Ein Spiel mit Sinn und Worten

Hellmut Seilers neuer Gedichtband „Dieser trotzigen Ruhe Weg“

Freitag, 22. September 2017

Es braucht manchmal ganz viel und manchmal wenig, um Dichtung zu berühren, das beweist auch der aus Reps/Rupea stammende und heute in Deutschland lebende Autor Hellmut Seiler mit seinen Gedichten und Aphorismen im Band „Dieser trotzigen Ruhe Weg“ mit Illustrationen von Gert Fabritius, veröffentlicht in der Edition Bärenklau 2017. Wenn man sich diesem Gedichtband widmet, so muss man bereit sein, sich einzulassen auf poetische Vielschichtigkeit, auf Gegebenheiten, Erlebnisse, verpackt in Poesie, die Sprache der Verkürzung von Alltagsgegebenheiten, Gefühlen und Zuständen, Beobachtungen, Feststellungen und Hinterfragungen, Redensarten, Politikerkalauern u. a. Es sind dichterische Konzentrationen der Aufmerksamkeit und Anteilnahme an der Zeit, der Dauer von Dasein, auf den Moment, der Gedicht werden möchte.

Dabei fällt auf, dass sich der Autor, um diese Konzentration so intensiv wie möglich in Worte zu fassen, des Öfteren der Wortwiederholungen und Aufzählungen bedient, die den Leser herausfordern:
„Es sind / unbeschreiblich voll fleischige kraftstrotzende / wie das liebe Leben pralle / aufgeworfene lachende / verzogen zuckende / feste nachgiebige / in den Winkeln / weich federnde … mit einem Wort: deine“ (S. 40 „Es sind“) oder in „Fenster“: „Ein Fenster blickt / auf ein Zimmer, / dessen Fenster / auf ein kleineres / Zimmer geht. / Dieses Zimmer hat / ebenfalls Fenster, / die auf noch / kleinere Zimmer / blicken.“ (S. 41 „Fenster“). Oder in „Zeichen setzen“: „Ich wäre lieber eine Frage als ein Ausruf, / ein Zeichen für Trennung lieber / als eines für Anführung / Keine runde, lieber eine eckige Klammer, kein / Strich sondern ein Gedanke.“ („Zeichensetzen“, S. 31) und „WortSchatz“: „Du bist das Für / zu mir als Wider, / der Bezug zu mir / als deiner Bestimmung…. Die Laute zu meiner Malerei, / Bilder, die Vergleiche einfärben. / Das Schön zu meiner Färberei. Und ein Wörtchen zu meinem.“ (S. 30).

Die vielschichtigen Gefühle, Beobachtungen, Dinge ließen sich für ihn nur so erfassen. Ein Vorgang, der schwer zu kontrollieren ist, der gefühlsgeladen oder gefühlsoffen ist, der sich dennoch auf den Menschen dieser Zeit konzentriert, den er meint, den er mitnimmt in seine Gedichte. Manchmal erzählt der Dichter sehr privat über seine Erlebnisse, Empfindungen, manchmal so privat, dass man fast irritiert wegschauen möchte. Im V. Teil, betitelt „Aus der intimen Tiefe der Zeit“, wandert der Poet vom „Flohmarkt in Sankt Petersburg“ (S. 113) zum „Tiergarten Berlin“ (S. 128) bis nach Indien im „Indischen Zyklus“ (S. 129ff.) und zurück nach Siebenbürgen zu dem Großvater dort.
Das lyrische Ich ist stets präsent. Aber wenn man sich auf die Zeilen einlässt, verraten sie einem Gemütszustände, geben Einblicke in die tieferen Abgründe der Seele: Gedankenspiele, Wortspiele, Wortsinn und Sinnverdrehungen lassen den Leser schmunzeln:

„Du bist ich und ich bin du“: Selbst wenn ich es wollte, / könnte ich dich nicht verlassen. Weil man sich selbst / doch nicht verlassen kann. / Nur aufeinander. / Und gleichzeitig dann gerade am allerwenigsten.“ (S. 19) In den kurzen Zeilengedichten dominieren diese Sinnverdrehungen: „Türkischer Kaffee“: Im Mund kann mir / diesen Satz / niemand umdrehen.“ (S. 102); „Gipfelgespräche“: „Ein Wermutstropfen / auf den heißen Stein“. „Gegengewicht“: „Klopft dir einer auf die Schulter, / so halte ihm auch die andere hin.“ (S. 85) „Der Lügner“: „Ich behaupte das jetzt 1fach 1mal – / wenn es sich herausstellt, / dass es nicht stimmt, / hab ich es wenigstens behauptet.“ (S. 79) „Altes Gemäuer (nach einem Kurzbesuch 7bürgischer Kirchenburgen)“: „Es erlahmt meine Neugier / auf alte Gemäuer. / Denn, irrlichternd, werden sie / immer neuer.“ (S. 72). Man könnte meinen, diesem Autor sitzt der Schalk im Nacken, wäre da nicht stets dieser melancholische Überton, um den Redensarten und -unarten, Wortverdrehungen, Sprachspielen die heitere Eitelkeit des Dichters zuzuordnen.

Man könnte Hellmut Seiler auch die Eigenschaft eines Poeta ductus der Neuzeit zuschreiben. In vielen seiner Gedichte setzt er die Kenntnis der Poesie anderer Dichter voraus, um verstanden zu werden. Seine lyrischen Lehrmeister sind wohl viele und nicht genau auszumachen, aber sie sind beim Schreiben dabei! So widmet er ein Gedicht seinem siebenbürgischen Landsmann Hans Bergel („Die Schreibmaschine“ – ein „Undinggedicht“, S. 62) oder eines Reiner Kunze („Aufmunterung 2“, S. 58) oder nimmt Zitate von Schiller („Spiel und Ernst“, S. 47), Hugo von Hofmannsthal („Im Garten“, S. 43), Arno Holz („Im Tiergarten, Berlin“, S. 128) als Ausgangspunkt für Gedichte. Besonders die schalkhaften, fast schon ironischen Anspielungen in den Gedichten, aber auch in den Überschriften fallen auf.
Lyrisch romantisch wird es wieder in den Erinnerungsgedichten an den Großvater im Gedicht „Mein Großvater und ich“ (S. 135 und S. 136) oder beim Beschreiben von „Alte(n) Fotografien“ (S. 120 und S. 121) – Momente und Bilder aus der siebenbürgischen Heimat. Im Nachwort nennt Rolf Stolz den Autor „unmodisch“ , „provozierend“, aber auch „ironisch“ und „brillant“. Eigentlich wünscht man sich eine etwas überschaulichere Kapiteleinteilung, dann könnte der Leser vielleicht schneller mal nachschlagen auf der Suche nach dem Zitat mit den „alten Mauern“ oder den „Toilettenpapierstreifen“.
Radierungen von Gerd Fabritius, beschriftete Bilder, verleihen in den Innenseiten des Buches den Worten Farbe.

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