Ein vielschichtiges Zeitdokument: „Hermannstadt im Jahre 1790“

Notizen zur kritischen Ausgabe von Martin Hochmeisters Handbuch

Freitag, 02. September 2016

Auf dem Umschlag der kritischen Ausgabe von Martin Hochmeisters „Hermannstadt im Jahre 1790“ ist Franz Neuhausers „Jahrmarkt auf dem Großen Ring“ aus der Sammlung des Brukenthal-Museums abgebildet.

Mit „Hermannstadt im Jahre 1790“ bringt der Honterus Verlag auf Initiative des Deutschen Forums die erste kritische Ausgabe einer bibliografischen Rarität aus dem 18. Jahrhundert heraus. Das 1790 von Martin Hochmeister verlegte und gedruckte Handbuch erscheint nun zweisprachig, auf Deutsch und auf Rumänisch, wobei dem Originaltext auf Deutsch und der Übersetzung jeweils eine Buchhälfte gewidmet ist: Mit jedem Buchdeckel setzt der Text in der jeweils anderen Sprache an. Reichhaltige Informationen zu Hermannstadt, der damaligen Hauptstadt Siebenbürgens, sowie zu dessen Bewohnern und Umgebung sind darin zusammengetragen und überraschen den Leser mit Details. Der Text, ein „atypischer Kalender“, wie Liliana Maria Popa diesen bezeichnet (S. 31), ist als übersichtliches Informationsmaterial angelegt: Einheimische und Reisende sollten darin eine topografische Beschreibung der Stadt und Umgebung finden sowie einen Überblick zu Verwaltung und öffentlichen Unternehmen, zu Märkten und Freizeitangeboten und vieles mehr.

Herausgeber der kritischen Ausgabe sind Cornel Lungu und Liliana Maria Popa. Cornel Lungu verfasste die für den heutigen Leser aufschlussreichen Fußnoten. Die ergiebige Einleitung und die Vorbemerkung sowie die Übersetzung des überlieferten Textes ins Rumänische übernahm Liliana Maria Popa. Isolde Huber übersetzte die Einführung und die Vorbemerkung ins Deutsche. Bezüglich der Autorenschaft des Handbuches selbst stehen bisweilen, wie in der Einleitung vermerkt wird, keine „hieb- und stichfesten Belege“ zur Verfügung. (S. 16) Diesbezüglich können allerdings Vermutungen angestellt werden: „Die Verfasser sind eventuell in der Bildungselite der Zeit zu suchen, vielleicht unter den ‚Brüdern‘ der 1767 gegründeten und 1790 noch bestehenden (wenn auch bis zum Verbot der Freimaurerei 1795 eingeschläferten) Hermannstädter Freimaurerloge, genauer unter denen, die mit Martin Hochmeister dem Älteren in der Redaktion der Siebenbürger Zeitung (1784-1787) zusammengearbeitet hatten.“ (S. 16)

Der Text wurde noch 1790 mit geringen Modifikationen zweimal gedruckt, worauf der Titel der Einleitung „Ein Buch – Zwei Gesichter“ anspielt: Zunächst erscheint der Text als „Hermannstädter Handlungs-, Gewerbs- und Reisekalender. 1790“. Als „die Nachfrage nach dem Kalender sich in Grenzen hielt“(S. 12), wie Liliana Maria Popa es für wahrscheinlich hält, wird der Text ein zweites Mal als Handbuch herausgegeben, in der das Wort „Kalender“ nicht mehr vorkommt, „das die Schrift an ein bestimmtes Jahr gebunden hätte“. Mangels Förderungen bleibt der Verkaufspreis des Kalenders recht hoch. Auch gibt es Hinweise, dass dieser erst verzögert erscheint, was wiederum den Erfolg als Kalender mindert. So werden die ersten 24 Seiten des Kalenders, in denen laut Vorschrift für diese Art von Publikationen Mitteilungen über die kaiserliche Familie und deren Geschichte enthalten sind, ausgelassen und die gleiche Veröffentlichung wird nochmals als Handbuch herausgegeben mit dem Titel „Versuch eines kurzgefaßten Handbuchs zur näheren Kenntniß dieser Stadt in politischer, merkantilischer und wissenschaftlicher Rücksicht, zum Gebrauch für Einheimische und Reisende“. In der Forschung wird die so „aufgefrischte Broschüre“ „als eigenständiges Werk betrachtet, während der ursprüngliche Kalender in Vergessenheit geriet“ (S. 13).

