Ein Tropfen auf den heißen Stein

Eindrücke zur Roma-Woche in Bukarest

Dienstag, 19. April 2016

Bücherübergabe zwischen dem deutschen Botschafter Werner Hans Lauk (links im Bild) und Gelu Duminică (rechts).
Foto: Sarah Bioly

Man hat das Gefühl, die Roma können es einem nicht recht machen. Entweder sie sind zu arm oder zu reich. Sie betteln und haben keine Arbeit. Und wenn sie eine Arbeit haben, dann zahlen sie keine Steuern, oder sie sind in kriminellen Banden organisiert. Dass dies Vorurteile sind, zeigte die Roma-Woche mit der vollen künstlerischen Bandbreite an Bildern, Filmen, Theateraufführungen und Musik. Beginnen wir bei Fatima, einer Roma-Frau aus Belleville. Sie hat vier Kinder, keine Ausbildung und lebt in einer Hütte im Slum. Das volle Klischee also – würde man meinen. Ihre Existenz sieht einfach aus. Sie lebt vom Verkauf alter Kleider und Gegenständen auf Flohmärkten, arbeitet hart und ist oft wochenlang nicht Zuhause. Auf der Ausstellung der Fotoreihe von Fatima sieht man eine Frau, deren Furchen im Gesicht sich tief in die Haut gegraben haben. Sie zeugen von einem rauen Leben in den Slums, aber auch vom Durchsetzungsvermögen in einem täglichen Kampf um genug Nahrung und Wärme. Denn trotz dem stetigen Ringen um die Grundbedürfnisse, genießt Fatima ihr Leben und die Freiheit. So negativ auch das Fremdbild der Roma sein mag, um so positiver ist oft ihre Selbstwahrnehmung. Kämpfer sind sie angesichts der täglichen Diskriminierungen und Herausforderungen – keine Opfer. 

Die Freude über die eigene Existenz  spiegelt sich auch in der Musik von Marian Mexicanu und seiner Band wieder. Die Jazz-Musiker fordern mit ihren Instrumenten auf sich zu bewegen, sich gehen zu lassen. „Die Leute müssen tanzen“, so Marian: „Es ist Tanzmusik, und wir sind Show-Musiker.“ Auch die Mehrheit der sechsköpfigen Band sind Roma. Würde man dies allerdings nicht wissen, würde die Herkunft äußerlich nicht auffallen. Nur in ihrer Musik lässt sich ein Anhaltspunkt auf ihre Volksgruppe finden, denn die Band mischt verschiedene Stile, darunter auch Gipsy-Musik mit Jazz. Gespielt haben die Musiker allerdings nicht an einem Lagerfeuer, um welches feurige Roma-Frauen tanzten, wie man es vielleicht vermuten würde, sondern in der deutschen Botschaft vor Politikern, Journalisten und geladenen Gästen.

Die leidenschaftlichen und wilden Roma-Frauen sind vielmehr eine Wunschvorstellung der Männerwelt – dass dies ein Label ist, das zur Übersexualisierung von Roma-Frauen beiträgt, zeigte die Theateraufführung „Gadjo Dildo“ von Giuvlipen deutlich. Der Name der Theatergruppe bedeutet übersetzt „Feminismus“, denn die drei Schauspielerinnen verstehen sich als Aktivistinnen, wenn es um die Frage der Diskriminierung gegenüber Roma-Frauen geht. In engen Kostümen, mit Mascara und rotem Lippenstift treten sie auf, zeigen viel Haut. Sie passen ihre Äußerlichkeiten der Fremdwahrnehmung an. Die Überstilisierung demonstriert: Sexualität wird von der Dynamik der Ethnie, vom Geschlecht und der eigenen Volksgruppe mitgestaltet. Jede Figur hat in der Theateraufführung ihre eigene Geschichte und muss sich auf ihre Weise behaupten. Es sind die Träume, Wünsche und Hoffnungen einer berühmten Sängerin, einer Lesbierin und einer, die am liebsten vergessen würde, dass sie Romni ist.

