Ein vorbildlicher Stadtarchivar

Zum 90. Todestag von Friedrich Stenner

Sonntag, 16. März 2014

Friedrich Stenner im Jahre 1896. Foto: Karl Muschalek, Reproduktion: Camelia Neagoe

Grabplatte für Friedrich Stenner am Innerstädtischen Friedhof.
Foto: Hans Butmaloiu

Am 7. Februar 1924 starb der langjährige verdienstvolle Kronstädter Stadtarchivar Friedrich Stenner, seit dessen Tod sich heuer 90 Jahre erfüllten. Auch wenn es noch nicht ein volles Jahrhundert ist, erscheint es uns auch schon heute sinnvoll, das Andenken an ihn wieder aufzufrischen. 

Friedrich Wilhelm Stenner wurde am 26. August 1851 in Kronstadt und zwar im Hause Ciocrac Nr.1 geboren, als Sohn des Gymnasiallehrers Friedrich Martin Stenner (1816 – 1896), der später Pfarrer in Nussbach wurde. Seine Mutter war die Apothekerstochter Friederike geb. von Miller (1828 – 1863), die der Sohn schon im Alter von 13 Jahren verlor.

Friedrich  Stenner besuchte das Honterusgymnasium in Kronstadt, das er im Jahre  1871 absolvierte. Er studierte danach in den Jahren 1871 – 1875 die Rechte an den Universitäten in Graz und in Budapest. Nach seiner Heimkehr wurde er beim Kronstädter Stadt- und Distriktsmagistrat zuerst als Sekretär angestellt, wurde  dann zum Notären ernannt und rückte 1877 zum Leiter der Expeditskanzlei des Magistrats auf.

Seit seiner Heimkehr nach Kronstadt im Jahre 1875 wirkte Friedrich Stenner auch im Kronstädter Männergesangverein. Er hatte eine schöne Bassstimme und wirkte in zahlreichen Aufführungen auch als Solist mit. Von 1878 bis 1897 war er auch Archivar des Vereins und wurde von 1897 bis 1909 sein zweiter Vorstand.

Am 11. Mai 1878 heiratete Friedrich Stenner seine erste Frau Antonia Mieß (185 -1882), die aber schon nach drei Jahren im Alter von nur 26 Jahren starb.

Am 29. Juni 1878 wurde Stenner zum Stadtarchivar gewählt und hat dieses Amt ein Vierteljahrhundert lang ausgeübt und sich dabei viele Verdienste erworben.

Im Jahre 1887 heiratete Friedrich Stenner zum zweiten Mal, und zwar Julie Maria Scheeser (1868 – 1890). Sie gebar ihm in den Jahren 1889 und 1890 zwei Töchter und starb 32-jährig kurz danach.
Im Jahre 1903 wurde Friedrich Stenner zum Magistratsrat gewählt und rückte 1910 zum ersten Magistratsrat oder Bürgermeister-Stellvertreter vor.

Durch seine langjährige Archivarbeit war er wie kein anderer für dieses Amt vorbereitet.
Im Jahre 1914  wurde er in den Ruhestand versetzt, den er knapp ein Jahrzehnt lang genießen konnte.
Gemäß dem neuen „Organisations-Statut“ von Kronstadt aus dem Jahre 1878 wurde durch Stenner die Trennung der Registratur vom Archiv durchgeführt, das im alten Rathaus blieb, während die Registratur mit den anderen Abteilungen  in das neue Magistratsgebäude am unteren Ende der Purzengasse übersiedelten.

Um eine entsprechende Qualifikation für sein neues Amt zu erwerben, besuchte Stenner im Jahre 1879 einen Fachkurs beim Hermannstädter Archivar Franz Zimmermann (1850 – 1935) und machte noch während des Kurses Vorschläge zur entsprechenden Einrichtung des Kronstädter Stadtarchivs.
Nach dem Vorbild von Zimmermann gliederte Stenner die Archivalien nach ihren äußeren Merkmalen in verschiedene „Archivgruppen“ oder Abteilungen, wie zum Beispiel:

I. Urkunden
II. Akten
III. Rechnungen
IV. Protokolle
V. Repertorien
VII. Bibliothek
VIII. Pläne und Karten

Innerhalb der Abteilungen gab es wiederum Unterabteilungen, die mit Buchstaben bezeichnet wurden.
Eine besondere Aufmerksamkeit widmete Stenner – wie sein Lehrmeister Zimmermann – den Urkunden. Es bestanden damals die sogenannte „Privilegien-Sammlung“, die vom Stadtarchivar Georg Michael Gottlieb von Herrmann im Jahre 1765 verzeichnet wurde, sowie die von den Archivaren Eduard Fronius in den Jahren 1818 – 1819 und Friedrich Schnell in den Jahren 1845 – 1846 in gebundenen Bänden zusammengefassten Urkundensammlungen. Daneben gab es mehrere Hunderte von alten Schriftstücken, die weder geordnet noch verzeichnet waren. So konnte es geschehen, dass kurz vor dem Amtsantritt Stenners mehrere alte slawische Urkunden aus dem Kronstädter Archiv verschwanden und später von einem rumänischen Forscher in einem Antiquariat in Wiesbaden(!) gekauft werden konnten und der Rumänischen Akademie in Bukarest übergeben wurden.