Mit diesen Erklärungen stellt die Autorin der Einleitung richtig, was in einer früheren Übersetzung des Textes zu Missverständnissen führen könnte. Der Arzt Victor Baron de Coroianu veröffentlichte 2006 im Klausenburger Verlag Casa C²r]ii de [tiin]² die erste Übersetzung ins Rumänische mit dem Titel „Sibiu Hermannstadt 1790. Primul ghid turistic din România“ (Sibiu Hermannstadt 1790. Der erste Reiseführer Rumäniens), was hier als „Stegreifkonstrukt des Übersetzers“ (S. 13) bezeichnet wird. Des Weiteren werden im Text mehrere Korrekturen an dieser früheren Übersetzung vorgenommen, deren Initiative als „begrüßenswert“ gelobt wird, auch wenn die Ausführung für „unzulänglich“ gehalten wird. (S. 13, Fußnote 17).

Die kritische Neuausgabe wird nun mit den zahlreichen Erklärungen und der Neuauflage des im Geiste der Aufklärung veröffentlichten Originaltext gerecht. Mit Sicherheit überrascht beim Blättern in dem Buch das eine oder andere Detail, wie etwa die Regelungen zur Einreise in die Stadt, die beim Roten-Turm-Pass eine „Contumaz”, eine Quarantänestation für Waren und Reisende, eingerichtet hatte, die auch Desinfektion vorsah, um die Stadt vor mitgebrachten Krankheiten zu schützen (S. 149). Der Leser erhält Informationen zu Siebenbürgen, nebst topografischen Daten, auch Angaben zu Jahrmärkten (S. 64 f.), „Naturprodukten” (S. 81 f.) oder Informationen zum „Gewöhnlichen Postenlauf” (S. 71) und zur „Gegenwärtigen politischen Einteilung (S. 78). Preistabellen zum Kauf und Verkauf sind ausführlich aufgelistet (S. 91 f.), so auch der Wert der Gold-und Silbermünzen.

Daten zu Hermannstadt sind ab dem „Allgemeine Übersicht” betitelten Teil des Buches zu finden (S. 119 f.). Der Leser hält mit diesem Buch eine übersichtliche Darstellung der städtischen Verwaltung mit Straßennamen (S. 120 f.), öffentlichen Gebäuden (122 f.) und Einrichtungen der Stadt in der Hand. „Anstalten zum Bedürfnis und zur Bequemlichkeit” werden angegeben (S. 130 f.), wie Wirts-und Kaffeehäuser (S. 132), Gasthöfe oder das Hotel „Zum Römischen Kaiser”(S. 131 f.). Unter „Bibliotheken und Sammlungen” (144 f.) wird die Bibliothek des evangelischen Gymnasiums erwähnt, aber auch die Bibliothek „Seiner Exzellenz des Freiherrn von Brukenthal”, wie auch dessen Gemäldesammlung. Gleichzeitig werden bedeutende Momente erwähnt, wie etwa jener der Stadterweiterung durch die „Josephsstadt” (S. 119), dem vor dem Heltauer Tor innerhalb der alten Wehrmauern parzellierten und für den Verkauf und Bau freigegebenen Grund, auch für die rumänische Bevölkerung, „welcher der Erwerb von Grundbesitz innerhalb der Burg untersagt war” (S. 19). Die Bevölkerung Hermannstadts wird insgesamt auf 16.000 geschätzt, wenn zu den „14.000 Seelen” laut „ziemlich genauer Berechnung” die kriegsbedingt Hinzugezogenen gezählt werden. (S. 121) Kurz, ein dienliches Nachschlagewerk für jedermann, dessen „enzyklopädischer Charakter” (S. 10) dem aufklärerischen Anspruch entspricht.

