Ein Spiegelbild der Gesellschaft

Gianina Cărbunariu inszeniert „Solitaritate“ im Rahmen des Projektes „Cities on Stage“

Sonntag, 02. Juni 2013

Die rumänische Gegenwart ist auf der Hermannstädter Bühne in „Solidaritate“ zu sehen. Foto: Cynthia Pinter

Als europäische Koproduktion war sie angesagt, beinhaltet hat sie ein Spiegelbild der gegenwärtigen rumänischen Gesellschaft: die von Gianina Cărbunariu gezeichnete und am Radu-Stanca-Theater produzierte Inszenierung unter dem Titel „Solitaritate“  (Solitär). Verwirklicht wurde sie im Rahmen des europäischen Projektes „Villes en Scene/Cities on Stage“, d. h. „Städte auf der Bühne“, in Kooperation mit dem Théâtre National de la Communauté Française de Belgique und dem Odéon-Théâtre de l’Europe sowie Le Festival d’Avignon 2014. Am Projekt beteiligen sich Theater aus Belgien, Schweden, Frankreich, Madrid und das Radu-Stanca-Theater aus Hermannstadt/Sibiu, die originelle Texte von sieben Autoren – darunter auch Gianina Cărbunariu – als Chronik unserer Tage auf die Bühne bringen. Am vergangenen Samstag und Sonntag fand die Vorpremiere statt, die offizielle Erstaufführung ist im Rahmen des Internationalen Theaterfestivals in Hermannstadt für den 14. Juni geplant. Die Produktion wird im Frühjahr in Brüssel gezeigt und zum offiziellen Programm des Theaterfestivals von Avignon 2014 gehören.

Wer Gianina Cărbunarius Inszenierungen kennt, der weiß, dass sie sich heikler Gegenwartsthemen annimmt und sie in Dialogen auf die Bühne bringt. Es sind nicht Stücke im klassischen Sinn, sondern eher dramaturgische Projekte, die zum Nachdenken anregen wollen. In Hermannstadt zu sehen waren bislang „20/20“, in dem es um den ungarisch-rumänischen Konflikt im März 1990 in Neumarkt/Tg. Mureş ging, oder „x mm din y km“, dem die Securitate-Akte des Schriftstellers Dorin Tudoran als Ausgangspunkt gedient hatte. Im deutschsprachigen Raum ist Cărbunariu durch die Thematisierung des Freikaufs der Rumäniendeutschen in dem bei den Münchner Kammerspielen produzierten „Sold out“ bekannt, das auch in Temeswar/Timişoara gespielt wurde. Ihre Texte – zum Beispiel „Kebab“ oder „Stop the Tempo“ – werden außer in Deutschland in Frankreich, Irland, Polen, Italien oder Großbritannien auf die Bühne gebracht.

Für die Inszenierung am Radu-Stanca-Theater konnte sie einige der besten Hermannstädter Darsteller – Marius Turdeanu, Ciprian Scurtea, Florin Coşuleţ, Diana Fufezan, Ofelia Popii, Mariana Mihu, Adrian Matioc, Cristina Ragos und Ali Deac – gewinnen. Das in einigen Szenen aufwendige Bühnenbild schuf Andu Dumitrescu, mitgearbeitet hat der bekannte Choreograf Florin Fieroiu.

„Solitaritate“ – im Verlauf der über zweistündigen Vorstellung ohne Pause wird auch das Wortspiel „solitär“, also vereinzelt, und Solidarität, eingebracht – besteht aus fünf (stellenweise zu ausführlich entwickelten) Szenen, vollgepackt mit Aspekten, Problemen, Stereotypen, Floskeln, Themen und Pseudothemen, Vorkommnissen und Missständen aus der rumänischen Gegenwart. In einer ersten prangert sie den öffentlichen Diskurs und die Kommunalpolitik an, die demokratische Prinzipien verkünden, letztlich aber darauf ausgerichtet sind, stets neue Regeln einzuführen, die die sozialen Unterschiede verschärfen – und dies zu motivieren.

Das gute Funktionieren jedweder Gesellschaft hängt vom Anerkennen der Linien ab, lässt sie ihre Charaktere sagen. Und manchmal verwandeln diese Markierungen sich in Mauern – wie in Neustadt/Baia Mare zwischen dem Roma-Viertel und der Stadt geschehen. In der zweiten Szene empört sich ein Elternpaar über das aus den Philippinen angeheuerte Kindermädchen. Das wird schließlich rausgeworfen, weil das Kind zu dieser Frau „Mutter“ sagt – da es die meiste Zeit mit ihr verbringt. Der Vater, der einen BMW fährt und ein Behinderten-Zertifikat besitzt und sich über den tatsächlich Behinderten empört, begrapscht das Kindermädchen selbstverständlich . Das philippinische Kindermädchen, gespielt von Ofelia Popii, schildert seine Rechtlosigkeit in Rumänien in Szene drei.

In Part vier dient das mit viel Pomp inszenierte Begräbnis einer Berühmtheit dazu, die orthodoxe Kirche und deren Spendengier genauso aufs Korn zu nehmen, wie den Streit um einen vornehmen Grabplatz auf einem renommierten Friedhof oder die Geldgier der Nachkommen. In der letzten Szene rauft eine Familie sich zusammen, um das Geld für die Operation eines dreijährigen Mädchens zusammenzukriegen. Thematisiert werden die Lohnkürzungen und gegenseitigen Anschuldigungen, der andere verdiene mehr, die Bestechungen oder die riskant vergebenen Kredite. Irritierend und mit dem sonstigen Geschehen auf der Bühne wenig im Einklang war der etwas melodramatische – aber wohl beabsichtigt verzweifelte – Schluss: Der junge Taxifahrer bleibt im dichten Bukarester Verkehr eingeklemmt, mit dem Blick zum Himmel gerichtet.  

Das Hermannstädter Vorpremieren-Publikum verfolgte die Vorstellungen mit gemischten Gefühlen. Manche der Szenen waren hervorragend dargestellt, andere Passagen wirkten etwas forciert. Es gab zahlreiche Lachsalven und Szenenapplaus. Ob aber ein Publikum, das mit der rumänischen Realität nicht vertraut ist, versteht, worauf angespielt wird?

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