Friedrich Stenner führte die alten ungeordneten Schriftstücke in eine nach ihm benannte „Stenner`sche Urkundensammlung“ zusammen, die nach Sprachen in zwei Serien gegliedert waren. Die lateinisch-deutsch-ungarische Serie ist in sechs großen Mappen untergebracht und die slawisch-rumänische Serie war in zwei Mappen untergebracht.

Die Stenner-Urkunden wurden schon früh der Forschung zugänglich gemacht und besonders die slawischen und rumänischen Urkunden fast vollständig auch veröffentlicht, weil sie für die rumänische Geschichte der größte derartige Bestand sind. (In Hermannstadt sind viel weniger slawische Urkunden und im Bistritzer Archiv noch weniger erhalten geblieben.)

Erst in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde die Stenner-Sammlung auch archivarisch verzeichnet und zwar zuerst die slawisch-rumänische Serie, die etwa 770 Stücke  aus den Jahren 1369 – 1803 umfasst. Die Regesten (Inhaltsangaben) der Urkunden wurden ursprünglich von Monica Cincu verfasst, von Gernot Nussbächer überarbeitet und mit den bibliografischen Angaben über die früheren Veröffentlichungen versehen, während die Indizes von Elisabeta Marin erstellt wurden. Aus dem Typoskript vom Jahre 1984 – das sich in der Reihe der Findbücher im Kronstädter Staatsarchiv befindet – ist das auch klar ersichtlich. Als das Findbuch in Form eines chronologischen Kataloges im Jahre 1986 gedruckt wurde, blieb aus heute nicht nachvollziehbaren Gründen der Name Elisabeta Marin unter den Verfassern leider aus.

In der Folge wurde auch die lateinisch-deutsch-ungarische Serie archivarisch verzeichnet. Sie enthält über 1000 Schriftstücke aus dem Zeitraum 1380 – 1820. Im Jahre 1987 wurden die Findbücher dafür – ebenfalls in der Form von chronologischen Katalogen – fertiggestellt, es fehlt aber ein laut den damals gültigen Vorschriften von 1984 verpflichtendes Vorwort dazu, dem zu entnehmen wäre, wer an der Verzeichnung mitgearbeitet hat. Die ersten drei Mappen sind in je einem Findbuchband verzeichnet, die letzten drei in einem gemeinsamen Band.

Friedrich Stenner war ein vielseitiger Archivar, der im Stadtarchiv alles sammelte, was für die Stadtgeschichte von Interesse sein konnte. Eine große Aufmerksamkeit widmete er den in Kronstadt gedruckten Büchern und Zeitschriften, ebenso den Vereinsschriften, die er in die Archivbibliothek stellte.

Ebenso sammelte Stenner auch Fotografien von Ansichten aus Kronstadt und Umgebung von den Fotografen Carl Muschalek und Leopold Adler und andern, die er in zwei große und vier kleine Alben binden ließ, und die heute  wichtige Bildquellen zur Geschichte von Kronstadt darstellen. In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden diese 288 Fotografien auf Anregung der damaligen Archivdirektorin Elisabeta Marin durch den Hauptarchivar Gernot Nussbächer intensiv verzeichnet und so der Forschung zugänglicher gemacht.

Ebenso legte Stenner eine reiche Sammlung der in Kronstadt gedruckten Ansichtspostkarten an, die aber vor etwa zwei Jahrzehnten auf ungeklärte Weise aus dem Staatsarchiv verschwand. Auch legte er eine Sammlung von Abzeichnungen von Wasserzeichen an, die aus seinem Nachlass in das Kronstädter Staatsarchiv kam.

Als Stadtarchivar war Friedrich Stenner auch wissenschaftlich aktiv. Es war nur natürlich, dass er bei der von der Stadtverwaltung  herausgegebenen Reihe „Quellen zur Geschichte der Stadt Kronstadt“ eine maßgebliche Rolle hatte, besonders bei den ersten drei Bänden (1886 – 1896), in denen hauptsächlich Schriftstücke aus dem Stadtarchiv publiziert wurden, viele von Stenner selbst bearbeitet. Ebenso half er dem Stadtarzt Dr. Eduard Gusbeth (1839–1921) bei der Dokumentation seiner Arbeit „Zur Geschichte der Sanitätsverhältnisse von Kronstadt“ (1884) und dem Forstmeister Eduard Zaminer bei der Ausarbeitung seiner „Geschichte des Waldwesens der k. freien Stadt Kronstadt“ (1891). Für das „Verzeichnis der Kronstädter Zunft-Urkunden“ von 1886 bearbeitete Friedrich Stenner die im Stadtarchiv befindlichen Urkunden.

Besonders verdienstvoll ist seine Unterstützung der Erforscher der slawischen und rumänischen Urkunden, von denen wir nur Ioan Bogdan (1864– 1919) und Nicolae Iorga (1871– 1940) nennen. Ebenso schrieb Stenner viele lateinische Urkunden zur rumänischen Geschichte für die Rumänische Akademie in Bukarest ab. Für seine diesbezüglichen Verdienste wurde ihm im Jahre 1894 der Rumänische Kronen-Orden verliehen.