Als das Buch herausgegeben wird, hatte der junge Martin Hochmeister gerade die Druckerei von seinem gleichnamigen Vater übernommen und führte mit dieser Veröffentlichung nicht nur eine „Neuerungsinitiative” (S, 10) durch, sondern setzte auch ein Zeichen im Sinne des bis Anfang 1790 währenden josephinischen Zeitalters. Kaiser Joseph II. hatte auch in Siebenbürgen seine wegen Einschränkung der Selbstbestimmung nicht immer mit Wohlwollen begrüßte Reformation durchgesetzt. Seine Ansichten und Maßnahmen waren jedoch progressiv und der Aufklärung verschrieben. Grenzübgergreifend war das 18. Jahrhundert von der Aufklärung geprägt, von der Bewegung, die alle Karten auf Vernunft und Mündigkeit setzt. Menschenrechte rücken zugleich mit dem Beginn der Französischen Revolution 1789 in den Mittelpunkt und die gesellschaftlichen Strukturen sind grenzübergreifend im Umbruch begriffen.

Berücksichtigt man diesen geschichtlichen Kontext, so wird der hier besprochene Text insgesamt zu einem Meilenstein seiner Zeit. Die Idee, dem Leser ein übersichtliches Informationsmaterial über die Stadt und das öffentliche Leben in die Hand zu drücken, entspricht ganz und gar der sich anbahnenden Moderne. Es geht darum, Bürgern die Möglichkeit zu bieten, informiert und in diesem Sinne selbstbestimmt zu leben. Dass der junge Verleger Martin Hochmeister sich den fortschrittlichen Ansichten der Aufklärung verschrieben hatte, bezeugt im Späteren auch sein ältester Sohn, Adolf von Hochmeister, in der Monografie „Martin von Hochmeister. Lebensbild und Zeit-Skizzen aus der zweiten Hälfte des XVIII. und der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts”, Hermannstadt, 1873, Druck von Theodot Steinhaußen, im Selbstverlage des Verfassers. Darin hält der Autor gleich zu Beginn fest: „Wenn der Mann – dessen wir gedenken – durch die Straßen seiner Vaterstadt schritt, blieb wohl kaum ein Hut, eine Mütze der ihm Begegnenden ungerückt und viele, sehr viele haben mit dem Gefühle tiefster Verehrung und wärmster Dankbarkeit – keiner aber ohne die Empfindung vollster Hochachtung jenem Repräsentanten eines entschwundenen Jahrhunderts nachgeblickt, – jenes Jahrhunderts, welches in der ewig denkwürdigen Nacht des 4. August 1789 mit der „Erklärung der Menschenrechte” die alte Gesellschaftsverfassung mit einem gewaltigen Rucke in Trümmer zerschellt hat.” (S. 1 f. )

Im Verlag des jungen Martin von Hochmeister wird auch die erste Siebenbürgische Zeitschrift gedruckt: Die „Siebenbürgische Quartalschrift” erscheint mit dem Beginn des Jahres 1790, sie sollte „der Versicherung der Herausgeber zufolge, alles, was Männern von Geschmack und für Siebenbürgen wichtig sein kann, enthalten. Jährlich erscheinen vier Hefte (...)” („Hermannstadt im Jahre 1790“, S. 176, Neuauflage S. 200). Martin von Hochmeister setzt neben seinen eigenen Initiativen einer übersichtlichen Publikation zur Hauptstadt auch die von seinem Vater begonnenen Projekte fort. So bringt er weiterhin die 1787 als „Siebenbürgische Zeitschrift” erschienene Zeitung heraus, jetzt zweimal wöchentlich, unter dem Titel „Hermannstädter Kriegsbote” (S. 200). Auch betreibt er weiterhin das von seinem Vater 1787 eingerichtete Schauspielhaus. (S. 191)

