Ein Strom und mehrere Reiche

Die Reise des Andrey Shary von der Donauquelle bis zum Schwarzen Meer

Montag, 21. August 2017

Es gibt einen fast vergessenen rumänischen Schriftsteller vom Anfang des 20. Jahrhunderts, Panait Istrati, der zunächst viel und später nichts vom sowjetischen Kommunismus gehalten und dies auch zugegeben hat. 1884 in Brăila geboren, 1935 in Bukarest gestorben, zählt Istrati zu jenen, die schnell begriffen haben, was die Kommunisten in Sowjetrussland bezweckten und davor gewarnt hatten. Dafür ist er nach 1989 gelobt worden, vor 1989 allerdings wurde er als einer gefeiert, der über die Misere der südrumänischen Bauern in der Bărăgan-Tiefebene und in den Donau-Auen geschrieben hat. Zum Beispiel auch darüber, dass, obwohl die Donau einen bemerkenswerten Fischreichtum aufwies, nur jene Bauern davon profitieren konnten, die unmittelbar am Ufer des Stromes lebten und sich als Fischer betätigten. Jene, die etwas weiter von der Donau entfernt, in der Mitte des Bărăgans lebten, siechten dahin, weil sie sich fast ausschließlich mit Maisbrei ernähren mussten, Fischverzehr kam nicht in Frage. Warum? Weil sich die Straßen von der Donau ins Landesinnere in einem so schlechten Zustand befanden, dass der frische Fisch nicht schnell genug befördert werden konnte und verdarb.

Hier die reiche Donau, dort die bäuerlich Armut, den Rumänen blieb der mächtige Strom allenfalls gleichgültig. Obwohl Rumänien heute wie auch damals über den längsten Abschnitt der Donau und auch noch über das Delta verfügt, profitiert das Land von dem Strom nur wenig. Sicher, mehr als in der Zwischenkriegszeit, zumindest seit die Kommunisten Rumäniens und Jugoslawiens das Wasserkraftwerk beim Eisernen Tor bauen ließen. Dass dies auch heute noch der Fall ist, beweist das jüngst ins Rumänische übersetzte Buch eines russischen Journalisten, „Dunărea. Fluviul imperiilor” (Die Donau. Strom der Reiche), das Anfang 2017 im Polirom Verlag erschienen ist. Andrey Shary (rumänische Transkription: Andrei Şarîi), ehemaliger russischer Berichterstatter in Jugoslawien, an Mitteleuropa interessiert und in der Geschichte und Geografie der Region äußerst bewandert, setzt die Tradition des Italieners Claudio Magris fort, dessen Donau-Buch 1986 auf Italienisch und 1988 auf Deutsch erschienen ist. Genauso wie Magris, aber aus einer anderen Perspektive, untersucht der Russe Shary die Donau von ihrer Quelle bis zur Mündung, geht auf die Geschichte der Städte, der Regionen und der Länder ein, die die Donau überquert.

Und verfasst dabei ein über 400 Seiten starkes Buch, das als Reportagenband, Reiseführer und Geschichtsbuch in einem gelesen und verstanden werden kann. Und im Grunde die Essays zusammenfasst, die ein höchst neugieriger Journalist unterschreibt, ein Feuilletonist von solider Bildung. Shary beleuchtet die verschiedenen Mythen einer oft blutigen Geschichte, er sucht nach den Gemeinsamkeiten, aber er behandelt auch die Unterschiede. Die Reiche der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit stehen im Mittelpunkt seiner Donau-Reise. Obgleich es um Römer, Byzantiner, Osmanen, Österreicher oder Russen geht – alle hatten ihren eigenen Bezug zur Donau. Sie trennt bis heute Völker, Kulturen, Religionen und Sprachräume. Dadurch ähnelt sie in gewisser Weise dem Rhein, doch sie übertrifft ihn zweifelsohne. Denn sie beginnt ihre Reise im Herzen des Abendlandes und beendet sie an den Pforten des Orients und Russlands.

Shary, dem erprobten Kriegsreporter, der mehrere Jahre auf dem Balkan gelebt hat, um sich dann der Geschichte Mitteleuropas zu widmen, insbesondere jener Österreich-Ungarns, gelingt die Reise aus der Gegenwart in die Vergangenheit und zurück auf wundervolle Art und Weise, jedes Kapitel seines Buchs ähnelt einem kulturgeschichtlichen Essay im Stile von Magris. Oder von Richard Wagner, an dessen Essayband „Der leere Himmel. Reise in das Innere des Balkan” von 2003 man sich immer wieder beim Lesen des Donau-Buchs zu erinnern glaubt. Wie dem auch sei, Shary erweist sich als ein ausgezeichneter Kenner der Zeitgeschichte, er wandert gekonnt zwischen Ost und West, zwischen Nord und Süd, zwischen dem Kommunismus und der Nach-Wende-Epoche. Er kennt sich aus in den Wirren der jugoslawischen Bürgerkriege, in dem Glanz der alten Habsburgermonarchie, in der magyarischen Melancholie oder dem südslawischen Befreiungskampf gegen die Osmanen. Man liest und staunt: bayerische Könige, Adalbert Stifter und Anton Bruckner, die NS-Schauspielerin Marika Rökk, der Donau-Walzer, Grigore Antipa und Ivan Patzaichin, die Brücken von Novi Sad und der serbische Dichter und Sänger Djordje Balasevic, der osmanische Reformer Midhat-Pascha, der in Russe geborene Elias Canetti, das osmanische Belgrad, Feldmarschall Kutusow, Grigori Potemkin, Fürst von Taurien, das ungarische Parlamentsgebäude, der Hafen von Giurgiuleşti in der Republik Moldau – Shary untersucht sie alle.

Er schreibt für sein russisches Publikum, so erklären sich die zahlreichen Hinweise auf die Geschichte des Zarenreichs und der Sowjetunion. Russland ist heute kein Donau-Staat mehr, aber der Strom übt weiterhin eine große Faszination auf die Russen aus, das weiß Shary, er gibt es offen zu. Ein Ziel der russischen Expansion des 18. Jahrhunderts war zweifelsohne die Donaumündung, Städte am Nordufer des Chilia-Arms in der heutigen Ukraine sind russische Gründungen, teilweise noch immer von Russen bewohnt. In seinem Vorwort zur rumänischen Ausgabe erklärt Shary, dass das Misstrauen zwischen seinem Volk und dem rumänischen weiter anhält, dass dieses Misstrauen wohl auf Unwissen und Vorurteile zurückgeht. Vorurteile will er abbauen, Mythen zerstören. Zumindest dazu beitragen. Was ihm ohne Zweifel gelingt, ist, die Lust am Reisen zu wecken. An der Wiederentdeckung der Donau. Und der Menschen, die an ihren Ufern leben und gelebt haben, mit ihren Geschichten, kleinen oder großen. Sharys Buch erweist sich dafür als perfekte Begleitung.

Andrei Şarîi: „Dunărea. Fluviul imperiilor”, Editura Polirom, Iaşi, 2017.

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