Ein weiteres Kapitel aus Joseph Haydns Streichquartettschaffen

Das Quartett „Voces“ mit drei Werken aus Haydns Opus 64 in Bukarest

Montag, 27. November 2017

Die rumänische Streichquartettformation „Voces“, die vor vier Jahren ihr vierzigjähriges Bestehen feiern konnte, hat in ihrem Jubiläumsjahr 2013 mit einem konzertanten Gang durch das reiche Quartettschaffen desjenigen Komponisten begonnen, der als Begründer der kammermusikalischen Gattung des Streichquartetts gelten kann und selbst die unglaubliche Zahl von 83 Werken in dieser Gattung geschaffen hat: Joseph Haydn.

Der konzertante Haydn-Zyklus des „Voces“-Quartetts, der am 20. November 2013 mit Quartetten aus Haydns Opus 1 und 2 eröffnet wurde, fand am 14. November 2017 eine weitere Fortsetzung mit drei Quartetten aus Joseph Haydns op. 64, den sog. Tost-Quartetten. Haydn hatte die 1790 entstandenen sechs Streichquartette seines Opus 64 Johann Tost gewidmet, dem Zweiten Konzertmeister des Orchesters der Familie Esterházy, bei der Haydn jahrzehntelang als Erster Kapellmeister in deren Hauptresidenzen Wien, Eisenstadt und Esterháza wirkte. Der geschäftstüchtige Johann Tost hatte seinem Pariser Verleger bereits 1788 sechs Quartette Haydns zum Verkauf angeboten, nämlich dessen Streichquartette op. 54 und op. 55, die daraufhin ebenfalls als Tost-Quartette bezeichnet wurden. Doch nur die sechs Streichquartette op. 64 tragen den Widmungszusatz „Ŕ Monsieur Jean Tost“.

Von den insgesamt sechs Quartetten des Haydnschen Opus 64 gelangten am Abend des 14. November im Großen Saal des Rumänischen Rundfunks in Bukarest drei Streichquartette zur Aufführung. Bujor Prelipcean (1. Violine), Vlad Hrubaru (2. Violine), Constantin Stanciu (Bratsche) und Dan Prelipcean (Cello) interpretierten die Tost-Quartette Nr. 1 in C-Dur, Nr. 3 in B-Dur und Nr. 6 in Es-Dur.

Eröffnet wurde der Konzertabend im mäßig besetzten „Mihail Jora“-Saal des Rumänischen Rundfunks mit dem ersten der Streichquartette aus Haydns Opus 64. Das viersätzige Werk, in dem der obligatorische langsame Satz durch ein Allegretto scherzando ersetzt ist, wurde vom Quartettensemble „Voces“ in perfektem Zusammenspiel und in subtiler Abstimmung der vier Streicherparts dargeboten, wobei die vier Instrumentalisten vor allem darum bemüht waren, Strukturen sichtbar zu machen und das kompositorische Konstrukt der Haydnschen Kreation möglichst luzide zu durchleuchten. Das Minore-Trio im zweiten Satz Allegretto ma non troppo und die stilisierten Variationen im bereits erwähnten dritten Satz Allegretto scherzando zählten dabei zu den Höhepunkten ihrer Darbietung.

Wie in den vorangegangenen Konzerten des Haydn-Zyklus versuchten die vier „Voces“-Instrumentalisten auch in dieser Konzertfolge, Elemente der Modernität in Haydns Werken sichtbar zu machen. Das wurde bei der Aufführung des Quartetts op. 64 Nr. 1 vor allem im Presto-Finalsatz deutlich. Der enggeführte Kanon mit unregelmäßigen Einsätzen wurde vom Quartett „Voces“ musikalisch so dargeboten, als zerfiele und zerbrösele das Notenmaterial und löse sich atomistisch in seine kleinsten Bestandteile auf, um dann doch wieder harmonisch in vollendeter Form aufzuerstehen, ein Effekt, den das „Voces“-Quartett auch in den anderen beiden an diesem Abend dargebotenen Streichquartetten aus Haydns Opus 64 mutatis mutandis wiederholte, zum Beispiel auch durch den Klang verfremdende Bogenstriche direkt am Steg oder durch weitere spezielle Spieltechniken.

