Ein Volk ohne Heimat

Fotografieausstellung „Kurdistan“ von Andrei Burcea im Deutschen Kulturzentrum Kronstadt

Freitag, 09. Februar 2018

Bei der Vernissage der Ausstellung am 19. Januar im Deutschen Kulturzentrum
Foto: Deutsches Kulturzentrum Kronstadt

Es ist Mitte Oktober und das Thermometer zeigt 35 Grad im Schatten an, als Andrei Alexandru Burcea in Diyarbakir, der Hauptstadt der Kurden in der Türkei ankommt. Die Reise wurde ihm durch ein ERASMUS + Programm ermöglicht. Hier soll er mit Kindern aus einem Jesiden-Flüchtlingslager arbeiten. Neun Tage lang dokumentiert Andrei das Flüchtlingslager und spricht mit den Jesiden. Für sie sind die Zelte des Lagers wie ein riesiger Warteraum. Wird es weitergehen, in ein neues Zuhause? Andrei Burcea ist 22 Jahre alt und hat Fotografie an der Bukarester Kunstuniversität studiert. Während seines Aufenthalts in Kurdistan hat der junge Kronstädter Fotograf die Leute fotografiert. Rauchend, spielend, miteinander plaudernd, Wäsche waschend, lachend, nachdenkend. Aber vor allem: wartend. Das Deutsche Kulturzentrum Kronstadt zeigt bis zum 19. März einige der Fotografien, die im Flüchtlingslager entstanden sind. Zum Anschluss an die Vernissage am 19. Januar ist das Publikum mit Andrei ins Gespräch getreten.
 

Zu Gast in einem Flüchtlingslager

Während die Frage nach dem eigenen Heimatland für die meisten leicht zu beantworten ist, stellt sie die Kurden vor ein grundsätzliches Problem. Mit rund 30 Millionen Menschen sind sie weltweit das größte Volk ohne einen eigenen Staat. Der Großteil der Kurden lebt in der Türkei, dem Irak, dem Iran und in Syrien. Im Laufe der Geschichte sind sie immer wieder zum Spielball der Mächte im Nahen Osten geworden, der eigene Staat wurde mehr und mehr zum Mythos.Die Jesiden, eine kurdisch-religiöse Minderheit, wurden in der Vergangenheit zahlreichen Pogromen und Massakern ausgesetzt und sind als „Teufelsanbeter“ beschimpft. Den wichtigsten Engel, den als Aspekt Gottes geltenden Melek Taus, verehren die Jesiden in der Form des heiligen Pfaus. Eine weitaus größere Gefahr droht den Jesiden nun durch die neue Offensive der islamistischen ISIS-Gruppe, die immer weiter in das Kerngebiet der Jesiden eindringt. Die meisten Flüchtlinge versuchen in Irakisch-Kurdistan eine Zuflucht zu finden. Die kurdische Regierung ist allein mit der Situation überfordert, ihre Aufnahmekapazitäten sind längst erschöpft.
 

Eine andere Welt

„Schon mit 10-12 Jahren war ich von der Kultur und der Bevölkerung des Orients fasziniert, die ich aus einem Videospiel kannte. Dann kam der Geschichte-Unterricht aus der Schule und die Philosophie-, Kunstgeschichte- und Architekturkurse an der Uni. Ich träumte davon, das Gebiet zwischen Tigris und Euphrat zu durchstreifen. Ich bin auch an der aktuellen Lage der Flüchtlinge interessiert. Obwohl es auf Facebook und in anderen Social-Media-Kanälen nur so von Fotos und Videos zu diesem Thema wimmelte, habe ich gewusst: ich kann mir erst dann ein Bild davon machen, wenn ich selber hinfahre“, erzählt Andrei Burcea.

Als ihm ein Kollege vorschlug, mit ihm zusammen in den Orient zu reisen, sagte er auf der Stelle zu. Ein paar Tage später saß er in einem Kleinbus mit vielen Leuten, die Musik hörten und kurdisch sprachen. „Der Kleinbus war wie eine Disco auf Rädern. Neonlicht, bunte Teppiche, eine Disco-Kugel. Die nächsten Tage habe ich dann im Flüchtlingslager verbracht und ich konnte kaum glauben, dass ich endlich an dem Ort bin, wo ich schon immer hin wollte. Ich habe mich wie ein Schwamm gefühlt, der alles in sich aufsaugt. Mit jedem Foto, das ich nach meiner Rückkehr nach Rumänien entwickelt hatte, kamen andere Erinnerungen in mir hoch. Nach dieser Erfahrtung ist mir klar geworden: wenn man in derartigen Projekten mitmacht, glaubt man, dass man den Menschen von dort hilft. Das passiert jedoch nicht. Ich glaube, am meisten hilft man sich selbst. Man lernt vieles, nicht nur über Andere, sondern auch über sich selbst“, meint Andrei. Die Ausstellung „Kurdistan“ ist die erste aus einer Reihe von sechs, die im Laufe des Jahres von Horia Petrascu (APPARATUS) kuratiert und im Deutschen Kulturzentrum Kronstadt gezeigt werden wird. Sie kann bis zum 19. März, montags bis freitags, zwischen 11 und 16 Uhr im Deutschen Kulturzentrum (Langgasse nr. 31) besucht werden. Der Eintritt ist frei.

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