu kommen.“ Greg stellt fest, dass Schönheit unterschiedlich beurteilt wird, und meint, Velasquez habe im Spiegel nicht das Gesicht von Venus dargestellt, um jedem Betrachter die Möglichkeit zu geben, es so zu sehen, wie er es für schön hält.

Einen Spiegel hält Neil LaBute auch uns mit seinem Stück vor. „Schön“ sehen wir darin nicht aus im Hasten nach vorgegaukelten falschen Werten. Er zeigt auch einen Weg, um das Spiegelbild zu verbessern: Mut zu finden zu Ehrlichkeit, sich und andere zu akzeptieren. Und dass es nicht sooo schwer ist, einen anderen Weg einzuschlagen.

Die vier jungen Schauspieler der Hermannstädter deutschen Bühne vermögen es, den Wandel von oberflächlichen und auf Äußerlichkeiten bedachten jungen Menschen zu überlegenden und hinterfragenden Personen darzustellen. Sie spielen in dem von Alin Gavrilă clever geschaffenen Bühnenbild, in dem durch Verschieben einer Wand Wohnzimmer, Laden und Restaurantfoyer entstehen. Als Regieassistentin zeichnet Fabiola Eidloth, deutlich zu bemerken ist das Sprachtraining mit Almuth Hattwich.

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