Das dritte Tost-Quartett in B-Dur bestach in der Darbietung durch das „Voces“-Quartett in seinem ersten Satz (Vivace assai) mit jenem ungarischen Reitermotiv, das urplötzlich in die Exposition des Themas einfällt und genauso urplötzlich wie ein Spuk wieder verschwindet, ein musikalischer Vorgang, der sich in der Durchführung wiederholt und dadurch bei den Zuhörern erneut für Verblüffung sorgt. Die bereits erwähnten Verfremdungseffekte wurden von den „Voces“-Instrumentalisten vor allem am Schluss des langsamen Adagio-Satzes bei der chromatisch absteigenden Coda zur Anwendung gebracht. So war auch bei der Interpretation dieses Streichquartetts die Modernität des Haydnschen Quartettschaffens unmittelbar zu spüren. Das spielfreudige Allegretto-Menuett und das mitreißende Allegretto-Finale beschlossen dann den viersätzigen Reigen des dritten Tost-Quartetts.

Wie in den früheren Folgen ihrer Haydn-Darbietungen verzichteten die Streicher des „Voces“-Ensembles auch in diesem Konzert auf eine Pause und beschlossen den Abend ohne Unterbrechung mit dem sechsten und letzten der Haydn-Quartette op. 64. Das auch als „Eisenbahner“-Quartett bekannte Werk wartete in der „Voces“-Interpretation insbesondere im ersten Allegretto-Satz mit ungewohnten Hörerlebnissen auf, wobei die vier Streicher vor allem in den radikal polyphonen Passagen ausgiebig schwelgten. Auch das dramatische Andante, das vergnügliche Menuetto mit dem hübschen Ländler-Trio und der Presto-Finalsatz wurden vom „Voces“-Quartett mit großer Hingabe dargeboten. Das rumänische Streichquartett-Ensemble stellte mit diesem Konzert ein weiteres Mal seine überragende Könnerschaft unter Beweis und machte das Publikum bereits wieder neugierig auf die nächste Folge seines umfassenden Haydn-Zyklus.

Dass Kammermusik eine andere und intimere Dimension des Musikalischen evoziert als große sinfonische Musik, wurde auch an äußerlichen Details dieses Konzertabends im Großen Saal des Rumänischen Rundfunks deutlich. So rannten beispielsweise nach Beginn des Konzerts erst noch zwei Buben lautstark auf ihre Plätze in der ersten Reihe. Dann verwunderte zudem ein fünfter Stuhl, der zu Beginn der Darbietung zwischen den Plätzen des Primarius und des zweiten Geigers auf der Bühne stand, bis die überzählige Sitzgelegenheit nach dem Verklingen des ersten Tost-Quartetts vom ersten Geiger höchstselbst zum im Hintergrund stehenden Konzertflügel getragen wurde, wo sie den restlichen Abend über verwaist dastand. Außerdem mussten zwischen den einzelnen Sätzen der folgenden Quartette die beiden bereits erwähnten zappeligen Buben mehrfach vom Primarius zur Ruhe gemahnt werden. Am Ende des Konzerts wurden die zwei kleinen Strolche jedoch herzhaft geküsst, weil sie den vier Musikern beim lang anhaltenden Schlussapplaus auf der Bühne vier rote Rosen überreichten. So wurde der Große Radiosaal an diesem Bukarester Abend nicht nur musikalisch zu einem kleinen Wohnzimmer, zu einer Kammer, in der Kunst und Leben, Alter und Jugend, Artistik und Alltag einander versöhnlich begegneten.

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