Kein Wunder also, dass die Roma unsichtbar sind – viele verschweigen ihre Herkunft. Die meisten Roma verstehen sich nicht als eine Gesellschaft. Eine der größten Herausforderungen eines weltoffenen Europas ist es, Diskriminierungen gegenüber Roma zu verhindern und das Image der Volksgruppe zu verbessern. Die Roma-Woche ist dabei nur ein Tropfen auf den heißen Stein, denn die Medien in Rumänien berichten nur selten über Roma-Kunst. Stattdessen verbreiteten die Nachrichten vor drei Jahren einen Aufruf an Roma-Frauen, sich zu sterilisieren – eine Kampagne einer rechtsextremistischen Gruppierung in Temeswar/Timişoara. Zur Aufklärung und zum Verständnis der Traditionen von Roma tragen Filme über die Volksgruppe bei. „Der Zigeunerbaron“ begleitet Artur Cerari, Baron und Oberhaupt der Roma in Soroca und der ganzen Republik Moldau, sowie den jungen Vali, der selbst vielleicht einmal Baron werden will. Das Leben des Clans geht dabei über das europäische Verständnis hinaus.

Aber nicht etwa weil sie ihre Töchter zwangsverheiraten oder gewalttätig sind, sondern weil sie die Demonstration von Geld und Macht über die eigenen Lebensbedürfnisse stellen. Fließendes Wasser in einem Bad ist nicht so wichtig wie das Bad selbst. So besteht Soroca aus kleinen Palästen mit Marmorhallen und verzierten Stucksäulen, allerdings wird immer noch daran gebaut – teilweise schon seit über 20 Jahren. Die Roma selbst aber leben noch in Hütten. Ihre Paläste sind vielmehr ein Statussymbol – es ist nicht wichtig, dass diese auch bewohnbar sind, weil sie sich noch im Bau befinden oder es kein fließendes Wasser gibt. Eine Verwahrlosung oder Vernachlässigung der Kinder gibt es dadurch trotzdem nicht. Bildung ist sehr hoch angesehen. Auch eine Frau kann so einen höheren Rang als ein Mann haben, wenn sie intelligenter als dieser ist. Die Stadt erscheint einem als Parallelwelt. Zugang gibt es dann, wenn man sich nicht von Vorurteilen leiten lässt, berichtet die Autorin des Films, Michaela Ronzoni, von ihren Erfahrungen. Begegnet man den Roma freundlich, wird man mit offenen Armen empfangen.

Woher also rührt das schlechte Image der Roma? Wie lässt sich dieses ändern, wie kann man aufklären? Jeder kann dazu beitragen, indem er selbst seine Vorurteile fallen lässt und Roma als gleichwertig betrachtet. Denn Roma sind weder dumm, noch verweigern sie Bildung. Eher fehlt das nötige kulturelle Kapital zum Lernen. Deshalb überreichte Gelu Duminică, Direktor der Stiftung „Agenţia Impreună“ im Rahmen der Roma-Woche eine Bücherspende an zwei Schulen, an denen überwiegend Romakinder lernen, zur Ausstattung zweier Bibliotheken. So wird den Schülern die Möglichkeit eröffnet, auch deutsche Kinderbuchklassiker wie „Momo“ in rumänischer Übersetzung zu lesen. Genauso wie es also Rumänen, Deutsche, Katholiken oder Muslime gibt, die entweder sexistisch oder rassistisch sind, gibt es solche Menschen auch unter den Roma. Personen, die stehlen oder gewalttätig sind, aber auch freundliche und offene Menschen. Ist also ein Label für eine ganze Volksgruppe gerechtfertigt? Man sollte einmal über folgenden Witz nachdenken: An einem Tisch sitzen ein Banker, ein Rumäne und ein Rom. Auf dem Tisch 20 Cookies. Der Banker nimmt sich neunzehn und sagt zum Rumänen: „Pass auf, der Zigeuner will deinen Keks stehlen!“

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 19.04 2016, 21:05
also ich habe gegen reiche Roma gar nichts, und von denen gibt es gar nicht so wenige, wenn man sich ansieht wieviele prächtige Roma-Villen es gibt. Ich bin denen gar nichts neidig. Sollen sie mit ihren dunklen BMWs herumfahren und Hochzeiten mit 2000 Leuten feiern. Das stört mich gar nicht. Nur ein wenig sozial gegenüber ihren eigenen Volks- oder auch nur Clangenossen könnten sie schon auch einmal sein. Es wäre schön, wenn ein reicher Roma auch einmal ein Sozialprogramm für kinderreiche Familien, Alte oder Behinderte finanzieren würde und nicht immer nur die "bösen" weißen Gadschos.

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