Der Kalender oder auch das Handbuch bleiben einmalig für diesen Verlag und sind somit in einem weiteren Punkt Zeugen der Zeit: Kurz vor seinem Tod im Februar 1790 widerruft Joseph II. viele seiner Reformen. Auch werden die Thronfolger seine im Sinne der Aufklärung progressiven Ideen nicht fortführen. Was auch mit der genannten Schrift durchaus als Aufschwung zu einer Neuordnung zu verstehen ist, insbesondere in der Form des Kalenders, wird zunächst auf Eis gelegt. Insbesondere der letzte Teil der Publikation (S. 151 f.) lässt vermuten, dass es weitere Ausgaben hätte geben sollen. Da findet der Leser, wie Liliana Maria Popa festhält, „ein Verzeichnis der Verwaltungseinrichtungen, der Schulen, Kirchen, Krankenhäuser, der Gasthöfe, Gast- und Kaffeehäuser, Wirtschaften und Sommergärten, der Bastionen, anderer Orte von Belang, der Straßen (mit ihrem Namen und Hinweisen zu ihrer Lage), der verschiedenen Berufsgruppen (mit Namen und Anschrift jedes Handwerkers, Kaufmanns, Arztes, Apothekers), der Zeitungen, Buchhandlungen und Verlage, usw. usf. – die „Gelben Seiten“ des 18. Jahrhunderts!“ (S. 26) Es ist durchaus denkbar, dass diese Informationen regelmäßig aufgefrischt werden sollten.

Bemerkenswert sind mehrere der im Anhang abgebildeten Dokumente. Anhand der wiedergegebenen Umschläge der Veröffentlichung aus dem Jahr 1790, kann sich der Leser ein Bild von dem Originaldruck machen und auch leichter nachvollziehen, wie durch die verschiedenen Titel der Ausgaben Missverständnisse darüber entstehen konnten, ob es sich, wie weiter oben erläutert, um einen Kalender oder ein Handbuch handelt. Auch die erste Rezension zum Kalender, erschienen in der „Siebenbürgische(n) Quartalschrift“, ist hier im Anhang abgedruckt (S. 216-218). Fast schon als eine Kuriosität könnte eine ebenfalls im Anhang zum ersten Mal veröffentlichte Urkunde aus der Brukenthal-Sammlung der Hermannstädter Kreisdirektion des Nationalarchivs (DJSAN) gelten: Eine Urkunde, „die durch den Lakonismus überrascht, aber für das willkürliche Auftreten einer selbstherrlichen Monarchin bezeichnend ist: der handschriftliche Zettel, durch den die Kaiserin Brukenthal zum Provinzialkanzler ernennt. Er enthält einen einzigen Satz: ‘Benene zum Provincial-Cantzler den Bruckenthall. Maria Theresia’“. (S. 6, Fußnote 4)

Das Buch bietet sich immer noch als Reisekalender an – beim Durchblättern entsteht das Gefühl, dass man gerade eine Zeitreise in die Stadt des Jahres 1790 plant und diese Reise auch schon ein Stück weit unternimmt. Um in der heutigen Zeit verankert zu bleiben, ist die Einleitung Liliana Maria Popas sehr zu empfehlen, „ein erster und bescheidener Schritt zur Vorstellung des Buchs und zur Einführung des heutigen, deutschen oder rumänischen Lesers in den Inhalt des ersten Werks monografischer Art über die alte Hauptstadt des Sachsenlandes und des Fürstentums Siebenbürgen, die erste derartige Arbeit im heutigen Rumänien“ (S. 30). Wer zusätzlich die Neugierde aufbringt, die Fußnoten zu berücksichtigen, übt sich darin, die Brücke zum heutigen Hermannstadt zu schlagen, das Buch als geschichtliches Zeugnis zu lesen und so Näheres über die „Werte von Volksgemeinschaften“, „deren Leben und Schaffen sich über Jahrhunderte in dieser Stadt abspielte“ (S. 30) zu erfahren.

Kommentare zu diesem Artikel

Dieter Liebhart, 02.09 2016, 13:22
Danke, Fr. Cioflec, für diese ausführliche und tiefgreifende Buchvorstellung. Ich hoffe, es bei meinem Besuch in Hermannstadt am 24./25. September kaufen zu können.

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