Von praktischer Bedeutung waren auch Stenners Arbeiten über „Das Kaufhaus in Kronstadt“ (1888) und zur Geschichte des Klostertores. (1889), ebenso über „Das Wappen von Kronstadt“ (1903). Die Abhandlung „Die Wandlungen der politischen Verwaltung bei der Stadt Kronstadt im 19. Jahrhundert“ (1900) wurde erst im Jahre 2011 veröffentlicht.

Nach seiner Pensionierung arbeitete Friedrich Stenner an seinem Hauptwerk: „Die Beamten der Stadt Brassó (Kronstadt) von Anfang der städtischen Verwaltung bis auf die Gegenwart“, das eine bisher einzig dastehende Pionierarbeit ist. Es ist ein alphabetisches Namensverzeichnis der aus Urkunden und Rechnungen sowie anderen Quellen erschlossenen städtischen Beamten vom 14. Jahrhundert bis zum Jahre 1916 mit Angaben über deren Leben und Amtswirksamkeit.  Das Buch konnte im Jahre 1916 kurz vor dem Kriegsausbruch gedruckt werden.

Nach der Rückkehr von der Flucht im Jahre 1916 ließ Friedrich Stenner seine reiche Privatsammlung von lokalgeschichtlich wertvollen Kleinschriften in handliche Bände einbinden.

Im Jahre 1919 wurde Stenner auch Mitglied der „Vereinigung Kronstädter Sammler“, die das Burzenländer Sächsische Museum gegründet hatte und betrieb und wirkte bis zu seinem Tode als Sekretär dieser Vereinigung.

Im Jahre 1923 konnte Stenner es noch erleben, dass sein alter Vorschlag über die Verlegung des Stadtarchivs aus dem inzwischen überfüllten alten Rathaus in die frühere Schmiedbastei verwirklicht wurde.  

Die gebundene Stennersche Coronensia-Sammlung gelangte mit andern Büchern im Jahre 1957 in das Südost-Institut in München – wohin seine jüngere Tochter schon früh geheiratet hatte – und wurde dort verzeichnet und ihr Inhalt in dem 1990 gedruckten Bestandskatalog auch veröffentlicht. Nach fast einem halben Jahrhundert gelangte diese Stenner-Sammlung mit der finanziellen Förderung des Siebenbürgen-Institutes in Gundelsheim und der Heimatortsgemeinschaft Kronstadt dank der Bemühungen des Archivars  Thomas Şindilariu wieder nach Kronstadt in das Archiv der Honterusgemeinde, wo sie einen häufig benützten Bestand darstellt ( Vgl. Lebensräume Nr. 6 + 7/ 2007). Ebenso gelangte dorthin ein Exemplar der von Stenners Enkel Adolf Hartmut Gärtner angefertigten Abschrift der  Familienchronik, die Friedrich Stenner bis kurz vor seinem Tod fortgeführt hat. Eine Grippe mit Lungenentzündung bereitete seinem Leben ein zu frühes Ende. Er starb am 7. Februar 1924 in seiner Wohnung am Roßssmarkt Nr. 14 – wohin er nach seiner Pensionierung im Jahre 1914 gezogen war – und wurde am 9. Februar in der Gruft C-36 am Innerstädtischen Friedhof beigesetzt.

Im Jahrbuch des Kronstädter Kreismuseums von 1970 wurden in zwei Beiträgen Stenners Verdienste um das Kronstädter Stadtarchiv gewürdigt.

Im Jahre 1972 erschien ein Beitrag über Stenner in dem von der Kreisbibliothek herausgegebenen Nachschlagewerk über Kronstädter Gelehrte.

Danach  erschien ein Aufsatz über Friedrich Stenner (Neuer Weg, Nr. 8567, 30. November 1976). Später wurde Stenner auch in der rumänischen Archivzeitschrift gewürdigt (Revista Arhivelor Nr. 2/1978) sowie im Wörterbuch der historischen Hilfswissenschaften (Bukarest 1982).

 Eine neue Welle der Stenner-Würdigung brachte das Jahr 2011, als in dem von Thomas [indilariu herausgegebenen Bande „Kronstadt und das Burzenland“ Stenners oben erwähnte Abhandlung von 1900 über die Verwaltung der Stadt Kronstadt im 19. Jahrhundert gedruckt wurde, ebenso seine Arbeiten „Die Fahne der Kronstädter Bürgerwehr“ (1886) und „Die Kronstädter Stadtfarben ‘blau-rot’“ (1900).
So zeigt sich, dass die Verdienste von Friedrich Stenner sein Leben weit überdauert haben. Mit seinen  umfassenden historischen Kenntnissen, die zu einer tiefen Heimatliebe führten und diese wiederum zu einer archivarischen Vision hat er vorbildhaft dafür gesorgt,  dass die Quellen zur Geschichte seiner Vaterstadt gesammelt, bewahrt, erschlossen und bekannt gemacht wurden, wofür ihm die späteren Generationen dankbar sein können.

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